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Erinnerungskultur
Stolperstein in der Woltersdorfer Werderstraße eingelassen

Einen Moment innehalten: Anny Przyklenk, Lothar Löbel und Edgar Gutjahr (v.l.) am neuen Stolperstein
Einen Moment innehalten: Anny Przyklenk, Lothar Löbel und Edgar Gutjahr (v.l.) am neuen Stolperstein © Foto: Annette Herold/MOZ
Annette Herold / 05.12.2019, 20:20 Uhr
Woltersdorf (MOZ) Ob er ein Haustier hatte, wollen die Mädchen und Jungen wissen. In welche Schule er gegangen ist, interessiert sie, ob er gern verreist ist, was sein Lieblingsbuch war – und ob Hans Leibnitz gesund im jüdischen Ghetto Litzmannstadt, heute Łódz, angekommen ist.

Dort ist der Mann wenig später gestorben. Donnerstagmittag wurde in der Woltersdorfer Werderstraße 43 seiner gedacht und zu seinen Ehren ein Stolperstein in den Gehweg eingelassen. Leibnitz war Mitbesitzer von Grundstück und Haus. 1940 muss es das Haus noch gegeben haben, wie der Woltersdorfer Lothar Löbel bei seinen Recherchen zu Leibnitz’ Schicksal ermitteln konnte. 1940, ein Jahr bevor Hans Leibnitz deportiert wurde, erwarb es bei einer Zwangsversteigerung laut Grundbuch der Kaufmann Karl Lehmann. Er muss es wohl weiterverkauft haben, wie Lothar Löbel, noch herausfand: Die Grundbucheintragung ist gestrichen.

Thema beim Schulprojekt

Fragen nach Aktenvermerken sind Erwachsenenfragen. Kinder interessieren sich für ganz andere Dinge, hat Reiner Grube, Pädagoge an der Freien Schule Woltersdorf, gerade wieder festgestellt. In den vergangenen Wochen haben sich Viert- bis Sechstklässler gemeinsam mit ihm auf den Termin in der Werderstraße vorbereitet. Von Lothar Löbel erfuhren sie Näheres über Hans Leibnitz, aber auch, dass es auf viele, viele Fragen nie eine Antwort geben könnte. Dabei hätte ein Tagebuch hilfreich sein können, sagte Reiner Grube bei der Stolperstein-Zeremonie. "Aber wir wissen von keinem Tagebuch", setzte er fort. Es gebe jedoch viel anderes zu lesen aus dieser Zeit, Informationen, aus denen Rückschlüsse auf Hans Leibnitz’ Leben möglich seien.

So berichtete innerhalb des Schulprojektes Anny Przyklenk über die Familie Gumpert, die in der Ethel-Julius-Rosenberg-Straße gelebt hat. Vor 20 Jahren ist Anny Przyklenk nach Woltersdorf gezogen und stellte fest, dass in der Ortschronik zu jüdischen Bewohnern nichts zu lesen war. Sie wandte sich an den inzwischen verstorbenen Ortschronisten Siegfried Thielsch, der sehr wohl Material hatte. Mit Lothar Döbel als Dritten im Bunde erarbeiteten sie eine Broschüre zum Thema. Bis heute beschäftigen sie sich mit diesen Schicksalen. Edgar Gutjahr gehört ebenfalls zur Initiativgruppe Stolpersteine.

Bei der Veranstaltung am Donnerstag, an der auch Bürgermeisterin Margitta Decker teilnahm, wandte er sich gegen das Vergessen. In Zeiten, in denen "Parteien wie die NPD und teilweise auch die AfD frei schalten und walten" dürften, sei es wichtig, die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus’ wachzuhalten. Es dürfe nie mehr passieren, dass Menschen spurlos verschwinden sagte er in Anspielung an das Schicksal von Hans Leibnitz, über den vieles eben auch nicht bekannt ist.

Hilfe vom Bauhof

Klaus Kelling hat letztlich dafür gesorgt, dass sich Passanten in der Werderstraße, die von dem Woltersdorfer bislang nichts wussten, künftig an ihn erinnern können. Bauhofmitarbeiter Kelling hat den Stolperstein in den Gehweg gebracht, nicht zum ersten Mal, aber anders als sonst nicht mit dem Mann hinter der Stolperstein-Idee, Gunter Demnig. Nicht zuletzt aus Verbundenheit zu ihm ist Klaus Kelling bei den Stolpersteinen im Einsatz. Und er freut sich, dass seine Vorgesetzten Jens Kiesewetter als Leiter der Woltersdorfer Wohnungsgesellschaft und Christian Gorny als Chef des Bauhofes das Erinnerungsprojekt unterstützen, indem sie seinen Einsatz möglich machen.

Aus Berlinund Woltersdorf

Hans Lebnitz wurde 1871 in Berlin geboren. Sein Vater Oskar, jüdischen Glaubens, gründete 1903 in Berlin eine Importfirma unter anderem für Schwämme. Der Sohn übernahm sie später und wurde durch Erbe Mitbesitzer von Grundstück und Haus in Woltersdorf. Ob und wie lange er dort lebte, ist unklar. Als er 1941 deportiert wurde, war eine Berliner Adresse angegeben. ⇥(Recherche: Lothar Löbel)

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