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Von Neuzelle bis Markgrafpieske: Ein Tag unterwegs mit der Fahrbibliothek Oder-Spree

Peggy Lohse / 14.02.2020, 07:00 Uhr - Aktualisiert 14.02.2020, 11:02
Beeskow (MOZ) Mit der Schulglocke fegt ein Wirbelwind aus zwei Dutzend Grundschulkindern durch den Bücherbus. Als ob die Nachwehen von Orkan "Sabine" ihn nicht schon genug hin und her schaukeln würden. Auf der Autobahn, auf den Landstraßen. Oder eben hier – 60 Kilometer von der heimischen Garage im Lese- und Medienzentrum Fürstenwalde entfernt – auf dem Schulhof der Neuzeller Grundschule. Alle zwei Wochen kommt die Fahrbibliothek des Landkreises Oder-Spree hierher. Insgesamt 55 Ortschaften sowie 20 Grundschulen und Kitas besucht die rollende Bücherei regelmäßig. Einige aller zwei Wochen, andere monatlich.

Die Fahrbibliothek wurde kurz nach der Wende eingerichtet, heute gehört sie zum Lese- und Medienzentrums Oder-Spree. Dieses versorgt außerdem Schulen mit Materialien für den Unterricht, organisiert Veranstaltungen. Ehrenamtliche Bibliotheken können sich hier Leihgaben für ein halbes Jahr bestellen. Die Fahrbibliothek gehört auch zum Online-Ausleihe-Verbund LOS24, gemeinsam mit den Büchereien in Beeskow, Storkow, Erkner, Eisenhüttenstadt, Schöneiche, Fürstenwalde und Grünheide gehören. Der Etat für Neuerwerbungen des Lese- und Medienzentrums beträgt, so Medienzentrums-Leiterin Marina Aurich, etwa 40 000 Euro. Für Bücher wäre das sehr viel, aber für Medien wie CDs und DVDs müssen stets Leih-Lizenzen mit erworben werden. "Und die sind teuer", ergänzt sie.

Aus Rot wird Grün

Die erste Nutzerin heute ist eine Stammkundin: Die ehemalige Lehrerin der Grundschule Neuzelle hat früher die Schülerzeitung betreut und über den alten, roten Bücherbus berichtet, als dessen Einstellung drohte. Astrid Bahro schätzt den guten Service und die Aktualität, sucht sich immer mindestens drei dicke Romane aus. Die Präsenzbestände stammen aus den letzten drei Jahren. Neuerwerbungen ersetzen die ältesten Medien. Die Nutzenden können vor Ort, per Telefon und online immer auch Medien bestellen. Und dann im Bus abholen – Schulkinder wie Erwachsene.

Der heutige Bücherbus ist seit März 2019 unterwegs. Der alte, rote Buch-Lkw steht noch auf dem Hof in Fürstenwalde: Aber er hatte weder eine Klimaanlage noch ausreichend starke Internet-Router, um das Ausleihsystem in allen Orten benutzen zu können. Mit der Zeit kam der Verschleiß dazu.

"Früher hatten wir im Sommer um die 40 Grad drinnen, im abgetrennten Führerhaus noch mehr", erinnert sich Edgar Bunde, der die Fahrbibliothek schon seit über zehn Jahren durch den Kreis steuert. Der neue Bus wurde in Finnland produziert. Die Antennen und Internetrouter an Bord seien etwa so viel Wert wie ein Kleinwagen, schätzt Bunde. Bei starkem Wind hat der neue Bus noch einen Vorteil: "Er ist deutlich schwerer", so Bunde. Etwa 14 Tonnen könnte der neue Bücherbus auf die Waage bringen, der Alte nur gute elf Tonnen. Mit jenem hätte er die Tour bei Starkwind womöglich schon abgebrochen.

Bunde kann viele Geschichten erzählen: vom Zwangsstopp zwischen umgefallenen Bäumen letztes Jahr im Herbst im Schlaubetal und früheren Schneeverwehungen auf den Feldern. Als es vor Jahren schlecht um die Fahrbibliothek stand, fuhr er allein die Touren. Sparmaßnahme. Mittlerweile gibt es mehr Mittel: seit März ein neues Gefährt, seit November einen zweiten Fahrer, seit Januar einen umfangreicheren Fahrplan.

"Aktuell sind wir mit der Auslastung am Limit", sagt Elke Schulze, die für Öffentlichkeitsarbeit und den Kontakt zu den Kitas und Schulen verantwortlich ist. Wie alle vier Mitarbeiterinnen des Medienzentrums fährt sie regelmäßig mit und betreut die Ausleihe.

Jugendbuch-Klassiker weiter gefragt

In Neuzelle klingelt es zur zweiten Pause: Eine Kindergruppe stürmt den Bus, gefragt sind Klassiker: "TKKG", "Harry Potter" und "???", Pferde- und Freundschaftsgeschichten, Hör- und Technikbücher. Dass die Jugend weniger lesen würde, kann Schulze nicht bestätigen. Das Interesse sei sehr groß. Fünf bis sechs Medien können Kinder aber nur mitnehmen, damit sie nicht zu schwer tragen, zuhause nichts verlegen. Verzugsgebühren gibt es für Schulkinder nicht mehr: Stornierungen wegen Ferien machten unnötig viel Arbeit.

Nach 120 Kilometern endet die Vormittagstour wieder im Medienzentrum. Hier wechseln die Fahrer. Damit die vorgegebene Maximalarbeitszeit nicht überschritten wird. Marek Kassubeck übernimmt die zweite Runde. In pastellfarbenem Lindgrün rollt die Fahrbibliothek – als "Bote des Landkreises" wie es Aurich nennt – weiter durch den stürmischen und verregneten Februar in Orte, wo es vieles schon nicht mehr gibt. An jeder Station steht sie  eine gute halbe Stunde.

Das Wetter schreckt ab. Nur knapp vierzig Besucher kommen am Nachmittag. Insgesamt gibt es 1000 aktive Nutzer, weiß Elke Schulze aus der Buchungsstatistik. Rund 11 000 Besucher habe der Bücherbus im Jahr. Viele Familien nutzten ja einen Ausweis.

"Papa, kannst du mir ‚Sternenschweif’ vorlesen? Sind aber keine Bilder drin", ruft Laureen Mieske heruaufordernd durch den Bus. Sie ist neu nach Markgrafpieske gezogen, lernt gerade lesen. Vater Nico Lehmann meldet sie neu im Bücherbus an.

Simone Heckel kommt in Rauen mit ihren Mädchen Carla und Tessa vorbei. "Meine Töchter sind Kinderbuch-Reporterinnen", sagt Heckel stolz. In ihrem Instagram-Kanal rezensieren sie Kinderbücher. Entsprechend beäugen sie auch die Bücher der engeren Auswahl. Carla sucht Jugend-Krimis, Tessa möchte Pippi Langstrumpf vorgelesen bekommen.

Auch ältere Menschen kommen. Gerlinde Briesenick seit drei Monaten. Ihre Schwester in Spreenhagen hatte ihr die Fahrbibliothek empfohlen. Jetzt stöbert sie in der Roman-Abteilung und bestellt Folgeteile. "Bücher sind ja auch teuer", sagt sie, "und sammeln sich zuhause."

Bücherbus plus?

Marina Aurich könnte sich gut vorstellen, dass der Bücherbus noch mehr Funktionen übernehmen könnte. Gelbe Säcke hat er schon an Board. Vielleicht eine Art rollender Info-Punkt des Landkreises? Zukunftsmusik. Aber Grün steht ja für Wachstum und Hoffnung. Und zart grün ist ja auch der Bücherbus. Und sogar ziemlich sturmfest.

Kommende Bücherbus-Termine

Die nächsten Stationen rund um Beeskow:Ahrensdorf (Lindenstraße): 9. März, 14.30 - 15 Uhr; Beeskow (Kreisverwaltung): 27. Februar, 13.30 - 14 Uhr; Behrensdorf (Lindenallee/Spielplatz): 9. März, 13.45 - 14.15 Uhr; Bornow (Spielplatz): 12. März, 16.30-17 Uhr; Buckow (Neue Dorfstraße): 9. März, 18 - 18.30 Uhr; Falkenberg (Spielplatz Dorfstraße): 9. März, 16 - 16.30 Uhr; Glienicke (Feuerwehr): 12. März, 14.30 - 15 Uhr; Görsdorf (Straße des Friedens): 9. März, 15.15 - 15.45 Uhr; Görzig (Görziger Straße): 27. Februar, 16.15 - 16.45 Uhr; Groß Rietz (Am Schloss): 27. Februar, 17 - 17.30 Uhr; Herzberg (Kirchstraße): 27. Februar, 18.45 - 19.15 Uhr; Limsdorf (Parkplatz Springseeweg): 12. März; 15.30 - 16 Uhr; Lindenberg (Parkplatz Dorfstraße): 27. Februar, 17.45 - 18.30 Uhr; Möllendorf (Bushaltestelle): 9. März, 17 - 17.30 Uhr; Pieskow (Pieskow 14/Kita): 27. Februar, 14.30 - 15.30 Uhr, Rauen (Chausseestraße/Bäcker): 10. März, 17 - 17.30 Uhr⇥plo

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