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Studien
Der Woltersdorfer Biologe Frank begleitet die Wanderungen der Fische

Kerstin Ewald / 18.05.2020, 17:01 Uhr
Woltersdorf/Neubrück (MOZ) Der Himmel ist klar, das Spreewasser rauscht über die Staustufe des Neubrücker Wehrs. Um sich gegenseitig zu verstehen, muss man die die Stimme etwas heben. "Die Strömung am niedrigsten Becken muss stark genug sein, die Fische anzuziehen, ähnlich wie in der Natur", sagt Frank Fredrich. Er steht auf einem Metallsteg am unteren Ende eines über hundert Meter langen Bauwerks aus Beton und Granit – an einer Fischtreppe, in der Fachsprache "Wanderhilfe" genannt. Sie ist in zwölf Becken unterteilt. "Hier links am Prallhang ist die Strömung stärker, hier kommen die Fische an, die Wanderhilfe steht hier genau richtig."

Blaue Latzhose, buschige Augenbrauen, die Lesebrille griffbereit an der Vordertasche der Hose. Seit seiner Zeit als Rostocker Biologiestudent in den 1970er Jahren, widmet sich Frank Fredrich den Fischen. Lange forschte er am Friedrichshagener Institut für Binnenfischerei. So gelangte er ins Berliner Umland, wo er heute mit seiner Familie in Woltersdorf lebt. Nach der Arbeit am Institut hat Frank Fredrich an der Uni Hamburg und für andere Auftraggeber die Wanderungen von Fischen untersucht. Dafür pflanzte er den Tieren kleine Sender ein und fuhr ihnen im Boot unter anderem auf der Elbe und der Spree hinterher. Nun, 67 Jahre alt, denkt er nicht daran, seinen Beruf als Fischbiologe aufzugeben.

Derzeit beobachtet er die Fische in der Umgebung von neugebauten und rekonstruierten Wehren im Landkreis Oder-Spree. Denn die Flüsse müssen für die Fische gut zu passieren sein.  Das fordert nicht zuletzt die Europäische Union. Und so benötigen Bauträger, wie der, der für die Brandenburger Landesregierung das Neubrücker Wehr  errichtete, die Expertise von Fachleuten wie Frank Fredrich. Er findet für sie heraus, ob die eingebauten Wanderhilfen taugen oder nicht. Einmal habe er schon eine Fischtreppen umbauen lassen, sagt der Fachmann.

Sohn Alexander begleitet Frank Fredrich oft auf seinen Inspektionsgängen. An diesem strahlenden Tag am Neubrücker Wehr steigt er als erster in die grüne Wathose mit integrierten Gummistiefeln und bereitet die Reuse am obere Becken der Fischtreppe vor.  Währenddessen vermittelt Vater Fredrich den Gästen ein paar Grundlagen zur Fischkunde. "Bei Hechten ist es besonders wichtig, dass die kleinen von ihnen gut durch die Fischtreppen kommen, sie müssen Abstand von den ausgewachsenen Artgenossen gewinnen, sonst werden sie gefressen", erklärt er.

Alexander Fredrich zieht die Reuse aus dem Wasser. Elf kleine Fische haben sich ins Netz verirrt. Ein Barsch, zwei Plötzen, ein Güster und ein winziger Gründling sind seit dem Vorabend flussaufwärts durchs Wehr geschwommen. "Nicht die Welt, aber das sagt noch nicht, dass die Fischtreppe nicht funktioniert", erklärt Frank Fredrich. Insgesamt 50 mal muss er die Fische in der Reuse zählen und messen, bevor er eine endgültige Aussage über die Güte der Wanderhilfe treffen kann.

Die Fischtreppe ist ein Teil des Neubrücker Wehrs. Die Schleuse, zwei Wehrfelder und das Nadelwehr gehören auch zu der Anlage, die bei der Sanierung bis 2019 nach alter Bauweise wieder hergestellt wurde. "Die‚Nadeln’, das sind längs aneinander gereihte Rundhölzer, die einzeln nach oben gezogen werden können, wenn mehr Wasser durchfließen soll", erklärt Frank Fredrich. "Wenn man wissen will, wie es den Fischen geht, muss man auch wissen, wie Wehre gebaut sind", ergänzt er. Im Übrigen sei hier im mittleren Wehrfeld große Vorsicht geboten. Die Strömung ziehe einen mit nach unten, wenn man ins Wasser falle.

Respekt vor der Strömung

Im Laufe der Jahre hat Frank Fredrich gelernt, die Strömung einzuschätzen, Respekt hat er um so mehr vor ihr. An den Übergängen von Becken zu Becken gibt es Schlitze. Dort muss er sie regelmäßig messen. Strömt das Wasser zu stark, schaffen es die Fische nicht flussaufwärts durchzuschwimmen. Für die Messungen steht er bis zur Brust im Wasser – das reißt dann heftig an seinen Gliedern. "Als ich früher im Boot auf den Flüssen unterwegs war, habe ich immer überlegt, in welche Richtung schwimme ich weg, wenn wir kentern", erinnert er sich.

Mitunter körperlich anstrengend ist diese Arbeit, die der Woltersdorfer nach wie vor leidenschaftlich gerne erledigt. So lange er kann will er weitermachen. Alexander Fredrich lässt die Reuse wieder am Flaschenzug hinab in die Fluten der Spree. Vier Tage später werden er und sein Vater einen 1,90 langen Wels in der Reuse nach oben ziehen.

Sechs Fragen an Frank Fredrich

Wer hat Ihre Entwicklung am meisten beeinflusst?Mein Vater hat mich naturverbunden erzogen. Wir hatten immer Haustiere zusammen, zu denen wir zwar eine emotionale Bindung hatten, aber wir waren dabei nicht so sensibel. Die Tiere wurden auch gegessen. Außerdem haben mich zwei gute Biolehrer beeinflusst.

Was würden Sie als erstes tun, wenn Sie Bürgermeister von Woltersdorf wären?Ich würde mich zum Beispiel dagegen engagieren, dass Leute ihren Müll und Gartenabfälle wild ablagern.

Was wünschen Sie sich seit Jahren?Gesundheit!

Möchten Sie noch einmal 17 sein?Ja, weil man jetzt noch mehr Möglichkeiten hätte, sich die Welt anzuschauen.

Träumen Sie gerne?Ja, vom Leben in der freien Natur, zum Beispiel davon, eine Zeit alleine im Busch oder in der Taiga zu leben.

Würden Sie noch einmal woanders hinziehen?Ich würde nicht ausschließen, auf Usedom zurückzuziehen wo ich aufgewachsen bin.

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