Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

International beachtetes Zentrum der Viadrina feiert Jubiläum / Textberatung für alle

10 Jahre betreutes Schreiben

Katrin Girgensohn vor dem Kulturwagen: Hier findet jeden Donnerstag eine öffentliche Schreibberatung statt
Katrin Girgensohn vor dem Kulturwagen: Hier findet jeden Donnerstag eine öffentliche Schreibberatung statt © Foto: René Matschkowiak
Thomas Gutke / 03.05.2017, 19:32 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Mit dem Schreibzentrum begeht eine der innovativsten Einrichtungen der Viadrina heute ihr zehnjähriges Bestehen. Die nach US-Vorbild gegründete Anlaufstelle hilft Studenten auf ihrem Weg, Erkenntnisse in Worte zu fassen - und berät zum Jubiläum auch Frankfurter Bürger.

"Auch vor 100 Jahren haben sich Lehrende schon über schlechte Texte beklagt", erzählt Katrin Girgensohn. Was das akademische Schreiben angehe, so seien Schüler von heute genauso gut oder schlecht auf ein Hochschulstudium vorbereitet wie früher. Verändert hätten sich allerdings die Strukturen: durch kürzere Studienzeiten bleibe heute kaum noch Zeit, intensiv an Schlüsselkompetenzen zu arbeiten, sagt sie. Das könnten auch Dozenten nicht leisten, die es mit immer mehr Studenten zu tun haben.

Katrin Girgensohn trat vor nunmehr zehn Jahren an, eben diese Lücke zu füllen. Mit Unterstützung der Hans-Böckler-Stiftung gründete sie das Schreibzentrum, das heute Teil des vom Bund geförderten Zentrums für Schlüsselkompetenzen und Forschendes Lernen an der Viadrina ist. Die Einrichtung unterstützt neben Studierenden auch Doktoranden beim Verfassen wissenschaftlicher Texte und Publizieren von Forschungsergebnissen. Denn Forschen und darüber schreiben gehören untrennbar zusammen.

Den Anstoß für die Gründung des Zentrums, das Girgensohn zusammen mit ihrer Kollegin Franziska Liebetanz leitet, gab ein Studien-Aufenthalt in den USA. Dort gehören Writing-Center an den Hochschulen zum Standard. In Deutschland betrat die Initiatorin damit Neuland. "Die Idee war dabei von Anfang an, eine Beratung von Studierenden für Studierende anzubieten."

15 ausgebildete Schreibberater sind heute als studentische Hilfskräfte tätig, dazu vier weitere Mitarbeiter. Zu ihrer alltäglichen Arbeit gehört, dass sie Mitstudenten bei der schriftlichen Umsetzung eines Themas unterstützen und begleiten. "Im Schnitt finden etwa 100 bis 150 Einzelberatungen pro Semester statt", sagt Katrin Girgensohn, die an der Viadrina promoviert hat. Zu den größten Hürden, vor denen die Ratsuchenden dabei stehen, gehöre das Finden einer Fragestellung. "Ein weites Feld. Doch so etwas lässt sich immer gut aus dem Gespräch heraus entwickeln", erklärt Girgensohn. Die studentischen Schreibberater helfen auch beim Strukturieren der Arbeit, beim richtigen Zitieren und bei der Auswahl der Ergebnisse, die in eine wissenschaftliche Arbeit gehören. Die Schreibberater unterstützen dabei immer aus der Perspektive als interessierte Leser - die fachlichwissenschaftliche Beratung bleibt bei den Lehrenden.

Auf die drei Fakultäten zugeschnittene Workshops zählen ebenso zu den etablierten Angeboten des Zentrums mit Sitz am Uni-Standort in der August-Bebel-Straße. In den Seminaren geht es dann beispielsweise darum, wie man ein juristisches Gutachten schreibt. Umgekehrt können sich auch Lehrende in didaktischen Fragen an das Schreibzentrum wenden. Bundesweit Vorreiter war man mit dem Programm Writing-Fellows (dt: Schreibgefährte), das die Viadrina 2014 gemeinsam mit der Goethe-Universität in Frankfurt am Main entwickelt hat. "Die Schreibberatung wird dabei in das Seminar integriert", erläutert Girgensohn. Drei bis vier der Writing-Fellow-Seminare gibt es pro Vorlesungszeitraum.

Eine weitere Idee hat dem Zentrum sogar internationale Aufmerksamkeit beschert. Die Rede ist von der "Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten", die es seit 2010 gibt. Mittlerweile haben rund 70 Schreibzentren auf der ganzen Welt das Konzept übernommen, darunter die Yale University in den USA.

Nicht zuletzt wird am Schreibzentrum in Frankfurt auch geforscht. Girgensohn, die bis 2014 den Zusammenschluss europäischer Schreibzentren leitete, und ihre Kollegen laden regelmäßig zu Fachtagungen ein und geben zudem gemeinsam mit anderen eine schreibdidaktische Fachzeitschrift heraus.

Auf die Erfolgsgeschichte wird heute, ab 19 Uhr, mit einem Festakt im Logensaal zurückgeblickt. Zahlreiche internationale Gäste werden dazu erwartet. Zum zehnten Geburtstag hat sich das Schreibzentrum aber auch etwas für Frankfurt einfallen lassen: eine Schreibberatung, die jeden Donnerstag, 13-14 Uhr, im Kunst- und Kulturwagen der Uni in der Logenstraße von Studenten angeboten wird. "Die Beratung richtet sich an Frankfurter, die zum Beispiel einen Brief an eine Behörde oder ihre Memoiren schreiben wollen. Auch Schüler können vorbeischauen. Das ist unser Geschenk an die Stadt."

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG