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Mit großem Lampenfieber liest Christian Bangel in der Bibliothek seiner Heimatstadt aus "Oder Florida"

Buchlesung
Zwischen Aufbruch und Abgrund

Frauke Adesiyan / 20.10.2017, 17:32 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Vor rund 150 Zuhörern hat Christian Bangel am Donnerstagabend seinen Roman "Oder Florida" in der Regional- und Stadtbibliothek vorgestellt. In einer zweieinhalbjährigen Arbeitsphase ist er in seine Heimatstadt wieder eingetaucht.

"Die Stadt wird dem gehören, der es am längsten hier aushält." Mit den Worten von Fliege beendet Christian Bangel die Lesung am Donnerstagabend. Der Hausbesetzer und Möchtegern-Politiker Fliege aus dem Erstlingsroman "Oder Florida" hat damit das letzte Wort und allen Zuhörern im Raum ist klar, dass das Aushalten nicht Bangels Lebensweg ist.

Bangel ist nicht hier geblieben. Zur Jahrtausendwende ist er wie so viele weggegangen, hat Karriere im Journalismus gemacht. Die Eltern sind längst weggezogen, viele Freunde auch. Grotte und Kulturfabrik, die Treffpunkte von damals, sind zu; Berlin ist Bangels neues Zuhause. Der Blick, mit dem er sich in den vergangenen zweieinhalb Jahren seiner Heimatstadt gewidmet hat, ist dennoch alles andere als herablassend.

Bei einem Spaziergang vor der Lesung wird seine große emotionale Verbundenheit deutlich. Auf dem Weg vom Marktplatz hinunter zum Oderufer mit Blick auf den Ziegenwerder wird Bangel regelrecht melancholisch. "Dass ich heute in der Bibliothek lese, ist die Pointe überhaupt", sagt Bangel, der mit seiner Blousonjacke, der dunkelblonden Scheitelfrisur und dem schüchternen Lächeln vor allem unauffällig ist. Als Jugendlicher hat er täglich stundenlang in der Bibliothek verbracht. Erst weil er dort in eine Frau verliebt war, später weil er die Ruhe liebte, eulenspiegel und titanic las und zu den coolen Skatern am Brunnen schräg gegenüber irgendwie nie dazu gehörte. Der Weg zum Oderufer, Wein auf dem Ziegenwerder und danach Thekendienst in der Grotte, zwischen diesen Koordinaten spielt die Jugend von Bangel.

Wie persönlich - wenn auch nicht autobiografisch - sein Roman ist, lässt sich am Publikum der Lesung beobachten. Schon auf dem Marktplatz trifft Bangel seine Schwester, für die es eine "große Ehre" ist zur Lesung zu kommen. Wenig später sieht der Journalist das Auto seines Vaters. "Huiuiui, sind die auch schon hier", sagt er. Es hupt, jemand winkt, Bangel dreht sich unschlüssig um. Wieder zurück an der Bibliothek umarmt er Freunde von früher, schreibt immer wieder Widmungen in sein Buch. Der kleine Ruhm scheint ihn gleichermaßen zu rühren und zu beschämen.

Die äußerst wohlmeinende Stimmung bei der Veranstaltung im Anschluss zeigt, dass Bangel es mit seiner charmanten Balance schafft, das Minenfeld, das er mit dem Roman betreten hat, unbeschadet zu durchqueren. "Es gibt in Frankfurt diese große Geschichte des Beleidigtseins", war ihm von Anfang an bewusst. Stasi, Nazis, Plattenbauten - all das kommt vor in seinem Roman, stereotyp erscheint er deshalb nicht. Auch wirkt niemand im Publikum angegriffen, obwohl Bangel weit von jedem Anbiedern entfernt ist. Gefragt nach seinem Eindruck des heutigen Frankfurts sagt er: "Frankfurt stand damals vor der Entscheidung: Aufbruch oder Abgrund. Sie ist zumindest nicht den Abgrund runtergegangen."

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