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Konstanze Soch hat zu West- und Ostpaketen geforscht – zum Tag der Archive am Sonntag ist sie in der Stasiunterlagenbehörde zu Gast

Vortrag
Das Matchboxauto, das nie ankam

Schokolade, Kaffee, Kekse: Viele ostdeutsche Familien bekamen Westpakete.
Schokolade, Kaffee, Kekse: Viele ostdeutsche Familien bekamen Westpakete. © Foto: BSTU
Thomas Gutke / 03.03.2018, 07:15 Uhr - Aktualisiert 03.03.2018, 09:28
Frankfurt (Oder) (MOZ) Konstanze Soch beschäftigt sich seit 2013 wissenschaftlich mit dem Paketverkehr zwischen der ehemaligen DDR und der BRD. Am Sonntag, 13.45 Uhr, zum Tag der Archive, hält sie dazu in der Außenstelle der Stasiunterlagebehörde, Fürstenwalder Poststraße 87, einen Vortrag. Thomas Gutke sprach mit ihr über Pakete aus Ost und West sowie die Kontrollen des MfS.

Jede ostdeutsche Familie kann Geschichten über Westpakete erzählen. Welche Erinnerungen haben Sie?

Eigene Erinnerungen direkt habe ich nicht. Dafür bin ich mit Jahrgang 1988 zu jung. Aber meine Eltern haben immer mal wieder erzählt, dass es schöne Pakete aus dem Westen von Tante Fee und Onkel Werner gab. Und wenn man sich dann im Freundeskreis umhört, stellt man schnell fest, dass es in jeder Familie ein Art Päckchengedächtnis gibt. Mir fiel auf, dass wenig davon erzählt wurde, was in den selbst versandten Ostpaketen enthalten war und wie häufig sie versendet wurden. Das hat für mich den Reiz ausgemacht, den Geschenkpaketverkehr schließlich als Beziehungsgeschichte zu untersuchen.

Was war das Kurioseste, auf das Sie während ihrer Recherchen gestoßen sind?

Eine Zeitzeugin erzählte, dass sie sich eine Nato-Plane gewünscht hatte, einen Parka. Die Tante war auch bereit, die Jacke zu schicken. Doch als die Zeitzeugin das Päckchen öffnete, kam ein alter, abgetragener Pelzmantel zum Vorschein. Sie zog den Mantel an, steckte die Hände in die Taschen, und hielt plötzlich den Mitarbeiterausweis eines Zöllners oder Postmannes in der Hand. Der hatte seinen Mantel bei der Kontrolle ausgetauscht, aber leider seinen Dienstausweis darin vergessen.

Gehen Sie im Vortrag auch auf Frankfurter Beispiele ein?

Ich werde versuchen, regionale Beispiele heraus zu suchen. Allerdings kann ich aufgrund der schlechten Aktenlage keinen Vortrag halten, der sich nur mit Frankfurt befasst. Es geht auch nicht nur um West- oder Ostpakete. Sondern auch darum, was der Paketverkehr mit den Beziehungen zwischen den Menschen in Ost und West gemacht hat.

Können Sie Beispiele nennen?

Eine Geschichte, die viel über Rollenbilder zwischen Ost und West aussagt, erzählte mir eine Familie aus Leipzig: Nach der Wiedervereinigung sah die Oma, die im Westen gewohnte hatte, ihre Stasiakten ein und fand einen Brief von ihrem Enkel, in dem der sich ein Matchboxauto K19 gewünscht hatte. Der Brief und damit der Wunsch hat sie aber nie erreicht, sie konnte ihn nicht erfüllen. Ich habe die Familie gefragt, warum sie nie nach dem Matchboxauto gefragt hatte. Da lautete die Antwort: Wir wollten nicht betteln und wir wollten auch nicht als arm gelten.

Was haben DDR-Bürger in den Westen geschickt?

Zum einen regionale Produkte – Stollen, Baumkuchen, Nordhäuser Doppelkorn. Aber auch kunstgewerbliche Gegenstände, wie Schwibbögen, Nussknacker, selbstgemachte Teller, Häkeldeckchen. Oder belletristische Literatur und Kalender. Die waren in der DDR billiger als in der Bundesrepublik und hatten eine gute Qualität. Sie waren aber auch nur mit viel Mühe, Kontakten und Anstehen zu erhalten. Umgekehrt waren in den Westpaketen obligatorisch der Kaffee, Schokolade, Strumpfhosen für die Mutti, Kleidung aber auch Südfrüchte zu finden.

Gibt es Statistiken zum Paketverkehr? Wann wurde besonders viel verschickt?

Es gab immer Wellen, in denen mehr oder weniger verschickt wurde. 1953, 1961, und die 1970er-Jahre waren Hochphasen. Durchschnittlich wurden 40 Millionen Päckchen und Pakete im Jahr verschickt.

Wurden tatsächlich alle Pakete kontrolliert?

Das war Anspruch. Vor allem nach dem Mauerbau 1961. Einen großen Schub in den Kontrollen gab es aber auch schon 1954 im Zuge der Geschenkpaketverordnung. Nach dem Juni-Aufstand 1953 wollte die DDR kontrollieren, was ins Land kommt. Einmal um die Sogwirkung des goldenen Westens zu verringern; dass also nicht nur die schönen, bunten Produkte in die DDR gelangen, die es dort nicht gab. Zum anderen sollten auch keine Dinge aus dem Osten in den Westen versandt werden, die die DDR selbst für Devisen einführen musste.

Woher kommt der Begriff Paketmarder?

Die Leute haben sich ja regelmäßig in Eingaben über die Kontrollen beschwert. Darin wurden die Mitarbeiter von Post und Zoll Paketmarder genannt – als die, die sich bei anderen bereichern.

Das Buch von Konstanze Soch zum Thema erscheint am 7. Juni im Campus-Verlag unter dem Titel: „Eine große Freude? Der innerdeutsche Paketverkehr im Kalten Krieg (1949-1989)“.

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Frank Schneider 03.03.2018 - 12:37:22

Die Zöllner haben geklaut wie die Raben

Legendär die Sprengel-Sammelbilder zu den Olympiaden oder den Fußball-WM. Die Schoko-Tafeln wurden häufig aufgeschlitzt, die Sammelbilder waren dann raus.

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