Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Zwei Straßen und eine Büste: Was Frankfurt mit dem bedeutenden Philosophen, Ökonomen und Theoretiker verbindet

200. Geburtstag
Karl Marx statt Otto Grotewohl

Ralf-Rüdiger Targiel / 04.05.2018, 06:00 Uhr - Aktualisiert 04.05.2018, 15:13
Frankfurt (Oder) (MOZ) Morgen vor 200 Jahren wurde Karl Marx geboren. In Frankfurt trägt eine der wichtigsten Straßen der Stadt seinen Namen. Und auch eine Büste von ihm gibt es. Wie es dazu kam und was Marx darüber hinaus mit Frankfurt verbindet, hat Stadtarchivar Ralf-Rüdiger Targiel für die MOZ aufgeschrieben.

Karl Marx, der große Philosoph, bedeutende Ökonom und Kritiker der kapitalistischen Verhältnisse und Religion, der morgen vor 200 Jahren in Trier geboren wurde, war nie in Frankfurt an der Oder. Und doch hat sein Werk nachhaltig das Leben auch in unserer Stadt beeinflusst. Nicht nur, dass sich Frankfurts Sozialdemokraten und Kommunisten mit seinen Schriften beschäftigten oder dass man sich in der Zeit der DDR umfassend auf ihn beim sozialistischen Aufbau berief. Schon in den Jahren der Weltwirtschaftskrise Anfang der 1920er-Jahre dürfte Karl Marx auch den außerhalb der Arbeiterbewegung stehenden Frankfurtern zum Begriff geworden sein.

Nur zwei Beispiele dafür: Am 10. Februar 1931 wurde in der Aula des Realgymnasiums über die Ursachen der damaligen Arbeitslosigkeit gesprochen, Fazit des Referates, die „Wirtschaftskrise bestätigt die Richtigkeit des Marxismus“. Schon zuvor, am 2. Dezember 1928, sprach ein Referent in öffentlicher Freidenker-Versammlung über „Kirche und Kultur“, darüber, wie er, ein katholischer Geistlicher ein Marxist wurde.

1945, als man in der Stadt das Erbe der NS-Zeit aus dem öffentlichen Stadtbild zu beseitigen begann, war Karl Marx wahrscheinlich der erste, nach dem hier eine Straße neu benannt wurde. Noch bevor im großen Umfang die Umbenennungen erfolgten, galt es zuerst, den Namen „SA-Straße“ zu verändern. Die Straße schloss sich an die „Siegfried-Kasche-Straße“ (heute „Heinrich-Heine-Straße“) an. Sie war eine 1934 errichtete kleine Straße von 22 Hausnummern. Die Siedlung wurde unter besonderer Förderung des damaligen SA-Gruppenführers Siegfried Kasche, der später, im Jahr 1947, wegen Kriegsverbrechen in Zagreb zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde, errichtet.

Anders als die ab 1946 erfolgten Umbenennungen kennen wir nicht das genaue Datum dieser Umbenennung. Wahrscheinlich fand sie schon im Frühsommer 1945, gleich nach der Einsetzung des neuen Magistrats statt.

Im März 1951 beschloss die Stadtverordnetenversammlung, fortan nach einem bestimmten Plan die Umbenennung von Straßen allmählich vorzunehmen und die Stadtviertel durch ihre Straßennamen als Dichterviertel, Musiker-, Ärzte-, Politikerviertel usw. zu kennzeichnen. Da die „Karl-Marx-Straße“ im Viertel lag, das künftig Vogelnamen erhalten sollte, galt es bei passender Gelegenheit, der Straße einen neuen Namen zu geben. Am 3. Juli 1953 erhielt die Straße den noch heute geltenden Namen „Amselweg“.

Nach Karl Marx sollte jetzt der Straßenzug „Richtstraße“, „Berliner Straße“, „Goepelstraße“ in dem neu zu errichtenden Zentrum benannt werden. Im Jahr zuvor hatte man noch diskutiert, die Straßen nach dem Ministerpräsidenten Otto Grotewohl zu benennen. Besonders die Richtstraße war 1952 eine Trümmerstraße, noch ohne eine neue Bebauung. Wenn sich ein Jahr später daran auch noch nicht viel geändert hatte, beschloss die Ratssitzung am 16. Juni 1953, vorbehaltlich der Zustimmung der Stadtverordnetenversammlung, die Umbenennung der drei Straßen in „Karl-Marx-Straße“. Während die Stadtverordneten in öffentlicher Sitzung dieser Umbenennung am 3. Juli zustimmten, lehnten sie die schon seit 1952 im Raum stehende Änderungsvorlage ab, die „Anlagen“ (unser heutiger „Lennépark“) als „Leninpark“ und die Straße „Halbe Stadt“ als „Am Leninpark“ zu bezeichnen. Der dafür schon im Festprogramm der 700-Jahrfeier vorgeplante Festakt musste fallen gelassen werden. Wenige Tage später während des Festes, am 14. Juli, nahmen Oberbürgermeister Erwin Hinze und das Mitglied des Sekretariats der SED-Kreisleitung Marquardt am Konsum-Kaufhaus die neue Namensgebung der „Karl-Marx-Straße“ vor.

Mit der Neuplanung des Zentrums bekam die neue Karl-Marx-Straße einen etwas anderen Straßenverlauf. Die alte Richtstraße und Teile der Bebauung der Wollenweberstraße bildeten den südlichen Teil der neuen, nun sehr breit angelegten Karl-Marx-Straße. Mit dem Wohnblock Wollenweberstraße 15-17 (einst Block 39) begann am 28. Mai 1956 die Neubebauung der Frankfurter Innenstadt, in deren Mittelpunkt die Karl-Marx-Straße, Frankfurts neue Magistrale, stehen sollte.

Mehr als ein Jahrzehnt später, die Magistrale war längst fertiggestellt, sollte „am nördlichen Zugang zum zentralen Bereich der Stadt“ ein Monument für Karl Marx geschaffen werden. Es galt, einen schon länger im Besitz der Stadt befindlichen Guss der 1954 von Prof. Fritz Cremer geschaffene Bronzebüste „so zu platzieren, daß sie eine große gesellschaftliche Wirksamkeit erhält“. Nachdem sich am 7. Februar 1968 der Rat der Stadt für den Entwurf des Frankfurter Künstlers Arndt Wittig entschied und dann am 13. Februar eine Besprechung im Büro für Stadtplanung mit den Beteiligten stattgefunden hatte, blieben drei Monate Zeit für die Vorbereitung.

Mittelpunkt des von Arndt Wittig und Stadtarchitekten Manfred Vogler konzipierten und heute unter Denkmalschutz stehenden Ensembles auf einer dreistufig erhöhten Terrasse ist die etwa 1,20 Meter große Büste von Karl Marx. Dahinter befindet sich eine hohe, etwa 9 Meter hohe Säule mit dem von Wittig entworfenen Schriftzug des abgewandelten Marx-Zitates „Die Theorie wurde zur materiellen Gewalt“. Die Stele und den Sockel fertigten der VEB Betonwerk, die Maurerarbeiten führte der VEB Baureparaturen und die Stützwand aus Fertigteilen die Firma Lemm aus. Trotz der Kürze der Zeit wurde die Anlage rechtzeitig fertig und konnte am Vormittag des 5. Mai, morgen vor genau 50 Jahren, zum 150. Geburtstag von Karl Marx feierlich eingeweiht werden.

Zu den nach der Wende 1989 beginnenden Veränderungen zählten die Diskussion um neue Namen für Frankfurts Straßen und Plätze. Welche Straßennamen sollen bleiben, welche umbenannt oder zurückbenannt werden? Bei den dazu bei der Stadtverwaltung eintreffenden Zuschriften wurde von einem heute in Rheinland-Pfalz lebenden ehemaligen Frankfurter vorgeschlagen, die „Karl-Marx-Straße“ wieder in „Richtstraße“ (die es ja im tatsächlichen Straßenverlauf so gar nicht gab) und in „Berliner Straße“ sowie „Goepelstraße“ zurück zu benennen.

Ich erinnere mich noch gut an die Diskussion in der Arbeitsgruppe für Straßennamen, der ich auf Bitten des damaligen OB Wolfgang Denda seit Juli 1991 angehörte. Dort war man immer der Meinung, dass die „Karl-Marx-Straße“ beibehalten werden soll. Diskutiert wurde, ob die heute noch identisch verlaufenden Straßen, die „Berliner Straße“ und „Goepelstraße“ ihre alten Namen zurück erhalten sollten. Und so beschlossen es die Stadtverordneten. Seit dem 27. Februar 1992 reicht unsere „Karl-Marx-Straße“ vom „Platz der Republik“ bis zur Einmündung der „Halben Stadt“/ „Karl-Ritter-Platz“.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2018 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG