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Gespräche mit Menschen auf der Brücke zwischen Frankfurt und Słubice / Sparfüchse, Fleißige, Bummler und Einsame sind dort unterwegs

Reportertausch
Nicht nur ein Laufsteg für Konsumenten

Andrea Wüstholz / 17.05.2018, 07:00 Uhr - Aktualisiert 17.05.2018, 11:41
Frankfurt (Oder) (Gastreporterin) Menschen tragen volle Taschen von Ost nach West. Das ist der erste Eindruck, den man als Fremde an der Brücke zwischen Frankfurt und Słubice gewinnt. Doch den Konsumenten-Laufsteg nutzen nicht nur Sparfüchse. Gespräche mit Passanten vermitteln ein Gefühl für Lebenswelten, für Trennendes und Verbindendes.

Ein stahlblauer Porsche Cayenne, Berliner Kennzeichen, biegt flott rechts um die Ecke. Beata Guzniczak schaut kurz hinterher, bleibt stehen. Sie wohnt mit ihrer knapp zweijährigen Tochter in Frankfurt und schiebt oft den Kinderwagen über die Brücke nach Słubice, Verwandte besuchen. „Spreche nicht so gut Deutsch“, entschuldigt sich die 30-Jährige, obwohl sie als Polin auf der polnischen Seite der Brücke steht. Als Zimmermädchen hat sie in Berlin gearbeitet, jetzt verbringt sie wegen des Kindes einige Monate in Frankfurt. In Deutschland zu wohnen sei „besser“, findet sie.

Ein junger Bauarbeiter steht gegenüber an der Ecke, Stöpsel im Ohr, die Straße im Blick. Er wohnt in Słubice und wartet hier auf seinen Kollegen. An der Brücke treffen sie sich immer, fahren zusammen zur Arbeit. Nahe Berlin, mehr als eine Stunde Fahrzeit, Baustelle. „Das lohnt sich“, sagt der 35-Jährige. „Ich verdiene gutes Geld und wohne hier billig.“ - „Ich mag Deutschland“, schiebt er nach. Die Sprache hat er sich selbst beigebracht; „weil ich euch alle verstehen wollte“. Ja, stimmt schon, sagt er. Das Verhältnis zwischen Polen und Deutschen - „das ist ein ganz schwieriges Thema“. In der Grenzregion fühlt er sich gerade deshalb bestens aufgehoben. Heimat hier, Arbeit dort - „ich hab ein gutes Leben“.

Gaby Kirchner und Jutta Parnitzhe haben das auch, zumindest vermitteln sie diesen Eindruck. Gaby Kirchner schmaucht gemütlich ein Zigarettchen, während sie mit ihrer Freundin an der Ostseite der Oder auf einer Bank sitzt. Ihr erster Blick, wenn sie die Brücke überqueren, gilt dem Wasserstand. „Wir sehen das gleich, wie sie steht, die Oder“, sagt Gaby Kirchner, 74 Jahre jung und ein Berliner Urgestein. Seit vielen Jahren kommen die beiden einmal im Monat nach Frankfurt, „um die billigen Zigaretten zu kaufen. Das ist unser Monatsausflug“. Es sind, trotz der ungezählten Besuche, nie dauerhafte persönliche Kontakte entstanden. Hat sich nicht ergeben.

„Wenn die Deutschen Polnisch sprechen würden...“, sagt Halina Siegismund und lässt den Satz unvollendet. Sie selbst ist Polin, hat einen Deutschen geheiratet, lebt seit Jahrzehnten in Frankfurt und wandelt ständig zwischen den Welten. Im Zigarettenladen gleich an der Brücke in Słubice hält sie einen Plausch mit der Verkäuferin Gryga Katarzyna. Zwar empfindet sie Frankfurt als ihre Heimat, erzählt die 69-Jährige. Aber in Słubice kennt sie Hinz und Kunz; „ich steh an jeder Ecke und quatsche.“

Halina Siegismund erinnert daran, dass es Zeiten gab, als Deutsche und Polen patrouillierten auf der Brücke, jeweils bis zur Mitte und zurück. Und später die Kontrollen. Die Grenzhäuschen sind längst Geschichte; die Menschen sprechen heute von ihrer „Doppelstadt“.

Diese  Geschichten von früher kennen Kordian und Lance nur aus Erzählungen. Die beiden 13-Jährigen besuchen eine Sportschule in Frankfurt und laufen an diesem Abend kurz rüber, um günstig Toast und Schokocreme zu kaufen. So nah an der Grenze zu leben, hat auch seine Schattenseiten, findet Lance: „Weil es viel Kriminalität gibt.“

Am nächsten Tag steht abends ein Polizeiwagen mit laufendem Motor am schwarz-rot-gelben Pfeiler. Als es dunkel wird, kreuzt eine große Gruppe polnischer Jugendlicher die Brücke. Man beäugt sich kurz. Alles friedlich, die Polizisten fahren weg. Inzwischen tauchen die Straßenlaternen den Gehweg in warmes Licht. Im Schein der Laternen liegen sich zwei Männer in den Armen und küssen sich hingebungsvoll.

Vormittags überqueren viele Rentner zu Fuß die Brücke. Die Blümchen, erzählt eine Seniorin, kosten nur noch 1,50. Und der Spargel. Eben günstig. Jacek Oziemblo steht an manchen Tagen zwölf Stunden am Spargelstand gleich an der Brücke. Die Geschäfte laufen gut, sagt er, „bin zufrieden.“

Derweil schüttelt eine Frau mit LOS-Kennzeichen am Wagen an der nahe gelegenen Tankstelle energisch den Kopf: „Nein!“, auf keinen Fall will sie auf einem Foto für die Zeitung verewigt sein. Ihr Tank ist bereits voll, nun füllt sie noch einen 20-Liter-Kanister mit Benzin. Bis zu 40 Cent zahlt sie in Słubice weniger für den Liter Sprit. Dafür nimmt sie 30 Kilometer Anfahrtsweg in Kauf. Nur um zu tanken fährt sie rüber; „ich kenne hier niemanden“.

Vermutlich fällt ihr das Plakat nicht auf, das ein paar Schritte weiter an einem Schaufenster befestigt ist. Der deutsch-polnische Projektchor der Singakademie Frankfurt kündigt sein Sommerkonzert am 16. Juni an: „Singing all together.“

Rüdiger ist allein auf der Brücke unterwegs. Das Gehen fällt ihm sichtlich schwer, und das Gepäck-Arrangement auf seinem Gehwagen wirkt, als berge es seine gesamte Habe. „Rüdiger“ steht fett auf seinem Rollator. „Heute heiß ich noch so,“ sagt er vieldeutig und entschuldigt sich: „Muss weiter. Zum Bus.“

Am Kiosk direkt an der Brücke in Słubice verspricht ein Schild: „Bei uns findest du immer nette und lächelnde Bedienung.“ Die Verkäuferin reagiert irritiert auf die Frage nach ihren Erfahrungen an der Grenze: „Verstehe nicht.“

Direkt vor ihrer Tür fährt ein Auto nach dem andern vorbei. Es sind gefühlt einige mehr Wagen mit FF-, LOS- oder B-Kennzeichen unterwegs als polnische Autos.

Halina Siegismund kommt zu Fuß, mindestens einmal pro Woche. Bei Gryga Katarzyna geht sie immer vorbei, nicht nur wegen der Zigaretten. Die beiden kennen sich lange, und die 69-Jährige tauscht sich gern aus mit der jüngeren Landsmännin: „Man muss das Leben genießen, so lange es geht. Jeden Tag.“

Reporterin Andrea Wüstholz kommt aus Waiblingen bei Stuttgart und hat die Brücke nie zuvor gesehen. Im Zuge der Aktion Reportertausch tauschen rund 50 Redakteure bundesweit eine Woche lang den Arbeitsplatz mit Kollegen in anderen Bundesländern.

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