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Straßenbahn
Die freundliche, runde aus Thüringen

Ein Herz für ausgediente Straßenbahnen: Ken Wegener (hinten) und Kersten Heising arbeiten bei der SVF und sind im Vorstand des Vereins Historische Straßenbahnen. Sie schätzen den Triebwagen 35, der ab Mai 1958 in Frankfurt eingesetzt wurde.
Ein Herz für ausgediente Straßenbahnen: Ken Wegener (hinten) und Kersten Heising arbeiten bei der SVF und sind im Vorstand des Vereins Historische Straßenbahnen. Sie schätzen den Triebwagen 35, der ab Mai 1958 in Frankfurt eingesetzt wurde. © Foto: Gerrit Freitag
Christoph Pohl / 03.06.2018, 06:45 Uhr - Aktualisiert 03.06.2018, 09:50
Frankfurt (Oder) ( ) Vor 60 Jahren fuhr der erste Gotha-Triebwagen durch Frankfurt. 38 Jahre lang rollten die Straßenbahnen dieses Typs durch die Stadt, bis sie von den Tatra-Bahnen abgelöst wurden.Vier dieser Trieb- und Beiwagen stehen noch im Straßenbahndepot und werden für Sonderfahrten eingesetzt.

In Frankfurt zeichnet sich für die nächsten Jahre nach dem längst überfälligen Beschluss der brandenburgischen Landesregierung, in Zukunft nun doch die Neuanschaffung von Straßenbahnfahrzeugen durch Fördergelder zu unterstützen, wieder ein Generationswechsel auf den Gleisen durch die Stadt an der Oder ab. 1993 wurden die ersten Niederflurbahnen der Bauart GT6M geliefert. Sie sind seitdem neben den Tatra-Kurzgelenkwagen KT4D eingesetzt und haben damals die letzten Gothawagen abgelöst. Von diesen Fahrzeugen spricht heute kaum noch jemand, sie haben aber über 38 Jahre die Frankfurter durch ihre Stadt gefahren und sind auch heute noch in Form  von Werkstattwagen oder bei Sonderfahrten mit historischen Bahnen zu sehen. (Die ganz neuen Bahnen existieren bis heute noch nicht einmal auf dem Papier, aber sie sollen kommen und dann die „hochbeinigen“ Tatras ablösen.)

In diesem Jahr ist es 60 Jahre her, dass der erste zweiachsige Gotha- Triebwagen mit Beiwagen im Liniendienst eingesetzt wurde, manche Quellen berichten auch von einer Anlieferung bereits 1957. Damit gehörte Frankfurt zu den ersten Städten in der DDR, die auf diese Fahrzeuge setzten. Die nächste Fahrzeuglieferung bestand 1961 aus je fünf Trieb- und Beiwagen. Neben Neufahrzeugen gelangten seit 1967 auch von anderen Betrieben gebraucht übernommene Wagen an die Oder, aber auch aus Prag gelieferte Beiwagen der Nachbauserie B2D. Nach und nach konnten so alle Vorkriegs-Bahnen ersetzt werden. 1988 war mit 43 Trieb- und 37 Beiwagen der höchste Bestand der Gotha- Bauart zu verzeichnen.

Mit der Anlieferung von neuen tschechischen Tatra-Wagen ab 1978 ging der Bestand an Gothaer Fahrzeugen zurück, aber nur langsam, denn zwischenzeitlich war auch der Netzumfang gewachsen. Im April 1995 endete der Einsatz der Gothafahrzeuge im Linienverkehr, zuletzt waren noch vier Züge im Dienst. In Frankfurt waren darüber hinaus auch die „Voraus- Bauart“, die sogenannten LOWA-Wagen, sowie die im Berliner Reichsbahnausbesserungswerk Schöneweide „gothaähnlich“ aus alten Vorkriegsbahnen aufgebauten Rekowagen eingesetzt.

Technikgeschichtlich gehören alle drei Bauarten zu den Einheits-Straßenbahnwagen. Während es im Eisenbahnwesen bereits ab den 1920er-Jahren Bestrebungen gab, die bis dahin vorherrschende ungeheure Typenvielfalt durch wenige Lokomotiven und Personenwagen in Einheitsbauart abzulösen, setzten sich solche Gedanken im Straßenbahnbau erst kurz vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs durch. Von der ersten Entwicklung konnten nur 30 Beiwagen nach Berlin und Hannover ausgeliefert werden. Den Status einer Einheitsbauart hatten aber auch die sogenannten Kriegsstraßenbahnwagen (KSW), die ab 1942 hergestellt wurden und durch Kriegshandlungen verloren gegangene Fahrzeuge ersetzen sollten. Sie lehnten sich an bisher produzierte Modelle an, waren aber im Inneren sehr spartanisch ausgestattet. Nach Frankfurt gelangte auch diese Bauart nicht.

Nach Kriegsende wurde der Gedanke der Straßenbahn-Einheitswagen wiederum in beiden deutschen Wirtschaftsgebieten aufgegriffen. In der späteren DDR wurde der Bau von Straßenbahnwagen zunächst dem Waggonbau in Werdau übertragen. Die dort ab 1950 hergestellten zweiachsigen Fahrzeuge bezeichnete man auch als LOWA-Wagen. 1954 wurde die Straßenbahnproduktion zum Waggonbau Gotha verlagert und das alte LOWA-Modell bereits verbessert ausgeliefert. Die Gothaer Waggonbauer hatten den Bonus, Neu- und Weiterentwicklungen immer gleich „vor der Haustür“ ausprobieren zu können: Auf dem kleinen Netz der örtlichen Straßenbahn waren Fahrzeuge für den Stadtverkehr gefragt und die Thüringerwaldbahn zwischen Tabarz und Gotha ist eine Überlandstraßenbahn mit einer kurzen Stichbahn nach Waltershausen. Der LOWA- Typ wurde zunächst weiter produziert, bis 1957 der zweiachsige, sogenannte Gotha-Wagen vorgestellt werden konnte. Während die LOWA-Wagen äußerlich eine schlichte winklige Form aufweisen, schauen die Gothaer (und Reko-) Fahrzeuge freundlicher und rundlicher aus.

LOWA-, Reko- und Gotha- Bahnen waren in fast allen Straßenbahnbetrieben des Landes eingesetzt, letztgenannte wurden auch in sehr großem Umfang in die Sowjetunion exportiert. In der DDR baute man relativ lange zweiachsige Straßenbahnen, entsprechend war die Konstruktion aber modern und ausgereift, außerdem wurde sie in kurzen Abständen überarbeitet. Nach einem entsprechenden RGW- Beschluss endete die Gothaer Straßenbahnproduktion im Jahre 1967. Im Museum des Frankfurter Vereins Historische Straßenbahnen sind heute noch vier Gotha- Trieb- und ein Beiwagen vorhanden, darüber hinaus ein LOWA- Triebwagen; ein Reko-Beiwagen befindet sich in Aufarbeitung. Die in Gotha hergestellten Vierachser (Gelenkwagen und Großraumfahrzeuge) kamen hingegen nicht hier her.

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