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Viadrina
Expertin für das Dazwischen

Jennifer Rammer in der Ausstellung mit ihren Fotos, die bis 12. Juni im Collegium Polonicum zu sehen ist
Jennifer Rammer in der Ausstellung mit ihren Fotos, die bis 12. Juni im Collegium Polonicum zu sehen ist © Foto: Frauke Adesiyan
Frauke Adesiyan / 05.06.2018, 06:30 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) An den drei Fakultäten der Europa-Universität lernen über 6700 Studenten. Rund 70 Professoren und deren Mitarbeiter forschen in ihren Fachgebieten. In der Reihe „Woran ich arbeite“ berichten wir aus dem Alltag der Viadrina.

Wie hängen Kunst, Politik und Wissenschaft zusammen? Was passiert, wenn man mit den Methoden des einen Feldes das andere bearbeitet? Und wie klar lässt sich das trennen? Das sind Fragen, die Jennifer Rammes Arbeitsleben ständig begleiten. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Deutsch-Polnische Literatur- und Kulturbeziehungen und Gender Studies am Collegium Polonicum.

Wie Gesellschaft funktioniert, wie mediale Diskurse entstehen und sich verschieben, das beobachtet die 1976 geborene Künstlerin schon seit vielen Jahren. „Ich habe schon immer einen Hang zum Wissenschaftlichen“, sagt sie umgeben von ihrer Kunst. Noch bis Ende Juni sind im Collegium Polonicum – nur ein Stockwerk unter ihrem Büro – ihre Arbeiten zu sehen. Das Spektrum reicht vom Festhalten schmelzender Gletscher über die dokumentarische Begleitung völkischer Gruppierungen in Polen bis zu Porträts einer Frauenrechtlerin in Polen, die sie als Madonna mit aufgerissenem Brustkorb inszeniert. Viele der Bilder sind kritisch, hinterfragend, politisch, anklagend. Wenn sie etwa eine polnische Frau für ein lebensgroßes Ganzkörperporträt in eine selbst entworfene Hausfrauen-Montur samt Tarnflecken und Schutzhelm steckt, um auf frappierende Statistiken über häusliche Gewalt aufmerksam zu machen.

Fotografie ist für Jennifer Ramme Sprachersatz. Aufgewachsen in Berlin, Lappland und Polen  kennt sie die Schwierigkeit, das in Worte zu fassen, was zwischen den Begriffen steckt. „Kunst ist eine Möglichkeit, das unabhängig von Kultur und Sprache zu erfassen“, sagt sie. Fotos geben ihr die Möglichkeit ein „Dazwischen“ darzustellen.

Die Begeisterung für diese Bildsprache führte sie an die Kunstakademie Poznan. Neben der Kamera werden Performances für sie zu einem Ausdrucksmittel. Bei einem Foto-Projekt über Straßenmusiker hat sie dann jedoch ihre Kamera verloren – die Zwangspause führte zum Umdenken. „Ich wusste, wenn ich mich von Kunst ernähren will, muss ich Kompromisse machen.“ Da sie das nicht wollte, ist sie dem Ruf der Lehrstuhlinhaberin Bozena Chołuj nach Słubice gefolgt. Sie hat an der Viadrina unter anderem über „Kunst und Protest“ gelehrt und über Protestbewegungen geforscht. Der künstlerische Zugang ist ihr dabei erhalten geblieben. „Meine Herangehensweise ist eine künstlerische, ich schaue mir die Gesellschaft an wie eine Form“, versucht sie ihren Blickwinkel zu erklären. In der Zusammenarbeit mit Soziologen oder Historikern sei sie oft an Grenzen gestoßen. „Ich habe ganz andere Dinge gesehen, als sie.“ Wie sie arbeitet, sei vielen zu transdisziplinär. Doch in Słubice scheint sie auch damit angekommen.

„Das hier ist der ideale Ort für mich“, sagt sie. Das liegt zum einen an ihrer Professorin Bozena Chołuj, die ungewöhnliche Denkweisen zu schätzen weiß. Zum anderen an der Grenzlage. „Ich mag das Wechseln von Kontexten, man fragt sich: Warum mach ich etwas so und nicht anders.“ Zwischen den Ländern zu sein, zwischen Kunst, Wissenschaft und Politik, das ist, was sie interessiert.

Zur Person

Jennifer Ramme wurde 1976 geboren. Sie wuchs in Berlin, in Finnland – woher ihre Mutter stammt – und in Polen auf. An der Akademie der Künste in Poznan machte sie 2004 ihre Abschluss mit der Spezialisierung Fotografie über Revolutionäre Kunst. Sie arbeitete unter anderem für Nichtregierungsorganisationen bevor sie 2014 an das Collegium Polonicum kam. Hier forschte sie zuletzt über den polnischen Frauenstreik und befragte 130 Aktivistinnen. Derzeit arbeitet sie an ihrer Promotion über strittige Geschlechterordnungen.

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