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Zauberer
„Ich staune selber noch darüber“

Frauke Adesiyan / 11.07.2018, 06:30 Uhr - Aktualisiert 12.07.2018, 10:56
Frankfurt (Oder) (MOZ) Es ist eine ungewöhnliche Lebensgeschichte, die jetzt im Stadtarchiv gelandet ist. Dieter Obst, vielen bekannt als Zauberer Dieobs, hat seine Erinnerungen dem Archiv als Vorlass übergeben. Für den 86-Jährigen ein Schlussstrich, einer von mehreren in seinem bewegten Leben.

Dieter Obst kann es noch. Schnell mischt er an seinem Wohnzimmertisch im Frankfurter Neubau die Karten, lässt sein Gegenüber entscheiden, welcher Stapel wohin gelegt wird und doch zieht er immer wieder die vorher gewählte Karo 8. Die Finger zittern ein bisschen, doch der freundlich-fixierende Blick unter den dunklen Augenbrauen sitzt noch. Seine Bühnenpräsenz ist zu spüren, auch wenn er am Tisch mit Spitzendecke und geblümter Kaffeetasse sitzt und nur eine Zuschauerin hat. Er hatte auch schon mal mehrere tausend.

Das war 1974, als er zum ersten Mal einen Schlussstrich zog unter seine Karriere am Kleist-Theater. Dort hatte er fast 20 Jahre lang Gastspiele organisiert, später die Konzerthalle geführt. Nebenbei hatte er kleine Auftritte als Zauberer, vor allem unterstützt durch seinen Freund, den Schauspieler Rolf Herricht, der ihn bei bunten Abenden auftreten ließ.

Dann lockte die große Chance: Auftritte im Staatszirkus der Mongolei. Doch am Theater wollte man ihn nicht ziehen lassen. „Sechs Wochen Sonderurlaub, da führte kein Weg rein“, erinnert sich Dieter Obst. „Ich habe gekündigt, das haben sie gar nicht für voll genommen“, sagt der Zauberer, der schon zwei Jahre zuvor nach erfolgreicher Prüfung am Friedrichstadtpalast die Berufszulassung als Magier bekommen hatte.

Der Schritt ins Ungewisse sollte Obsts Durchbruch werden. In Ulan Bator trat er mit Künstlern aus der Sowjetunion, Ungarn, Bulgarien, Vietnam und Kuba auf. Seine Spezialität war es, die Zuschauer einzubeziehen. In den Fotoalben, die er gerade dem Stadtarchiv überlassen hat, sind ungezählte Fotos und Zeitungsartikel davon zu sehen. „Dort in der Mongolei sagte man mir, das dürfe man nicht, es gebe eine unüberbrückbare Distanz zwischen Publikum und Künstler.“ Dieter Obst erinnert sich noch gut an den Schweißausbruch, den er hatte, das Konzept seiner Show drohte zu platzen. Schließlich entschloss er sich, seinen Weg zu gehen und sprach das Publikum an. Es funktionierte. Per Zuschauer-Abstimmung gewann er den ersten Preis und mit ihm den Start in ein erfolgreiches Leben als freischaffender Künstler.

Mit seiner Frau reiste er nun über Jahre zu einem Gastspiel nach dem anderen. 20 bis 25 Auftritte hatte er im Monat, die Gage war staatlich festgelegt auf 120 bis 150 Mark. Er erarbeitete Erwachsenenprogramme und solche für Kinder. „Ich habe den Kindern immer gesagt: Was ihr hier seht ist keine Zauberei, es sieht nur so aus.“

Was ihm lag, waren die großen Tricks. Eine Saison lang trat er im Zirkus Berolina auf und versenkte in einer Degenkiste, in der ein Mensch steckte, 14 Degen und ein Schwert. „Das hatte noch keiner vorher gemacht.“ Ein andermal schmiss er eine leere Kiste hoch, fing sie, öffnete sie und heraus kam ein Vogelkäfig mit einer Taube darin. Danach gefragt, wie das möglich sei, lächelt er und sagt: „Ich staune selbst noch darüber.“

Doch 1990 folgte der nächste Schlussstrich. Diesmal ein unfreiwilliger. Auf einmal schien der Magier Dieobs selbst wie weggezaubert. „Es gab keine Veranstaltungen mehr. Es war, als ob ich nicht mehr existiere“, schaut Obst auf diese schwierige Zeit zurück. Durch das soziale Netz fielen er und seine Frau als Freischaffende hindurch. Um Geld zu verdienen, begann der einstige Geschäftsführer der Konzerthalle als Pförtner ebenda zu arbeiten. Was ihn zermürbte, war das Vergessen. In der Kaufhalle, auf der Straße, da erkennen sie ihn manchmal noch. Von Seiten der Stadt, gab es keine Anerkennung. „Zum 75. Geburtstag kamen von überall Glückwünsche. Aus Frankfurt nicht.“

Trotz allem hat er sich entschieden, seine Memoiren – sowohl über das Theater als auch über seine Zeit als Magier – dem Stadtarchiv zur Verfügung zu stellen. „Wissen Sie, ich habe jetzt das Alter...“, sagt der so fit erscheinende Dieter Obst zur Erklärung. Es klingt wie ein Halbsatz, den er lieber nicht vollendet. Und Magier, das beweist er mit dem kleinen Kartentrick, ist er immer noch.

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