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Familienhilfe
Hebamme ohne Kreißsaal

Beratung: Hebamme Simone Wagner (links) nimmt sich nach dem Rückbildungskurs Zeit für „ihre“ Mütter. Jeden Freitag treffen sie sich im Therapiezentrum am Arboretum.
Beratung: Hebamme Simone Wagner (links) nimmt sich nach dem Rückbildungskurs Zeit für „ihre“ Mütter. Jeden Freitag treffen sie sich im Therapiezentrum am Arboretum. © Foto: Frauke Adesiyan
Frauke Adesiyan, MOZ / 16.07.2018, 20:00 Uhr
Frankfurt (Oder) Werdende Mütter können seit diesem Monat wieder auf eine hauptberufliche freie Hebamme in Frankfurt zurückgreifen. Nach 37 Jahren am Klinikum bietet Simone Wagner nun komplett freiberuflich ihre Unterstützung rund ums Kinderkriegen an.

Nein, Geburten betreut Simone Wagner nun nicht mehr. Rund 1700 Babys hat sie in ihren 37 Berufsjahren auf die Welt geholfen. Doch nach der Kündigung am Klinikum bleibt dieser Aspekt der Hebammen-Tätigkeit nun aus. „Diese Versicherungsprämien kann ich nicht bezahlen“, macht sie deutlich. Doch auch ohne Geburten hat sie mit rund 60 Frauen, die sie freiberuflich bei der Geburtstvorbereitung, im Wochenbett und in Rückbildungskursen betreut, genug zu tun.

Werdende Mütter haben in Frankfurt wenig Auswahl auf der Suche nach einer Hebamme, die auch Kurse anbietet. Durch ihre komplette Freiberuflichkeit kann Simone Wagner nun doppelt so viele Termine anbieten wie zuvor. „Im Moment nehme ich alle Frauen an, die anfragen“, sagt sie. Dennoch kenne sie Erzählungen von Frauen, die keine Hebamme finden. Auch Grünen-Politikerin Alena Karaschinski, die sich seit Jahren für das Thema einsetzt, weiß, dass Frankfurterinnen für Vorbereitungs- und Rückbildungskurse nach Eisenhüttenstadt oder Müllrose fahren. „Wir haben eine sich verstärkende Unterversorgung, ähnlich wie bei Ärzten“, mahnt sie in Richtung Politik, vorausschauende Schritte einzuleiten.

Sie sieht in der ausreichenden Versorgung mit Hebammen einen weichen Standortfaktor, der jungen Familien die Entscheidung für Frankfurt erleichtern könnte. Junge Hebammen, so findet sie, sollten gezielt nach Frankfurt „gelockt“ werden.

Den Weggang aus dem Klinikum, in dem Simone Wagner direkt nach ihrer Ausbildung angefangen hatte, hat sie sich nicht leicht gemacht. „Ich habe mich lange mit dem Gedanken herumgeschlagen“, gesteht sie. Der Schichtdienst mit den Nächten auf Station hat sie körperlich mitgenommen. „Ich konnte nicht mehr schlafen. Und wenn die Gesundheit auf der Strecke bleibt, muss man handeln“, erklärt sie ihre Entscheidung. Das Angebot, als Beleghebamme Frauen im Klinikum bei der Geburt zu betreuen, hat sie ausgeschlagen. Bisher war dieses Angebot, bei dem die Schwangere „ihre“ Hebamme mit in den Kreißsaal bringt, im Frankfurter Klinikum gar nicht vorgesehen. Hier scheint sich nun die Haltung des Hauses zu ändern.

Wenn man Simone Wagner nach ihren Wünschen an die Politik fragt, muss sie nicht lange nachdenken. „Die Krankenkassen müssten mich nach der tatsächlichen Zeit bezahlen, die ich bei den Eltern bin“, findet sie. Bezahlt wird immer nur eine halbe Stunde. „Das schaffe ich aber bei den ersten ein bis zwei Hausbesuchen nie.“ Die Folge: Sie arbeitet auf eigene Kosten.

Dass es nichtsdestotrotz ihr Traumberuf ist, sieht man Simone Wagner im Umgang mit den Frauen und Kindern an. Als ihr Rückbildungskurs zu Ende ist, antwortet sie unaufgeregt auf alle Fragen, egal ob es um die Verdauung des Babys oder das Haarefärben während der Stillzeit geht. Sie vermittelt den Müttern neben allem Wissen vor allem eins: „Alle wollen immer perfekt sein. Aber man ist nie perfekt.“

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