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Viadrina-Professor
Kosmopolit Özil und die Angst vorm Anderssein

Frauke Adesiyan / 23.07.2018, 19:15 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Mit „Ersatzspielfelder“ hat der Politik-Professor Timm Beichelt von der Viadrina  ein Buch über das Verhältnis von Fußball und Macht vorgelegt.  sprach mit ihm über den Eklat im „Fall Özil“.

Herr Beichelt, warum bergen die Geschehnisse um Mesut Özil so viel Zündstoff?

Es gibt in Deutschland eine nicht zu Ende geführte Integrationsdebatte. Oft wird Integration gefordert, aber Assimilation gemeint.

Warum löste gerade ein Bild mit Erdogan solche Emotionen aus?

Die politische Debatte in Deutschland ist noch immer stark von der Nazizeit geprägt. Starke illiberale Führungspersonen werden abgelehnt. In dieses Muster fällt Erdogan. Er ist ein Antibild zur politischen Kultur, die sich in Deutschland etabliert hat.

Seinen Rücktritt begründete Özil auf Englisch. Sagt er damit: Ich ziehe nicht nur euer Trikot aus, sondern spreche auch nicht mehr eure Sprache?

Das steht für den Kosmopoliten Özil. Er ist eben nicht nur deutsch und türkisch. Seine Freunde leben in Europa verstreut, er hat länger im Ausland als in Deutschland gespielt, er pflegt Sponsoringverträge mit multinationalen Konzernen. In gewisser Weise verkörpert er ein Ideal in der globalisierten Welt.

In der deutschen Debatte hat sich das aber kaum widergespiegelt.

Richtig, hier zeigt sich, dass der deutsche Diskurs recht beschränkt ist. Wir reden nur über die Nationalmannschaft und Erdogan. Eigentlich geht es aber um Globalisierung, internationale Geschäfte und transnationale Migration.

Passt dazu die Weltmeisterschaft als ein eigentlich überholter Wettstreit der Nationen?

Ich sehe Fußball als ernstes Spiel; die WM ist eine Arena der nationalen Selbstvergewisserung. Einerseits wollen wir globalisierten Fußball, andererseits sehnen wir uns nach nationalen Erzählungen. Am Fall Özil lässt sich das Reibungsverhältnis mit den Händen greifen

Was haben der DFB und Özil in der Debatte falsch gemacht, dass es zu der Eskalation kam?

Es ist eine doppelte Realitätsverweigerung. Özil und Gündogan negieren, dass sie als öffentliche Figuren eine politische Dimension besitzen. Die beiden haben nun einmal Wahlkampf für Erdogan gemacht. Auf der anderen Seite verweigert der DFB eine umfassende Auseinandersetzung mit  den Leitbildern von Integration und Assimilation.

Können Sie den Rassimus-Vorwurf nachvollziehen?

Nein, das halte ich für unangemessen. Die deutsche Mehrheitsgesellschaft hat ein Problem damit, wenn der Andere tatsächlich anders ist. Özil ist gläubiger Muslim, der vor dem Spiel betet. Da fragt sich mancher: Gehört der überhaupt zu uns? Ich plädiere für mehr Gelassenheit.

Welche Verantwortung tragen die Protagonisten des DFB?

Sie sollten nicht immer abwiegeln, wenn es um die politische Dimension von Fußball geht. Jetzt stehen die Verantwortlichen vor einem Scherbenhaufen. Aus der Integrations- ist eine Rassismusdebatte geworden und einer der besten deutschen Fußballer läuft nicht mehr für das Nationalteam auf. Schlechter hätte es nicht laufen können.

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