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Karin WolffsIhr Tod ist ein großer Verlust für Frankfurt (Oder)

Nachruf
Übersetzerin Karin Wolff gestorben

Übersetzte Hunderte Bücher und Gedichte aus dem Polnischen:  Karin Wolff
Übersetzte Hunderte Bücher und Gedichte aus dem Polnischen: Karin Wolff © Foto: privat
Dietrich Schröder / 06.08.2018, 07:00 Uhr - Aktualisiert 06.08.2018, 10:12
Frankfurt (Oder) (MOZ) Frankfurt (Oder). „Ich bin aller­gisch gegen alles, was in Massen daherkommt. Wenn alles im Chor singt. Da sag ich mir, da musst du jetzt nicht auch noch hin.“ Diese Sätze sagen viel über Karin Wolff. Wenn an warmen Sommertagen der Geruch von Grillfleisch über ihrem Wohngebiet lag, und dazu noch Schlagermusik, schloss sie die Fenster und machte, was ihr am wichtigsten war: Romane, Erzählungen und Gedichte aus dem Polnischen übersetzen.

Oder sie stritt am Telefon mit den Lektoren von Verlagen über die  Fehler, die sich in ihre Manuskripte eingeschlichen hatten. Beziehungsweise über die deutschen Titel oder Umschlaggestaltungen von Büchern, die so gar nicht ihren Vorstellungen (und dem Inhalt) entsprachen. In bissigen Briefen an unsere Redaktion griff sie sprachliche Stilblüten sowie Fehler auf und erklärte den Autoren, welche Formulierung sie eigentlich hätten wählen müssen, um das zum Ausdruck zu bringen, was sie meinten.

Kam man dann zu Besuch in ihr kleines, von Büchern und Katzen dominiertes Häuschen, konnte sie selbst wie eine Katze schnurren: „Ach, lieber Herr Schröder, was würden Sie nur ohne ihre schärfste Kritikerin machen?“ Dann diskutierten wir stundenlang  – oder zerstritten uns bis zu ihrem nächsten Buch oder Brief.

Messerscharfe Sprache und außergewöhnliche Intelligenz – das waren die Waffen, mit denen sich Karin Wolff gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt zur Wehr setzte. Diese hatte sie schon erfahren, als sie als Beste ihres Frankfurter Abiturjahrgangs nicht studieren durfte, wegen ihrer „bürgerlichen Herkunft“ und der „christlichen Weltanschauung“. Stattdessen schickte man sie zur „Erziehung im sozialistischen Arbeitsprozess“.

Ein Rückenleiden, das sie sich beim Holzverladen in den Frankfurter Möbelwerken zuzog, sollte indirekt zur Weichenstellung für ihre Leben werden: Denn während eines langen Aufenthalts in einer orthopädischen Klinik brachte sie sich die polnische Sprache bei. Ihr Interesse an dem Nachbarland hatte der polnische „Vogelhändler“ Stanislaus aus der Operette von Carl Zeller geweckt, die sie im Kleist-Theater gesehen hatte.

Später lernte sie noch ganz andere Dinge in Polen kennen: Menschen, die unter den deutschen Besatzern im Zweiten Weltkrieg gelitten hatten, und Erinnerungen an die vielen, die von den Deutschen getötet wurden. Dem Warschauer Getto setzte sie schon zu DDR-Zeiten  mit ihrem Buch „Hiob 1943“ ein tief berührendes Denkmal. Und die Erinnerungen des Pianisten Wladyslaw Szpilman, der von einem Wehrmachtsoffizier gerettet wurde, übertrug sie ins Deutsche, lange bevor Roman Polanski seinen mit drei Oscars geehrten Film daraus machte.

Sie engagierte sich für die polnische Solidarnosc, indem sie Texte der Untergrund-Bewegung unter dem Pseudonym „Schwarze Katze“ ins Deutsche übertrug. Jahrzehnte später erhielt sie aus den Händen von Lech Wałesa bei einer Feier in Danzig die Verdienstmedaille der Solidarnosc dafür.

Die Liste ihrer Auszeichnungen ist fast so lang und genauso imposant, wie die Reihe der Bücher und Gedichte, die sie übertrug. Mit dem „Offizierskreuz der Republik Polen“ und der „Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland“ gehören die höchsten Ehrungen beider Länder dazu. Ihre Heimatstadt Frankfurt ehrte sie mit einer Eintragung ins Goldene Buch, für die sich Martin Patzelt einsetzte.

Diese Ehre gab sie dutzendfach zurück, als sie über Jahre in den „Herbstsalon der polnischen Literatur“ beziehungsweise zum „Lesen im Winter“ einlud. Bei diesen exzellenten Reihen machte sie die Frankfurter auch mit ihren Freunden aus dem Nachbarland bekannt. Schüler und Studenten animierte sie zur Aufführung polnischer Theaterstücke und zur Beschäftigung mit Krystyna Wituska. Die Tochter eines Gutsbesitzes hatte sich mit nur 19 Jahren der „Heimatarmee“ in Warschau angeschlossen und wurde von der Gestapo 1944 getötet.

Von solchem Widerstandsgeist war Karin Wolff beseelt. Jetzt ist sie an einer kurzen, schweren Krankheit verstorben und wird am Dienstag um 10.30 Uhr auf dem Hauptfriedhof beigesetzt. Wie es heißt, will die Stadtverwaltung eine Ehrung mit Gästen aus dem Nachbarland im Herbst für sie vorbereiten.

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