Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Mit Astronergy stellt der letzte Photovoltaik-Hersteller an der Oder seine Produktion ein / 200 Arbeitsplätze sollen wegfallen

Stellenabbau
Aus für Frankfurter Solarstandort

Solarmodule „Made in Frankfurt“ am Ende: Viele betroffene Mitarbeiter verließen noch während der Betriebsversammlung frustriert das Werk. Stadt, Arbeitsagentur und Kammern kündigten an, bei der Suche nach neuen Arbeitsplätzen zu helfen.
Solarmodule „Made in Frankfurt“ am Ende: Viele betroffene Mitarbeiter verließen noch während der Betriebsversammlung frustriert das Werk. Stadt, Arbeitsagentur und Kammern kündigten an, bei der Suche nach neuen Arbeitsplätzen zu helfen. © Foto: Astronergy Solarmodule
Thomas Gutke / 11.01.2019, 18:30 Uhr - Aktualisiert 11.01.2019, 20:56
Frankfurt (Oder) (MOZ) Der Solar-Standort Frankfurt ist endgültig am Ende. Am Freitag kündigte Astronergy an, seine Produktion einzustellen. 200 Mitarbeiter sollen entlassen werden. Übrig bleibt dann nur noch ein kleiner Vertriebsstandort des zur chinesischen Chint-Gruppe gehörenden Unternehmens.

Der Wegfall der Arbeitsplätze bei Astronergy Solarmodule zeichnete sich seit längerem ab. Nach Einschätzung des Unternehmens hatte sich die Marktsituation für die deutsche Solarproduktion bis Ende 2017 kontinuierlich verschlechtert. Im März 2018 musste deshalb bereits Hersteller Solarworld mit seinen Standorten in Freiberg und Arnstadt Insolvenz anmelden, wovon Frankfurt zunächst sogar noch minimal profitierte. Doch spätestens im September 2018 geriet dann auch  Astronergy wirtschaftlich enorm unter Druck, als die EU-Kommission entschied, die Importzölle für chinesische Solarmodule aufzuheben. Diese galten seit 2013, um die europäische Solarwirtschaft vor Dumpingpreisen zu schützen.

This browser does not support the video element.

Video

Stellenabbau bei Astronergy

Videothek öffnen

Mit dem Wegfall der Mindestimportpreise will die EU die Nachfrage nach Solarmodulen auf dem europäischen Markt ankurbeln. Doch bei Astronergy brachen deshalb die Aufträge ein. Geschäftsführung und Betriebsrat vereinbarten daraufhin im September Kurzarbeit, die bis Ende Dezember Bestand hatte. Die Auftragsflaute aber hielt an, woraus das Unternehmen – eine Tochtergesellschaft der Chint-Gruppe aus China – nun die Konsequenzen zog. Am Freitag informierte Geschäftsführer Paul Xinhua Ji die Beschäftigten über den Umbau des Standortes. In Frankfurt sollen demnach künftig nur noch Bereiche wie Marketing, Vertrieb, Kundenbetreuung, Logistik und Zollabfertigung angesiedelt sein – die Produktion wird  eingestellt, sobald alle Aufträge abgearbeitet sind.

Die Kunden werden künftig stattdessen mit Photovoltaik aus Asien versorgt. 200 der 230 Astronergy-Beschäftigten verlieren ihre Arbeit. Die Geschäftsführung will in den nächsten Tagen mit dem Betriebsrat über die Stilllegung des Werkes und einen Sozialplan verhandeln.

„Trotz der hochautomatisierten Fertigung am Standort Frankfurt sind die Produktionskosten gegenüber außereuropäisch hergestellter Ware nicht mehr wettbewerbsfähig“, hieß es am Freitag in einer Pressemitteilung des Unternehmens. Geschäftsführer Paul Xinhua Ji erklärte: „Die Neuausrichtung bedeutet einen schwerwiegenden Schnitt für unser Unternehmen und unsere Beschäftigten.“ Die Marktsituation jedoch lasse keine Fortführung der Produktion mehr zu. „Wir bedauern sehr, dass sich die harte Arbeit unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die Opfer, die sie in den vergangenen Monaten gebracht haben, am Ende nicht bezahlt gemacht haben“, so Ji.

Viele der betroffenen Produktionsmitarbeiter verließen noch während der Betriebsversammlung frustriert das Werk. Die Stadt Frankfurt, die Arbeitsagentur und die Kammern kündigten noch am Nachmittag an, die Beschäftigten gemeinsam bei der Suche nach einem Arbeitsplatz unterstützen zu wollen.

„Für uns ist das eine schlimme Nachricht. Es bedeutet das Ende für die Solarindustrie in Frankfurt“, sagte Oberbürgermeister René Wilke (Die Linke). Er sieht das Aus für die Produktion bei Astronergy auch als eine Folge des Handelskrieges zwischen den USA und China. „Die Entwicklung zeigt, wie die ganz große, globale Politik regional bei uns zuschlagen kann.“ In Frankfurt selbst trage daran niemand Schuld, so der OB. René Wilke zeigte sich zuversichtlich, dass ein Großteil der Astronergy-Beschäftigten schnell wieder einen Arbeitsplatz finden wird. Dabei verwies er unter anderem auf Yamaichi Electronics. Das Unternehmen baut gerade seinen Standort in Frankfurt aus. „Die Situation ist heute eine andere als vor fünf, sechs Jahren.“

Ähnlich äußerte sich eine Sprecherin des brandenburgischen Wirtschaftsministeriums: „Die Sache ist höchst bedauerlich, aber wir sind bemüht, die Konsequenzen abzufedern und auch mit der Geschäftsführung ins Gespräch zu kommen.“ Frankfurt entwickele sich insgesamt sehr positiv, denn andere Industrien seien dabei, in den Standort zu investieren.

Gleichwohl bedeutet die Nachricht eine Zäsur für Frankfurt. Denn bis 2012 gehörte die Stadt mit zeitweise bis zu 2000 Arbeitsplätzen zu den größten Produktionsstandorten für Solarmodule in Ostdeutschland. Dann brachen Subventionen weg und es kam zu einem Preisverfall aufgrund von Überkapazitäten.

In Frankfurt meldete daraufhin zuerst Odersun Insolvenz an, kurz danach schloss auch First Solar; 1200 Mitarbeiter standen ohne Job da. Zugleich gingen der Stadt eingeplante Steuereinnahmen in Millionenhöhe verloren. Nur langsam erholte sich der Wirtschaftsstandort wieder. Übrig blieb nur die Firma Conergy, die 2013 ebenso insolvent ging, jedoch von Astronergy übernommen und damit zunächst gerettet werden konnte.

Es folgten fünf relativ stabile Jahre, in denen Astronergy von der Marke „Made in Germany“ und den Schutzzöllen profitierte. Doch seit Freitag ist der einstige Solarrausch in Frankfurt endgültig Geschichte.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG