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Photovoltaik-Hersteller Astronergy kündigt den Wegfall von 200 Arbeitsplätzen an / Nur ein kleiner Vertriebsstandort soll erhalten bleiben

Entlassungen
Frankfurter Solarindustrie am Ende

Thomas Guttke, Jan-Henrik Hnida / 12.01.2019, 09:00 Uhr - Aktualisiert 12.01.2019, 10:41
Frankfurt (Oder) (MOZ) Das, was viele befürchtet haben, ist eingetroffen: Der letzte Solarmodul-Hersteller in Frankfurt stellt seine Produktion ein – mehr als 200 Jobs bei Astronergy fallen weg. Eine Nackenschlag für die Beschäftigten, die am Freitagnachmittag auf einer Betriebsversammlung davon erfuhren.

Zu 14 Uhr hatte Geschäftsführer Paul Xinhua Ji die Belegschaft einbestellt. Doch die ersten Mitarbeiter aus der Produktion fahren bereits eine Stunde früher auf den Parkplatz, darunter auch  viele in Pkw mit Kennzeichen aus Märkisch-Oderland und Oder-Spree. Einige sind zu diesem Zeitpunkt durchaus noch optimistisch. „Ich erwarte nur das Beste“, meint ein junger Mann. Der 46-Jährige arbeitet seit zehn Jahren in dem Werk. Zuerst unter der Flagge von Conergy. Dann, nach der Solarkrise 2012 und der Insolvenz des Unternehmens 2013, für Astronergy, das die Fabrik übernahm. Nach einer ersten Kündigung und einem Jahr Arbeitslosigkeit wurde er wieder eingestellt. „Vielleicht gibt es ja bloß eine Schichtänderung“, hofft er. Ebenfalls seit 2008 dabei ist eine seiner Kolleginnen.  „Na, ich erwarte Kündigungen“, ist ihre desillusionierte Antwort auf die Frage, mit welchen Nachrichten sie auf der Betriebsversammlung rechne. „Abwarten, was passiert“, meint ein anderer Kollege. Gemeinsam gehen sie nach der gerauchten Zigarette ins Warme. Aus der Straßenbahn steigt Marianne Wolf.  „Ich arbeite seit elf Jahren hier“, erzählt sie. Sie gehe im Februar sowieso in Rente. Aber natürlich fiebere sie mit ihren Kollegen mit.

Als die Versammlung im großen Eingangs-Foyer von Astronergy beginnt, ist die Stimmung angespannt. Und tatsächlich bewahrheitet sich dann, was viele der Mitarbeiter befürchtet haben: Die Produktion soll komplett eingestellt werden – 200 Mitarbeiter werden nicht mehr gebraucht. In den nächsten Tagen und Wochen will die Geschäftsführung mit dem Betriebsrat über die Stilllegung des Werkes und einen Sozialplan für die Betroffenen verhandeln. Bereits bevor Ji mit seinen Ausführungen am Ende ist, verlassen viele Beschäftigte frustriert das Werksgelände.

„In den vergangenen Monaten gab es einen Preisverfall bei Solarmodulen von über 30 Prozent, das Auftragsbuch ist entsprechend überschaubar“, erklärt Astronergy-Sprecherin Tina Mentner, nachdem die offizielle Pressemitteilung an die Medien verschickt ist. Zurzeit seien noch zwei der fünf Produktionslinien in Betrieb. „Alle Aufträge werden noch abgearbeitet, das haben wir unseren Kunden zugesichert“, sagt sie.

Bis Ende 2017 lief es noch recht gut für die letzte von einst drei großen Solarfabriken in Frankfurt. Doch mit dem Wegfall der EU-Mindestimportpreise für chinesische Solarmodule – die den europäischen Markt vor Dumpingpreisen schützen sollten – im September 2018 verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage des Unternehmens dramatisch. Um den Auftragsrückgang abzufedern, wurde zulasten der Beschäftigten vorübergehend auch Kurzarbeit vereinbart. Doch die Schieflage blieb bestehen. Und Astronergy zog nun die Konsequenz. In der Pressemitteilung heißt es, trotz der hochautomatisierten Fertigung am Standort Frankfurt „sind die Produktionskosten gegenüber außereuropäisch hergestellter Ware nicht mehr wettbewerbsfähig“.

In Zukunft will das zur chinesischen Chint-Gruppe gehörende Unternehmen von der Oder aus asiatische Ware verkaufen. Der Astronergy-Standort Frankfurt soll zu einem europäischen Vertriebs- und Servicezentrum ausgebaut werden. Für Geschäftsführer Paul Xinhua Ji ist das auch als „Bekenntnis zum Unternehmenssitz“ zu verstehen. Die Chint-Gruppe glaube „an den Standort Frankfurt (Oder)“.

Für die Mitarbeiter in der Produktion ist das ein schwacher Trost.  „Jetzt ist die Stimmung total im Keller“, sagt einer und rennt zu seinem Wagen. „Was soll ich mit meinen 58 Jahren denn jetzt machen?“, fragt eine Frau. Sie möchte ihren Namen nicht nennen, weil sie Angst hat, dass sie dann noch eher entlassen wird. „Zum Sozialamt, wo sonst hin?“, sagt ihre Freundin, die ebenfalls auf die 60 zugeht. Wie er seine Familie nun ernähren soll, fragt sich dagegen ihr Kollege. „Wahrscheinlich muss ich eine neue Ausbildung anfangen“, meint Mario. Seit 2007 verdiente der 36-Jährige sein Geld in der Produktion. Sein 62-jähriger Kollege gibt nicht „den Chinesen“ die Schuld, sondern der Bundesregierung. „Seit 20 Jahren wird in Deutschland nicht mehr genügend ausgebildet“, sagt er.

Nach und nach leert sich bis 15 Uhr der Parkplatz. Die frustrierten Mitarbeiter wollen einfach nur nach Hause.

Reaktionen

René Wilke (Die Linke), OB Frankfurt: „Für uns ist das eine schlimme Nachricht. Es bedeutet das Ende für die Solarindustrie in Frankfurt. Der Wegfall von 200 Arbeitsplätzen ist eine riesige Dimension für Frankfurt. Und die Entwicklung zeigt, wie die ganz große, globale Politik regional bei uns zuschlagen kann. Denn das Aus für die Produktion hat hängt unmittelbar mit der offensiven Handelspolitik von Donald Trump zusammen. In Frankfurt (Oder) trägt daran niemand Schuld.

Zugleich ist die Situation eine andere als vor fünf, sechs Jahren, nach dem Aus für First Solar und Odersun. Damals standen viele Beschäftigte tatsächlich vor dem Nichts, weil es wenig Alternativen gab. Heute werden viele Fachkräfte im Handwerk und Produktionsbereichen gesucht. Beispielsweise baut Yamaichi gerade seinen Standort in Frankfurt aus. Deshalb bin ich optimistisch, dass viele Astronergy-Mitarbeiter schnell wieder einen einen neuen Arbeitsplatz finden. Die Stadtverwaltung wird die Betroffenen dabei nach Kräften unterstützen.“

Mathias Lemcke, Agentur für Arbeit Frankfurt, Geschäftsführer operativ: „Die letzten Wochen haben bereits erahnen lassen, wie ernst es um Astronergy bestellt ist. Wir werden uns selbstverständlich darum bemühen, bestmögliche Lösungen für die Betroffenen zu finden, bei bürokratischen Fragen zur Seite zu stehen und gemeinsam mit der Stadt und den Kammern nach neuen Beschäftigungsmöglichkeiten zu suchen.  Der Arbeitsmarkt hat sich gut entwickelt, die Betroffenen sind keinesfalls chancenlos. Im Gegenteil. Zunächst aber müssen wir uns noch einen Überblick über die Fakten verschaffen.“

Jan Augustyniak, Vorsitzender des Linken-Kreisverbandes: „Wir stehen solidarisch an der Seite der von Kündigungen betroffenen Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen. Die Schließung ist eine direkte Folge des Handelskrieges der USA gegen China. Wir erleben damit die Schattenseite der Globalisierung, die keinerlei Rücksicht auf soziale Probleme kennt.“

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