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Frankfurter Suchtberatung macht auf Mädchen und Jungen mit glücksspielsüchtigen Eltern aufmerksam

Spielsucht und Familie
Vergessene Kinder

Spielautomat an, Alltag aus: Glücksspielabhängige blenden die Konsequenzen ihrer Sucht häufig aus und treiben ihre Familien damit in den finanziellen Ruin.
Spielautomat an, Alltag aus: Glücksspielabhängige blenden die Konsequenzen ihrer Sucht häufig aus und treiben ihre Familien damit in den finanziellen Ruin. © Foto: Britta Pedersen/dpa
Thomas Gutke / 11.02.2019, 07:30 Uhr - Aktualisiert 11.02.2019, 08:00
Frankfurt (Oder) (MOZ) Bundesweit machen Suchtberatungsstellen in dieser Woche auf Kinder aus suchtbelasteten Familien aufmerksam. Die Frankfurter Fachstelle rückt Mädchen und Jungen mit glücksspielabhängigen Eltern in den Fokus. Ihr Leidensdruck wird häufig vergessen.

Leere Kühlschranke. Abgetragene Kleidung. Kein Geld für Weihnachtsgeschenke, einen Kinobesuch oder die Fahrt in den Urlaub. Dafür gereizte, sich streitende Eltern, die nicht wissen, wovon sie die nächste Miete bezahlen sollen. Das Tragische: Es könnte eigentlich genug Geld da sein – wenn nicht alles verspielt worden wäre. Die Mitarbeiter der Frankfurter Fachstelle für Sucht sind regelmäßig mit Alltagsschilderungen wie diesen konfrontiert. „Für die Kinder ist das eine absolute Katastrophe“, berichtet Silke Woick. Sie und ihre Kollegin Ines Paschek haben sich deshalb in diesem Jahr entschieden, bei der Aktionswoche für Kinder aus suchtbelasteten Familien den Blick auf die zerstörerischen Folgen der Glücksspielsucht zu lenken – und den oft traurigen Alltag der Kinder, der nicht weniger schlimm sei als der von Mädchen und Jungen mit alkoholkranken Eltern. „Ihr Leid wird häufig vergessen“, sagt Ines Paschek.

Gesicherte Zahlen gibt es nicht. Die Spannweite der Schätzungen reicht nach Angaben der Interessenvertretung Nacoa bundesweit von 37 500 bis 150 000 Eltern, die glücksspielsüchtig sind. Dass davon auch viele in Frankfurt zu finden sind, erleben Silke Woick und Ines Paschek jede Woche. Zumal die Stadt viele Möglichkeiten dazu bietet. 13 Spielhallen und mehr als 300 Spielautomaten gibt es in Frankfurt. Im Internet-Zeitalter gehen viele Glücksspielsüchtige jedoch oft gar nicht mehr in abgedunkelte Spielhallen; sie zocken einfach von zu Haus aus. „Für die Kinder macht das keinen Unterschied. Abwesend sind ihre Eltern dann trotzdem“, sagt Silke Woick. Ob auf dem Smartphone oder am Spielautomaten. „Sie tauchen in eine komplett andere Welt, blenden alles aus. Auch die Konsequenzen.“ In Beratungsgesprächen hätten sie es schon mit Elternteilen zu tun gehabt, die ihr Kind stundenlang auf dem Parkplatz im Auto ausharren ließen, während sie in der Spielhalle saßen.

In den allermeisten Fällen beginne die Spielsucht jedoch zunächst im Verborgenen. Nach und nach weite sich die Abhängigkeit hinter der Alltagsfassade dann zu einem dauerhaften Versteckspiel aus, berichten die Suchtexperten. Bereits in dieser Phase hätten Kinder ein feines Gespür dafür, dass etwas nicht stimme. „Sie erleben die Sucht als emotionales Auf- und Ab. Weil ihre Eltern zunehmend gereizt sind, sich um Geld streiten“, so Ines Paschek. „Viele Kinder werden dann ruhiger und versuchen, keine zusätzlichen Probleme zu machen. Sie treten auch als Streitschlichter auf, damit die Familie nicht auseinanderbricht.“ Doch dort, wo es keine Unterstützung durch nahe Angehörige oder einen starken zweiten Elternteil gebe, überfordere das eine Kinderseele. Nicht selten komme es zu einem Leistungsabfall in der Schule. Und zu einer zunehmenden Isolation, wenn das Geld nicht da ist, um an den Aktivitäten der Mitschüler teilzuhaben. Hinzu komme, dass Kinder aus suchtbelasteten Familien gefährdeter sind, später ebenfalls abhängig zu werden.

Doch Ines Paschek und Silke Woick brechen über keinen Glückspielsüchtigen den Stab. „Auch sie wollen gute Eltern sein. In den Beratungsgesprächen ist es uns deshalb wichtig, sie in ihrer Elternrolle anzusprechen und zu bestärken“, betont Silke Woick. Der erste wichtige Schritt  sei, sich überhaupt der Sucht zu stellen und Hilfe anzunehmen. Viele kämen direkt aus der Schuldnerberatungsstelle.

Was beiden wichtig ist: auch für Kinder aus suchtbelasteten Familien gibt es zeitgemäße Beratungsangebote. Nacoa bietet verschiedene, kostenlose Möglichkeiten an; darunter einen moderierten, anonymen Gruppenchat, einen Einzelchat, Beratung per E-Mail oder Telefon. Mehr unter: beratung-nacoa.beranet.info. Betroffene Eltern finden Hilfe bei der Fachstelle Sucht (Am Holzmarkt 4a), zu erreichen per Tel. 0335 6802735 oder im Internet unter suchtberatungffo.de

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