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Senioreneinrichtungen mit Fachkräfteproblemen / Angehörige klagen über viele Absagen von Pflegediensten

Altenpflege
Zu wenig Personal und Plätze

Vollstationäre Betreuung: Eine Pflegefachkraft hilft einer Bewohnerin des Seniorenheims „Am Südring“ beim Laufen. Wohnen und leben pflegebedürftige Menschen hier, werden sie in Tagespflegeeinrichtungen ambulant und durch Pflegedienste zu Hause versorgt.
Vollstationäre Betreuung: Eine Pflegefachkraft hilft einer Bewohnerin des Seniorenheims „Am Südring“ beim Laufen. Wohnen und leben pflegebedürftige Menschen hier, werden sie in Tagespflegeeinrichtungen ambulant und durch Pflegedienste zu Hause versorgt. © Foto: Gerrit Freitag
Jan-Henrik Hnida / 15.02.2019, 07:00 Uhr - Aktualisiert 15.02.2019, 07:11
Frankfurt (Oder) (MOZ) Immer mehr Menschen werden im Alter pflegebedürftig und werden ambulant oder stationär versorgt. Träger wie der Awo-Kreisverband klagen jetzt schon über zu wenig Personal, Angehörige über zu wenig Plätze. Die Stadt sieht genug Beratungsangebote in Frankfurt.

Karla Vogel (Name geändert) hat eine beginnende Demenzerkrankung. Für eine stationäre Versorgung in einem Pflegeheim ist sie noch zu mobil. Also kommt eine ambulante Tageseinrichtung oder ein Pflegedienst in Frage, der zu den Vogel’s nach Hause kommt. Doch nach mehreren gescheiterten Telefonanrufen ist Gerhard Schmidt desillusioniert. „Bei vier Diensten ist kein Platz frei.“

„Absagen müssen auch wir mehrmals die Woche erteilen“, bedauert Sandra Stoppert, Leiterin der Awo-Sozialstation. Auf Grund „akuten Personalmangels“ könne nur noch eine begrenzte Anzahl versorgt werden. Von den 12 Planstellen seien je zur Hälfte mit Pflegeassistenten und mit Fachkräften besetzt, vier Stellen seien insgesamt offen. „Ich und meine Stellvertreterin fahren jetzt auch schon Touren mit“, sagt die Leiterin. Der ambulante Pflegedienst betreut Hilfsbedürftige zu Hause.  Auf diesen „Touren“ machen die Pfleger Essen, waschen, verabreichen Medikamente, wechseln Verbände. Letztere beide Arbeiten dürfen allerdings nur die Fachkräfte verrichten, da die „Helfer“ nur eine Grundausbildung besitzen.

Mit ihren sechs Autos sind die Mitarbeiter von 6 bis 14.30 Uhr unterwegs. „Die Patienten sind an uns gewöhnt“, erzählt Stoppert. Da sei es schlimm, wenn das Personal häufig wechselt. Hatte die Sozialstation früher über 90 Kunden, so sind es heute 70 – wegen der fehlenden Fachkräfte, so die Leiterin. „Ein von uns betreutes Ehepaar wird nach sechs Jahren nun doch stationär gepflegt“, berichtet sie. Benötigte das Paar früher nur einen morgendlichen Verbandswechsel, so hätten sie nach einem Krankenhausaufenthalt auch noch mittags und abends kommen müssen. Das sei nicht zu leisten gewesen.

Beim Awo-Seniorenheim „Am Südring“ stehen 79 vollstationäre Plätze und 5 Plätze für Kurzzeit- oder Verhinderungs- und Urlaubspflege sowie 12 Tagespflegeplätze zur Verfügung. Gegenwärtig fehlen im Seniorenheim eine Pflegefachkraft und eine Alltagsbegleiterin sowie in der Tagespflege eine Pflegefachkraft.

„Bei den Pflegegraden hat der ambulante Anteil extrem zugenommen“, sagt Peggy Zipfel, Geschäftsführerin des Awo-Kreisverbands Frankfurt. Die Plätze in der Tagespflege „reichen zukünftig nicht“ für pflegebedürftige Frankfurter. Sie fordere die Stadt auf, ihrer kommunalen Daseinsvorsorge nachzukommen. Die Devise „ambulant vor stationär“, die im Pflegestärkungsgesetz II des Bundes verankert ist, sei sinnvoll. „Viele wollen bis zum Schluss in ihrer Wohnung leben“, meint sie. Das funktioniere allerdings nur mit guten Netzwerken, wie starker Nachbarschaft, einer vorausschauenden Quartiersentwicklung und einem Ausbau der Beratungsstellen.  „Und die Stadt muss Pflege mit ins Marketingkonzept nehmen“, fordert Zipfel. Damit beispielsweise über die Zuzugskampagne speziell Pflegefachkräfte angesprochen würden.

Nach Angaben des Sozialdezernats ging der Bedarf nach stationären Plätzen in Frankfurt 2018 mit 821 leicht zurück; 2017: 826 Plätze. In der Tagespflege wurden letztes Jahr 55 neue Plätze geschaffen, also gibt es nun stadtweit 133. Vom Pflegestützpunkt seien ihm keine Beschwerden hinsichtlich Platzproblemen bekannt, so Sozialdezernent Jens-Marcel Ullrich. Mit dem Pflegestützpunkt in der Logenstraße 1 hält Ullrich das Beratungsangebot in der Oderstadt erstmal für ausreichend. „Wir als Kommune schaffen keine neuen Heime oder Plätze, sondern regeln die Belegung“, meint der Dezernent. Der Neubau von Pflegeeinrichtungen sei Sache des Markts. Auch deswegen schlägt er ein Investitionsprogramm durch den Bund vor, damit es zukünftig genug Heimplätze gebe. Denn das die stationäre Pflege weniger werde, hält er für einen Trugschluss. „Die Menschen werden immer älter und kränker.“

In puncto Kosten schlägt eine Rundumversorgung in Frankfurter Altenheimen – je nach Zustand des Heimbewohners – mit bis zu 2000 Euro pro Monat zu Buche. „In zehn Jahren können sich das nur noch Wenige leisten“, prognostiziert Zipfel. Wenn es auf Grund von Tarifverhandlungen zu einer Entgelterhöhung des Pflegepersonals komme, wie kürzlich im Awo-Bezirksverband-Ost geschehen, werde dies auf den Heimplatz umgelegt. So müssen einige Senioren in Seelow mit einer kleinen Rente zum Sozialamt laufen, weil sie die 500 Euro mehr nicht selbst zahlen können.

Mit mehr „Wertschätzung des Pflegeberufs“ in der Gesellschaft und einer angemessen Bezahlung hofft Zipfel mehr Auszubildende begeistern zu können.

Pflegeeinrichtungen in Frankfurt

■ Insgesamt gibt es 980 Plätze in voll- und teilstationären Einrichtungen (Stand 2018).Hier eine Auswahl:

■ Alloheim Senioren-Residenz:

Pflegeplätze (86), Mitarbeiter (61), Offene Stellen (0)

■ Gemeinnützige Pflege- und Betreuungsgesellschaft der Stadt:

Seniorenhaus-Stationär (111), -Ambulant (5), Tagespflege (20), Mitarbeiter (200), Offene Stellen (Ja)

■ Evangelisches Diakonissenhaus:

Pflegeplätze (50), Mitarbeiter (32), Offene Stellen (0)

■ ASB-Seniorenheim:

Pflegeplätze (242), Offene Stellen (3 Fachkräfte, 3 Pflegehilfskräfte)

■ Awo-Seniorenheim:

Pflegeplätze (79), Kurzzeit-, Verhinderungs- und Urlaubspflege (5), Tagespflegeplätze (12), offene Stellen (3)

Awo-Sozialstation:

Plätze (70), Offene Stellen (4)

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