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Parasport
Fast blind mit 80 Sachen über das Parkett

Hochgeschwindigkeits-Tandem: Das Duo Stefan Nimke und Tim Kleinwächter (von links) bei der Deutschen Paracycling-Meisterschaft in Frankfurt
Hochgeschwindigkeits-Tandem: Das Duo Stefan Nimke und Tim Kleinwächter (von links) bei der Deutschen Paracycling-Meisterschaft in Frankfurt © Foto: Walter Kleinwächter
Thomas Sabin / 06.12.2018, 09:00 Uhr
Frankfurt (MOZ) Wie man mit einem Handicap mit Tempo 80 auf einem Tandem oder dem Bahnrad fährt, zeigen die sieben Athleten bei den Deutschen Meisterschaften im Paracycling in der Oderlandhalle in Frankfurt. Die Organisatoren vom Brandenburgischen Präventions- und Rehabilitationssportverein Cottbus notierten neue Rekorde, die Fahrer hoffen auf eine WM-Teilnahme.

„Bis er 17 war“, sagt Walter Kleinwächter und nimmt seine Spiegelreflexkamera in Anschlag, „war mein Sohn frei von jeglichen Handicaps.“ Klick, klick, klick, klick, ist das Geräusch des Auslösers zu hören. „Der Unfall passierte damals in seiner Freizeit auf der Straße. Tim saß auf dem Fahrrad.“ Klick, klick, klick, klick.

Walter Kleinwächter schießt heute Fotos von seinem Sohn. Wie so oft, wenn er Zeit hat. Er schaut dabei zu, wenn Tim mit knapp 80 Kilometern pro Stunde über das Parkett rauscht. Heute feuert er ihn in der Oderlandhalle in Frankfurt an und versucht den perfekten Schnappschuss zu landen.

Der schwere Unfall seines Sohnes liegt zwölf Jahre zurück. Über Details redet Kleinwächter nicht. Er sagt nur so viel: „Tim erlitt ein schweres Schädelhirntrauma. Er verlor durch den Druck fast sein komplettes Sehvermögen. Zwei Prozent sind ihm geblieben.“

Klick, klick, klick, klick, macht es erneut. Wieder kam Tim vorbeigesaust. Sein Vater ruft hinterher: „Komm, komm, komm. Sieht gut aus.“

Seit fünf Jahren fährt Tim Kleinwächter für den Behindertensportverband in der Nationalmannschaft. Heute sitzt der 29-Jährige auf einem Tandem, als hätte er nie etwas anderes getan.

„Der Para-Sport ist momentan im Wandel und wird immer mehr zum Leistungssport. Auch die Akzeptanz ist da“, erklärt Reneé Schmidt, paralympischer Stützpunkttrainer in Cottbus. Heute richtet er die Deutsche Meisterschaft im Paracycling in der Frankfurter Oderlandhalle mit dem Brandenburgischen Präventions- und Rehabilitationssportverein Cottbus (BPRSV) aus. Schmidt ist sich sicher, „der Para-Sport wird immer populärer.“

Er selbst ist seit 27 Jahren als Trainer aktiv, seit knapp vier betreut er die Paracycler. Heute kümmert er sich um die Organisation der Meisterschaft. „Der Bundesstützpunkt in Frankfurt und die Halle machen den Aufwand sehr gering. Die Voraussetzungen sind sehr gut“, sagt er, während im Hintergrund die Athleten vorbei zischen.

Um den unterschiedlichen Einschränkungen gerecht zu werden, werden die Athleten klassifiziert und eingeteilt. Im Paracycling unterscheidet man in vier Klassen. Tim Kleinwächter fährt in der Klasse B, die für Sehbehinderte und Blinde gedacht ist. Er muss auf das Tandem zurückgreifen. Gemeinsam mit seinem Partner, dem ehemaligen Bahnrad-Olympiasieger Stefan Nimke, rast er an seinem Vater vorbei.

Nimke ist der Pilot und sitzt vorne. Der Ex-Profi und Bahnrad-Olympiasieger aus Schwerin fährt ohne Handicap. Er übernimmt das, was sein Hintermann nicht mehr richtig kann: das Sehen. „Wer mit Tim beim Bahnrad-Fahren mithalten möchte, der muss selber mal gefahren sein. Es sind meist Ex-Profis, um das Niveau zu halten“, erklärt Walter Kleinwächter.

Zosch. Klick, klick, klick, klick. Erneut rauschen die beiden vorbei. „Das könnte was werden“, sagt Kleinwächter mit Blick auf die Anzeigetafel. Das Tandem geht in die Kurve, prescht aus ihr wieder heraus. Walter Kleinwächter dreht sich gegen den Uhrzeigersinn mit seinem Sohn mit. Es geht in die zweite Kurve und mit hohem Tempo wieder hinaus.

Deutsche Para-Meister im Tandem werden die beiden heute ohnehin. Das wissen sie auch. Sie sind, wie es oft vorkommt, die einzigen, die in einer bestimmten Klasse antreten. „Das langweilt die Leute, da am Ende dann vier Rennen mit jeweils einem Sportler gefahren werden und alle gewinnen“, erklärt Schmidt. „Im Para-Sport“, sagt er, „geht es oft um den Aha-Effekt. Die Leute sehen, was die Sportler trotz ihrer Handicaps zu leisten im Stande sind. Das überrascht viele und reißt sie mit. Es beweist, dass es Leistungssport ist und hier Sportler mit hohem Niveau antreten.“

Für das Duo Nimke/Kleinwächter geht es heute vielmehr um die Zeit als um die Meisterschaft. 2014 fuhr Tim Kleinwächter noch mit Erik Mohs. Sie erreichten bei den Weltmeisterschaften in Mexiko eine Zeit von 4:27,6 Minuten. Eine starke Leistung. Heute jedoch kann er mit seinem neuen Partner, bei ihrem ersten offiziellen Wettkampf, diesen Rekord brechen.

Als die letzte Runde eingeläutet wird, ruft Walter Kleinwächter nochmal kräftig den vorbei schnellenden Fahrern hinterher: „Komm, komm, komm. Los jetzt.“ Es macht wieder: klick, klick, klick, klick im Millisekunden-Takt. Nimke und Kleinwächter geben alles und nähern sich der Zielgeraden. Zosch. Klick, klick, klick, klick.

„Wenn Tim sich was in den Kopf gesetzt hat, dann zieht er das auch durch. Er ist eine Kämpfernatur“, sagt Walter Kleinwächter und schaut nach den 4 000 Metern erwartungsvoll Richtung Anzeigetafel. „Er hat sich nie unterkriegen lassen. Auch nicht nach dem Unfall.“ 4:27,41 Minuten flimmern unterm Hallendach auf der Anzeige. Das Duo stellt einen neuen Rekord auf. Mit dieser Zeit sind sie weit vorne, im Rennen um ein Ticket für die Para-WM und die Paralympics.

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