Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

zum Brexit
Gefangene der eigenen Geschichte

Stefan Kegel
Stefan Kegel © Foto: Thomas Koehler/photothek.net
Meinung
Stefan Kegel / 16.03.2019, 08:30 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Verwirrung, endlose Abstimmungen, Brüllereien, Irrsinn. Das ist das Bild, welches das britische Parlament vor den Augen der Welt gegenwärtig abgibt – ein Trauerspiel für die stolze Nation. Nach all der Häme vom Kontinent ist es an der Zeit, eine Lanze für die Briten zu brechen. Denn im Ringen um den richtigen Weg in die Zukunft sind sie Gefangene ihrer Geschichte.

Zunächst einmal muss man mit einem Missverständnis zwischen Großbritannien und den anderen EU-Staaten aufräumen. Während die EU für viele Europäer auf dem Festland als Herzensprojekt gilt, sehen die Briten das Staatenbündnis viel nüchterner. Sie haben selber jahrhundertealte Institutionen, die sich in ihren Augen bewährt haben. Einmischungen von außen sind ihnen suspekt, zumal das Königreich als Weltmacht lange Zeit selbst den Ton angegeben hat. Sich einer diffusen Macht in Brüssel unterzuordnen, fällt ihnen schwer. Umso schlimmer muss es sich anfühlen, auch bei der Scheidung von ihr abhängig zu sein.

Ihr Leben auf der Insel hat Großbritannien auch ohne EU vor Kriegsgefahren weithin geschützt. Jeder Brite ist stolz darauf, dass sein Land seit dem Jahr 1066 von niemandem mehr erobert werden konnte. Also verfängt auch das "Friedensprojekt Europa", das nach dem Schrecken des Zweiten Weltkriegs als Vision des kontinentalen  Europas gilt, nur eingeschränkt.

Das wirtschaftliche Potenzial Europas wurde von der einstigen Welthandelsmacht mit Wohlgefallen begleitet, das politische Zusammenwachsen hingegen – mit Euro und grenzenlosem Schengen-Raum – mit Unbehagen. Großbritannien will aus der politischen Union mit Europa heraus, aber nicht aus der wirtschaftlichen. Viele Abgeordnete haben aber offenkundig nicht gemerkt, dass beides inzwischen untrennbar zusammengehört und daher ein Scheidungsvertrag notwendig ist, bevor man über Freihandel reden kann.

Die für britische Verhältnisse hochemotionalen Debatten im Parlament haben aber noch mit etwas anderem zu tun, nämlich mit dem Selbstverständnis der Abgeordneten. Denn aufgrund des dortigen Mehrheitswahlrechts ist jeder Parlamentarier in erster Linie seinem Wahlkreis verpflichtet. Können sich Abgeordnete des Bundestags, die über Landeslisten ins Parlament gekommen sind, im Zweifel hinter der Parteilinie verstecken, ist das auf der Insel nicht so leicht möglich. Hat ein Wahlkreis mehrheitlich für den Brexit gestimmt, gilt das der oder dem jeweiligen Abgeordneten meist als direkter Auftrag. Dessen Missachtung kann ihn bei der nächsten Wahl – die in den Wirren bald kommen kann – seinen Sitz im Unterhaus kosten, egal, was für eine gute Politik er ansonsten gemacht hat.

Bei all dieser Last ist die Bitte um einen Brexit-Aufschub verständlich. Den Austritt aufzuschieben ohne zu wissen, was danach kommen soll, ist aus europäischer Sicht zwar Unsinn. Der britischen Seite aber kann es helfen, die Vernunft wiederzufinden – und dem Austrittsvertrag zuzustimmen.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.
Norbert Wesenberg 19.03.2019 - 17:09:34

Kommentar trifft den Nagel auf den Kopf

Nur, wann gibt es hier endlich ein Mehrheitswahlrecht bei dem die gewählten Abgeordneten in erster Linie ihrem Wahlkreis verpflichtet sind und nicht der Parteilinie? Vermutlich wären Landesparlamente und der Bundestag bald leer.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG