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Ein Mal im Monat tauschen Betroffene sich in der Selbsthilfe-Zentrale über ihre Sorgen und Probleme aus. Es geht dabei nicht nur um Zucker.

Diabetes
Unter Gleichgesinnten

Schlaganfall und Herzinfarkt: Diabetes wirkt sich oft lange unbemerkt auf die Herzgesundheit aus
Schlaganfall und Herzinfarkt: Diabetes wirkt sich oft lange unbemerkt auf die Herzgesundheit aus © Foto: Novo Nordisk/Novo Nordisk Pharma GmbH/obs
Patrizia Czajor / 25.04.2019, 06:15 Uhr
Eisenhüttenstadt (MOZ) Gleich zu Beginn gesteht Ellen Adam den Anderen: "Eigentlich wollte ich heute lieber zu Hause bleiben." Doch trotz Abgeschlagenheit ist die 68-Jährige zu dem Treffen der Selbsthilfe-Gruppe für Diabetes gekommen, die sie seit einigen Jahren leitet und organisiert. Wie die meisten hier hat auch Ellen Adam Diabetes des Typs 2. Diese Form der chronischen Stoffwechselkrankheit äußert sich, anders als die des Typs 1, erst im fortgeschrittenen Alter. Übergewicht und Bewegungsmangel werden damit in Verbindung gebracht, dass der Körper eine Insulinresistenz entwickelt.

Doch nicht die Krankheit, mit der Ellen Adam seit nunmehr einem Jahrzehnt lebt, macht die Eisenhüttenstädterin für die Müdigkeit der vergangenen Wochen verantwortlich, wie sie den anderen erzählt. "Über Ostern stand ich nur in der Küche", sagt sie und verteilt zu Beginn des Treffens ein Schokobombon und ein Informationsheftchen über kohlenhydrathaltige Nahrungsmittel.

Gekommen sind in die Selbsthilfe-Zentrale an diesem Nachmittag fünf Frauen. Zu ihnen gehört Renate Kahl, bei der Ärzte vor rund fünf Jahren Diabetes des Typs 2 festgestellt haben. Noch müsse die 72-Jährige hingegen nicht spritzen, ihren Blutzuckerspiegel reguliert sie über spezielle Tabletten. Bei den Treffen der Selbsthilfe-Gruppe fühlt sie sich wie unter Gleichgesinnten. "Wir reden über alles Mögliche."

An diesem Tag sollte eigentlich ein Arzt einen Vortrag über das Blutbild und Grenzwerte halten, wie Ellen Adam meint. Leider habe er abgesagt. Für die Betroffenen ergibt sich so hingegen die Gelegenheit, alles Mögliche auf den Tisch zu bringen, das sie beschäftigt. Sie sprechen über Vitamine und Nährstoffe, Halbfettmargarine oder das Heilfasten, bis sie letztlich bei dem Thema Ärztemangel ankommen. Derzeit behandelt lediglich eine Internistin in Eisenhüttenstadt Menschen mit der Zuckerkrankheit. Auch wenn es bis zu ihrem Ruhestand noch ein bisschen hin ist, sind viele bereits jetzt besorgt. "Wenn es keinen Nachfolger gibt, wird es ein Problem geben", gibt eine der Frauen zu Bedenken.

Die Wohlstandkrankheit

Wichtig seien die Treffen auch, um sich gegenseitig Ratschläge und Tipps zu geben. Ellen Adam weist die Frauen etwa darauf hin, dass sie regelmäßig die Genauigkeit ihrer Messgeräte überprüfen sollten. Das macht Renate Kahl vier Mal im Jahr bei ihrer Ärztin. Denn ähnlich wie bei einer Waage könnten mit der Zeit Ungenauigkeiten auftreten. Ellen Adam möchte sich für die Betroffenen darüber informieren, ob das Kalibrieren der Geräte auch anderswo, etwa in der Apotheke, vorgenommen werden könne.

Da es auch in den Ernährungswissenschaften immer wieder neue Erkenntnisse gibt, bietet das Treffen auch die Möglichkeit, auf dem neuesten Stand zu bleiben. Ellen Adam nimmt ihre Tochter, bei der in der Jugend Diabetes des Typs 1 festgestellt wurde, als Beispiel. Früher seien ihre fünf Mahlzeiten komplett vorgeschrieben gewesen. "Heute gilt nicht mehr dieses Absolute." So rät die Leiterin der Gruppe auch den Frauen, sich auszuprobieren, um herauszufinden, was funktioniert.

Doch die meisten hier haben gelernt, mit der Zuckerkrankheit umzugehen und ihren Lebensstil anzupassen, wie sie äußern. Renate Kahl bezeichnet Diabetes als Wohlstandskrankheit. "Man lebt zu gut." Dass nicht so viele bei den Terminen der Selbsthilfe-Gruppe erscheinen, führt Ellen Adam auf den ungünstigen Standort zurück. "Vielen schaffen es nicht her." Ansonsten würde der Raum in der Einrichtung längst nicht reichen, sagt eine Frau.

Die Selbsthilfe-Gruppe trifft sich an jedem letzten Mittwoch im Monat. Bei jedem dritten Mal ist eine Krankenschwester vor Ort.

Über die Zuckerkrankheit

Diabetes ist eine chronische Stoffwechselkrankheit, die in zwei verschiedenen Formen auftreten kann.

Typ 1 beginnt schon in der Kindheit, Jugend oder im frühen Erwachsenenalter. Wenn bei einem Menschen eine Stoffwechselkrankheit dieses Typs vorliegt, produziert die Bauchspeicheldrüse kein Insulin. Das hingegen braucht der Körper, um Zucker in die Körperzellen zu transportieren, die dort in Energie umgewandelt wird. Betroffene müssen täglich Insulin spritzen, um sich vor Schwankungen des Blutzuckerspiegels zu schützen sowie eine Über- oder Unterzuckerung zu vermeiden.

Typ 2 tritt erst bei Menschen im höheren Alter auf. Auch hier ist der Zuckerspiegel erhöht und Zucker staut sich in den Blutgefäßen. Grund dafür ist hier jedoch eine Insulinresistenz. Das heißt, dass die Körperzellen schlechter auf Insulin ansprechen. In Verbindung gebracht wird Diabetes dieses Typs mit Übergewicht und Bewegungsmangel. Auch eine genetische Veranlagung soll die Ausbildung begünstigen.⇥pac

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