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Am Oder-Neiße-Radweg in Polen

Hoch hinaus
Der alte Wachturm am Amazonas

MOZ / 11.07.2019, 07:00 Uhr - Aktualisiert 12.07.2019, 06:18
Górzyca (Nancy Waldmann) Einen Aussichtsturm gibt es in Słubice noch nicht. "In Górzyca ist der nächste", sagte mir ein Bekannter. "Immer an der Oder lang." So mache ich mich mit dem Rad auf den Weg nach Norden.

Bis zur Picknickstelle hinter Nowy Lubusz mit der ersten Aussicht auf Lebus am alten Fährübergang – etwa Kilometer zehn – fährt es sich prima auf der Deichkrone. Dann kommt für Radfahrer wilder Westen. Es ruckelt und schuckelt auf dem einsamen Feldweg neben dem Deich, immer im Rhythmus des Traktorreifenprofils, das den Boden geformt hat. Gut, dass das Rathaus Słubice gerade eine gute Nachricht verbreitete: Dass genau dieser 6 Kilometer lange Radwegabschnitt bis Oktober gebaut sein wird.

Weicher fährt es sich wieder ab der Gemeindegrenze zwischen Słubice und Górzyca. Man erkennt sie an dem Schild, das auf den nun wieder beginnenden gepflasterten Deichkronenradpfad hinweist. Irgendwann erscheint unter dem bewölkten Himmel über der satten Flusslandschaft ein unscheinbares dünnes Gestell am Ufer. Direkt an der Anlegestelle ist er, der Aussichtsturm. Wie sich herausstellt, ein alter Wachturm der polnischen Grenzschutztruppen, der wohl einzige verbliebene in der Gegend. Wer die etwas rostigen Leitern bis zur Plattform hochklettert, wird belohnt mit einem herrschaftlichen Blick, der einige Kilometer flussauf- und flussabwärts auf den "Amazonas des Nordens" reicht, wie der Historiker Karl Schlögel die Oder taufte.

Nur ein paar Angler am Ufer

Die Volksrepublik ließ diese Türme nach 1945 an der neuen Grenze zum alten deutschen Feind aufstellen, um lückenlos jede Bewegung auf der Grenzoder registrieren zu können: Nachkriegsrealität am sogenannten "Strom der Freundschaft", der die politischen Bruderstaaten DDR und PRL verband. Beziehungsweise trennte. Türme dieser Art säumten das Ufer im Abstand von drei bis vier Kilometern. Weit und breit sind nur ein paar Angler zu sehen, die jeder für sich eine Buhne besetzen und die unterm Turm begonnen haben, aus weißen Gasbetonsteinen etwas zu bauen, wohl einen Schuppen, erzählen die zwei alten Männer, die auf einer Bank schwatzen. Vom Deich ab führt die Straße in den 1500-Einwohner-Ort Górzyca, Zentrum der Gemeinde, die etwas sehr modernes zu bieten hat: natürliche Artenvielfalt.

Um die Anhöhen am Rand des Odertals und das seltene Ökosystem der Gegend zu erkunden, fährt man am besten auf der Landstraße 31 nach Süden ins zwei Kilometer entfernte Owczary, wo man unweigerlich auf  das Wiesenmuseum (Muzeum Łaki) stößt. Dies gründeten Naturschützer vor 20 Jahren als Ökozentrum auf dem einstigen Schlossberg von Ötscher, wie der Ort früher hieß. Im alten Gutshaus, das nicht mehr steht, soll Friedrich der Zweite in der Nacht nach der verlorenen Schlacht von Kunersdorf Kartoffelpuffer zu Abend gegessen haben. In der Nacht hegte er Selbstmordgedanken, bevor er am nächsten Tag über die Oder setzte und nach Berlin floh.

Im Haus des Wiesenmuseums lebt Ewa Drewiak und führt Workshops zur Ökologie der Umgebung durch, gelegentlich auch mit Dolmetschen ins Deutsche, wie sie erzählt. Das Besondere: die Trockenweiden und alten Streuobstwiesen, die sich in kleinen Schluchten und Anhöhen direkt hinter dem Museum erstrecken. Die Naturschützer pflegen die Landschaft mit rund 160 Schafen und Ziegen, die dort weiden. Vom Museum aus führt ein 3,5 Kilometer langer Lehrpfad durch die Hügel, wo Federgras, Sommerwurz, Glockenblumen und vieles mehr sich beobachten lässt. Oben lockt eine weite Aussicht bis zu den Oderhängen. Wer nicht mehr weiter kann, kann im Wiesenmuseum übernachten.

Wiesenmuseum Owczary

Die Ausstellung im Museum klärt über das Ökosystem, über Flora und Fauna der Umgebung auf, ist sowohl auf polnisch als auch auf deutsch zugänglich. Neben der Schäferei betreibt der Naturschutzverein "Klub Przyrodników" auch Landwirtschaft. Die Tafeln des Lehrpfads, der bis zum Ort Laski reicht, sind nur auf polnisch, aber es gibt auf dem Weg zwei Geo Caching-Schatzkisten zu finden. Einkehren kann man unterhalb vom Museum am Ortsausgang Owczary in einen Imbiss, der Piroggen und polnische Hausmannskost bietet.

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