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MittwochsTalk
Anfangs war alles sehr konspirativ

Ohne direkten Blickkontakt: Frank Herrmann demonstriert eine Karate-Technik an Tim Jechow. Der 16-jährige Übungsleiter hatte während der Pause mit Kindern eine Vorführung gegeben.
Ohne direkten Blickkontakt: Frank Herrmann demonstriert eine Karate-Technik an Tim Jechow. Der 16-jährige Übungsleiter hatte während der Pause mit Kindern eine Vorführung gegeben. © Foto: michael benk
Kerstin Bechly / 07.09.2019, 02:15 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Sie trafen sich in den Trockenräumen der Hochhäuser, dann unter dem Deckmantel des Judo in einer Messehalle. Sie bekamen Besuch von der Stasi, wurden aber irgendwann doch geduldet. Beigebracht haben sie sich den Sport allein. Wer sich zu DDR-Zeiten für Karate interessierte, kann einiges erzählen. In Frank Herrmann, Gast des 5. MittwochsTalk im Kiez, hatten Moderator Uwe Köppen und 30 Zuhörer einen Gesprächspartner, der detailliert und lebendig berichtete.

Bis zu seinem 10. Lebensjahr turnte der kleine Frank. Weil ihn seine Eltern nicht zur Sportschule nach Potsdam gehen lassen wollten, konzentrierte sich der Frankfurter auf sein zweites Steckenpferd – Judo. Er trainierte bei Dynamo, war mehrfach Bezirksmeister. Nach einer Verletzung, die er sich während seiner Armeezeit bei den Grenztruppen zugezogen hatte, musste er diesen Sport aufgeben und steckte bei der ASG Plauen all seine Energie in den Wettkampf Stärkster Mann der NVA. Herrmanns Gründe: "Ich wollte mich vom Militärischen möglichst fern halten. Wenn man sich bei den Wettkämpfen vorn platzierte, folgte ein dreiwöchiges Trainingslager. So war ich weg." Sein bestes Ergebnis in einem Finale war Platz 15. "Ich habe damals 57 Klimmzüge und in drei Minuten 167 Beugestütze geschafft, Wahnsinn."

Anfang der 80er-Jahre kam Herrmann über Bekannte wie Carsten Ehlert und Roland Kotziol, der am Abend im Nachbarschaftstreff Gute Stube von der "konspirativen Seite" des Karate berichtete, zur nächsten Sportart. In Frankfurt trainierte der Student für Bauwesen in Leipzig nur während der Semesterferien. Beigebracht hat er sich die Techniken aus einem Buch. Herrmann reicht "Nakayamas Karate perfekt 4", zu dem er dank Westverwandschaft gekommen war, herum: "Anhand dieser Bilderfolgen haben wir gelernt", weist er auf die schwarz-weiß-Fotografien.

Zum Training nach Lübeck

Nach dem Studium ist er eine Weile Vorsitzender des neu gegründeten Vereins Bushido, wechselt dann zur BSG des WGK (Wohnungsgenossenschaftskombinat, später Blau-Weiß Frankfurt) und baut dort 1989 eine Kindergruppe mit Sohn Patrick auf. Parallel dazu fährt er einmal im Monat nach Lübeck zum renommierten Sensei (Meister) Dieter Flindt. "Weil ich gute Trainingspartner brauchte, fing ich zu Hause an, Interessierte zu trainieren", kam Herrmann zu seiner nächsten Aufgabe. Sie hätten sich gut gefühlt  – bis zum ersten Wettkampf im Westen. "Wir haben gedacht, es geht bei Karate um Härte, hatten Füße, Unterarme, Knöchel trainiert und konnten Schmerzen gut ab. Dann haben wir so eine Dresche bekommen, weil  uns das Gefühl für Distanz und Rhythmus völlig fehlte", ist die Erinnerung gegenwärtig. Bis zu seinem ersten Sieg dauerte es. 1993 stand er das erste Mal auf dem Treppchen.

Frank Herrmann praktiziert mit Shotokan eine der ältesten und am häufigsten praktizierte  Stilrichtung des Karate. Bei seiner ersten Weltmeisterschaftsteilnahme 2002 in Lübeck wird er in der Leistungsklasse U.39 Vierter. In den höheren Altersklassen gewinnt er sieben Weltmeistertitel, einzeln (2006 in New York) und mit der Mannschaft, sowohl im Kumite (Kampf) als auch in der Kata (Choreografie festgelegter Techniken). Auf den Titel mit Mario Lübke und Dieter Flindt ist er besonders stolz. Von den 43 Katas in den verschiedenen Stilen beherrscht er 27 – was zu einem Raunen unter den Zuschauern führt. Allerdings sagt der 56-Jährige auch: "Man beherrscht sie nie, es gibt immer etwas zu verbessern." Mehrfach war Herrmann in Japan zu Lehrgängen, um im Mutterland des Karate noch tiefer in dessen Spezifik einzusteigen.

Sanft ist etwas anderes

Die Leistungen im Kumite tut er ab. Die Kämpfe seien bei den Veteranen viel sanfter. Da schaltet sich Sohn Patrick ins Gespräch ein, der mit Karate aufwuchs und als 17-Jähriger ein Jahr lang in Japan eine Karateschule besuchte: "Ja, wir haben die Erfolge nicht so gepusht, weil wir die Unterschiede zu den Jüngeren Altersklassen gesehen haben. Aber wenn  man die Gesichter gesehen hat, war das kein Streicheln, da gab es blaue Augen, gebrochene Nasen." Auch deshalb, weil damals nur Zahn-  und Tiefschutz und dünne Handschuhe getragen wurden. Dennoch findet Vater Herrmann im Vergleich Handball und Fußball noch viel härter.

Für ihn zählt auch heute noch vor allem eins: Beim Karate soll es um kontrollierten Kontakt zum Körper gehen. Doch die Entwicklung des Sports gehe in eine andere Richtung: dicke Brustpanzer, dicke Handschuhe, Beinpolster bieten Schutz vor dem immer härter werdenen Sport. Für Herrmann überdecke dies inzwischen die eigentliche Intention hinter dem Sport, für Wettkämpfe kann er sich nicht mehr erwärmen.

Der durchtrainierte, sehnige Mitfünfziger sagt: "Das Training formt den Menschen mehr als der Wettkampf. Karate ist für mich eine Charakter-  und Disziplinschule, die viele Werte fürs Leben vermittelt. Es geht um Höflichkeit, Dankbarkeit, Respekt, Achtsamkeit, keine Vorurteile zu haben, wenn man sich und seinem Gegenüber alles abfordert."

Herrmann, der wahrscheinlich als einziger Frankfurter Träger des 5. Dan (zehn gibt es) ist, hat über viele Jahre das Kindertraining beim WGK und dem Nachfolger Blau-Weiß Frankfurt geleitet. Das schafft der Tiefbau-Amtsleiter bei der Stadt Frankfurt nicht mehr, andere erfahrene Karateka  haben das Training der 56 Kinder und Jugendlichen übernommen. Doch Herrmann steht weiterhin dreimal in der Woche vor Erwachsenen. Im November bietet der Verein für Ältere ein neues Einsteigertraining an.

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