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200 Schüler befassten sich die ganze Woche mit dem Dichter – Zungenbrecher inklusive. Zum Abistoff in Brandenburg gehört er aber nicht.

Projekt
Frankfurter Schüler wandeln auf Kleists Spuren

Lisa Mahlke / 13.09.2019, 20:40 Uhr - Aktualisiert 14.09.2019, 09:59
Frankfurt (Oder) (MOZ) Aus dem Saal im Kleist-Museum dringt leises Kichern, immer wieder. "Ist das nicht wunderbar?", fragt Christina Dalchau, Mitarbeiterin für kulturelle Bildung im Museum. Denn die Schüler arbeiten sich nicht durch ihren aktuellen Instagram-Feed, sondern durch die Berliner Abendblätter, eine Tageszeitung, die Heinrich von Kleist vor über 200 Jahren herausgab. Vor zwei Jahren mussten sie schon einmal etwas von Kleist lesen, seine Novelle Michael Kohlhaas. Die langen Sätze und die Kommasetzung machten das schwer, erzählt Cora Kohlmeyer aus der 13b der Gesamtschule in Eisenhüttenstadt.

Atemübungen und Sprechbögen

Am Freitag aber teilen die Schüler den Text zusammen mit Sprechwissenschaftlerin Tina Kemnitz in Sprechbögen ein, reden über Pausen beim Vortragen und die richtige Betonung. Sie machen Atemübungen im Stehen, setzen sich wieder, um die Texte in verschiedenen Varianten vorzulesen und versuchen sich an komplizierten Sätzen, ohne Knoten in der Zunge zu bekommen. Es wird viel gelacht.

"Voll cool", findet auch Schülerin Pauline Reiner das Projekt "Kleist-Kosmos", mit insgesamt 200 teilnehmenden Schülern. Alles kostenlos, durch eine Spende des ausscheidenden Sparkassenvorstands Thomas Schneider. Im Mittelpunkt der Woche stand, natürlich, Kleist. Die Schüler erlebten einen Poetryslammer, "einen  modernen Dichter der nichts anderes macht als Kleist vor 200 Jahren", wie Christina Dalchau beschreibt. Sie erfuhren etwas über die Arbeit von Journalisten damals und heute. Sechs Jungs lernten im Workshop "Kindheit um 1800" Sticken. Und merkten, dass sie das beruhigt, so Dalchau.

Dass die Schüler sich mit Heinrich von Kleist beschäftigen, ist nicht selbstverständlich. Denn im Brandenburgischen Abitur-Lehrplan ist der Dichter nicht enthalten. Wenn Kollegen seine Werke im Unterricht behandeln, dann meist, weil sie "Kleist-Fans" sind, sagt die Pädagogin, die vor allem im Museum aktiv ist, aber auch Darstellendes Spiel am Liebknecht-Gymnasium unterrichtet. "Ich kann es nicht erklären, andere Bundesländer trauen sich ja auch", wundert sie sich. Kleist gehöre gerade zu Frankfurt. Dass selbst Kitakinder schon einen Zugang zu ihm finden, bewies sie mit Theaterprojekten.

Pro Woche kommt mindestens eine Schülergruppe ins Kleist-Museum. Einige Grundschulen lassen alle zwei Wochen ihren Unterricht dort stattfinden, im Oktober startet ein Inisek-Projekt (Initiative Sekundarstufe I), durch das mehrere Wochen Klassen der Kleist- und Hutten-Oberschule  kommen. Zwei Veranstaltungen pro Tag wird es dann geben. Manchmal muss Dalchau Schulen aufs zweite Halbjahr vertrösten, weil so viel los ist.

Planung nur für ein Schuljahr

Langfristiger planen funktioniert jedoch nicht, denn sie wird immer nur für ein Schuljahr ans Museum abgeordnet. "Ich würde mir schon wünschen, dass es anders läuft", sagt sie. In der Struktur, wie Schule funktioniert, sei das jedoch nicht denkbar. Gäbe es Christina Dalchau am "einzigen Kleist-Museum der Welt", wie sie nicht müde wird zu betonen, nicht, fielen auch die Schülerprojekte weg.

An einem solchen würden auch Cora Kohlmeyer, Pauline Reiner und ihre Mitschülerinnen wieder teilnehmen wollen. "Das hat mir besser gefallen, als Kohlhaas in der Schule zu lesen. Mit drei Ausrufezeichen", findet Cora Kohlmeyer. Christina Dalchau kann das bestätigen: Ein besonderer Ort mache einen Unterschied. "Was man außerhalb von Schule lernt, hakt sich besser fest."

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