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Nach Frankfurter Familientragödie: "Es kommt auf die Vulnerabilität drauf an"

Rät Betroffenen von traumatischen Erlebnissen zum schnellen Handeln: Chefarzt der Psychiatrie und Psychotherapie, Dr.Ulrich Niedermeyer.
Rät Betroffenen von traumatischen Erlebnissen zum schnellen Handeln: Chefarzt der Psychiatrie und Psychotherapie, Dr.Ulrich Niedermeyer. © Foto: Markendorf Klinikum
Jan-Henrik Hnida / 09.10.2019, 06:45 Uhr - Aktualisiert 09.10.2019, 10:52
Frankfurt (MOZ) Gefasst, geschockt oder gleichgültig – so reagierten Nachbarn und Zeugen auf den Fund zweier Männer, die beide am Montagmorgen (MOZ berichtete) im Traubenweg tot aufgefunden worden. Nach bisherigen Ermittlungserkenntnissen der Polizei lebten der 83-jährige Vater und sein 52-jähriger Sohn zusammen in einer Wohnung. Experten der Mordkommission ermitteln nun, warum der Sohn am Morgen vom Balkon aus dem vierten Stock fiel oder stürzte – und wie es zum Tod des Vaters in der Wohnung kam.

Herr Niedermeyer, wie reagieren Menschen auf Schocksituationen – zum Beispiel auf die Tragödie im Traubenweg?

Es kommt drauf an, ob die Nachbarn davon nur gehört haben. Unverständnis kommt auf: Was ist da passiert? Was mag in dem Fall in den beiden Männern vorgegangen sein? Da macht sich dann jeder seine eigene Theorie dazu. Das ist die eine Seite. Diese Menschen sehen wir als Psychiater nur äußerst selten. Ernster wird es, wenn ein Nachbar den Sturz des Mannes mit eigenen Augen gesehen hat.

Also sind es eher die "Hörenden" und "Sehenden", die zu Ihnen kommen?

Genau. Wenn zum Beispiel ein Zeuge einen Schrei hört, dann schaut er nach, von wem und woher dieser kommt. Dann kennt er vorerst den Grund, weiß, woher der Schrei gekommen ist. Das kann sich bereits belastend auf die Psyche auswirken. Diese Belastbarkeit hängt eng mit der Vulnerabilität einer Person zusammen, also  die individuelle, psychische Verletzlichkeit. Je höher die Vulnerabilität ist, desto eher wird die Person von Schock-Erlebnissen aus der Bahn geworfen.

Und diese Verletzbarkeit ist je nach Mensch verschieden stark ausgeprägt?

Ja, es kann sogar, in gravierenden Fällen, zu einer akuten Belastungsreaktion führen. Dieser Reaktion geht ein Ereignis voraus, das sich in der Folge belastend auswirkt. So ist der Sturz des Mannes vom Balkon für Zeugen eine derart außergewöhnliche Belastung. Ebenso kommen Zeugen von schlimmen Autounfällen zu uns in die Klinik. Oder auch Feuerwehrleute, die Insassen aus ihrem Auto rausschneiden mussten.

Kann man sich diese Vulnerabilität an- oder abtrainieren?

Sie hängt ein Stück weit mit unseren Genen und wie wir aufgewachsen sind zusammen. Oder mit der Wiederholung von Schock-Ereignissen. So ist der erste schwere Unfall für den einen Feuerwehrmann schlimm, der dritte bereits weniger. Für seinen Kameraden sind alle drei gleich schrecklich. Diese Verletzbarkeit kann man nicht mit Blutuntersuchungen oder Kernspintomographie messen und erfassen.  Was der eine ertragen kann, legt den anderen wochenlang lahm, er funktioniert nicht mehr.

Ist ein Gewaltverbrechen psychisch schwerer zu "verdauen" oder sind es die entstellten Unfallopfer?

Das erste Bild prägt sich sofort ein. Wenn man danach dann das Hintergrundwissen erlangt, also beim Unfall, dass Glatteis zum Zusammenstoß mit dem Baum geführt hat, ist bei manchen die darauffolgende Belastungsreaktion geringer ausgeprägt. Je unverständlicher etwas ist oder je jünger das Opfer ist, desto stärker beschäftigt das die Psyche vieler Menschen.

Was sind die Auswirkungen?

Die Betroffenen fühlen sich wie betäubt und die Aufmerksamkeit ist herabgesetzt. Einige ziehen sich zurück und müssen ihre normalen Alltagsaktivitäten erstmal ruhen lassen. Aber wie gesagt: Die Reaktionen auf traumatische Erlebnisse sind sehr individuell und hängen von mehreren Faktoren ab.

Bei schweren Massen-Unfällen sind Notfall-Seelsorger vom Rettungsdienst vor Ort. Wie ist es im Fall des Balkon-Sturzes – melden sich Zeugen von derartigen Schock-Erlebnissen auch bei Ihnen, wenn keine Psychologen vor Ort sind?

In unserer Rettungsstelle melden sich regelmäßig Menschen, die selbst merken, dass sie nach schlimmen Erlebnissen psychologische Hilfe brauchen. Es ist sinnvoll möglichst früh zu uns zu kommen und nicht Monate zu warten.

Wenn sich ein Betroffener nun bei Ihnen meldet, was sind die ersten Schritte?

Zuerst findet ein Gespräch statt. Wenn beispielsweise ein Anwohner im Traubenweg sagt: "Ich kann nicht mehr in meine Wohnung. Alles erinnert mich an den toten Nachbarn", dann kann er tageweise oder für eine Woche stationär behandelt werden. Ambulante Termine reichen bei den meisten aber aus.

Wie gehen Sie dann als Psychiater weiter vor?

Erstmal lass ich mir das Erlebte schildern. Danach filtere ich heraus, was denjenigen am meisten belastet. Ist es das Alter des Opfers, wie waren beide miteinander bekannt? Das Reden und Benennen der Situation wirkt meistens bereits sehr erleichternd. Und dann besprechen wir gemeinsam die nächsten Schritte, ob der Betroffene beispielsweise für zwei Nächte aus der "schockierenden" Umgebung raus möchte. Schritt für Schritt kommt es so meistens zur Besserung.

Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie

Die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie bietet, neben der stationären Versorgung, 36 Plätze in zwei Tageskliniken an, davon 20 Plätze in Frankfurt (Oder) und 16 Plätze in Seelow.

Das Behandlungskonzept ist integrativ gemeindenah orientiert. Die Schwerpunkte der Arbeit liegen unter anderem in der psychosomatischen sowie gerontopsychiatrischen Behandlung sowie in der stationären Versorgung depressiver Erkrankungen während der Schwangerschaft und nach der Geburt auf der Mutter-Kind-Station.

Telefonnummer für stationäre 0335-548 4501 und für ambulante Anliegen 0335 -548 4767.⇥Quelle: Klinikum

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