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Gebäudereiniger Steve Kimmritz schaffte nach der Förderschule den Vollberuf. Die gemeinnützige GGS fordert mehr Budgetauszahlungen wie bei ihm. Laut Arbeitsagentur klappt dieser Weg nicht für alle.

Berufliche Bildung
Von der Förderschule in den Vollberuf – auf unterschiedlichen Wegen

Steve Kimmritz machte nach dem Abschluss an der Lessingschule eine Ausbildung zum Fachpraktiker Gebäudereinigung, schaffte aber den Vollberuf und hat inzwischen seinen Gesellenbrief.
Steve Kimmritz machte nach dem Abschluss an der Lessingschule eine Ausbildung zum Fachpraktiker Gebäudereinigung, schaffte aber den Vollberuf und hat inzwischen seinen Gesellenbrief. © Foto: Gerrit Freitag
Lisa Mahlke / 23.10.2019, 10:00 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Steve Kimmritz ist seit Kurzem stolzer Besitzer eines Gesellenbriefes. Wenn er gerade an der Viadrina im Einsatz ist, geht er um 3 Uhr morgens von zu Hause los. Die erste Schicht beginnt eine dreiviertel Stunde später. Der 24-Jährige übt den Beruf des Gebäudereinigers aus, und zwar als Vollberuf. Daran wäre vor ein paar Jahren noch nicht zu denken gewesen.

Der junge Mann besuchte die Lessingschule, eine Schule mit dem sonderpädagogischen Förderschwerpunkt Lernen. In der 10. Klasse hatte er regelmäßig einen Tag Betriebspraktikum statt Unterricht und verliebte sich in diesen Beruf. Nach seinem Abschluss ging es für ihn also an die Berufsschule, er sollte eine theoriereduzierte Ausbildung machen, um im Anschluss Fachpraktiker für Gebäudereinigung zu werden – zum Beispiel im Fach Chemie mit weniger anspruchsvollen Inhalten als für die angehenden Gebäudereiniger. Aber: "Da konnte ich mich entfalten", erzählt der Frankfurter. Er war so gut, dass er statt des Fachpraktikers den Vollberuf schaffte.

Junge Menschen mit Förderbedarf, wie Steve Kimmritz, werden von der Agentur für Arbeit beim Start ins Berufsleben unterstützt (siehe Infokasten). Dabei kann es etwa um eine Lernbehinderung gehen, um eine Mobilitätseinschränkung oder eine Sehbehinderung. In einer berufsvorbereitenden Maßnahme (kurz BvB) können sie verschiedene Berufsfelder ausprobieren. Dem voraus geht eine vierwöchige Eignungsfeststellung.

"Es geht auch um Aspekte wie Durchhalte- und Konzentrationsvermögen und Neigungen", erklärt Rudolf Lange, Bereichsleiter in der Geschäftseinheit der Arbeitsagentur, in der die Jugendlichen betreut werden. Seine Mitarbeiter kooperieren mit verschiedenen Trägern, die die Maßnahmen anbieten. Die Jugendlichen können sich in Gruppen während maximal eines Jahres zum Beispiel im Büro, als Koch oder in der Hauswirtschaft ausprobieren.

Hauswirtschaftslehre statt Gebäudereinigung wäre für Steve Kimmritz keine Option gewesen. "Das war mein Berufswunsch", erzählt er. "Ich habe schon im Klassenraum immer die Stühle hochgestellt und die Tafel gewischt." Deshalb beantragte er als Auszahlungsform für seine BvB das persönliche Budget. Unterstützung bekam er dabei von der Gemeinnützigen Gesellschaft für regionale Sozialentwicklung (GGS mbH), die je einen Standort in Frankfurt, Fürstenwalde und Neuruppin betreibt und Menschen mit Unterstützungsbedarf bei der Suche nach ihrem Platz auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt begleitet. "Wir nutzen die Motivation der Schüler", erklärt Geschäftsführer Dietrich Sander. "Durch das persönliche Budget ist die Vorbereitung auf die Ausbildung individueller auf den Berufswunsch zugeschnitten."

Er erzählt von einer solchen Erfolgsstory bei über 360 jungen Menschen an den drei Standorten in zehn Jahren. Nach selbst erhobenen Zahlen haben in den vergangenen Jahren zwischen 70 und 80 Prozent der Teilnehmenden anschließend eine Ausbildung begonnen. "Bei der Agentur für Arbeit waren es nur 9 Prozent", sagt Sander und bezieht sich auf Zahlen aus dem Datenreport des Bundesinstituts für Berufsbildung. "Über 55 Prozent sind hingegen in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung gegangen – aber das ist ja nicht Sinn und Zweck der BvB." Deshalb verstehe er nicht, warum die Arbeitsagentur – bundesweit – seit vergangenem Jahr weniger berufsvorbereitende Maßnahmen über das persönliche Budget bewilligt. "Fast zehn Jahre hat es gut funktioniert", sagt er über die GGS und die Arbeitsagentur und fragt sich: "Liegt es am verwaltungsmäßigen Mehraufwand?"

Den Jugendlichen verpflichtet

Das verneint Rudolf Lange. Vielmehr gehe es der Agentur für Arbeit um die Qualität der sozial- und sonderpädagogische Betreuung, die durch ausgebildete Fachkräfte außerhalb des Betriebes gewährleistet sein muss. Auch muss jeder Antragsteller ein Konzept für Berufsvorbereitung und Ausbildung mit gewissen Standards vorlegen – werde das persönliche Budget abgelehnt, dann weil diese Aspekte unzureichend sind. "Wir fühlen uns in erster Linie den benachteiligten Jugendlichen verpflichtet und nicht den Interessen gewerblicher Bildungsanbieter", betont die Arbeitsagentur. So wurden vergangenes Jahr nur sieben Anträge auf persönliches Budget im Agenturbezirk Frankfurt genehmigt.

Wichtig ist der Arbeitsagentur außerdem, dass die Teilnehmenden nach der Ausbildung eine mindestens sechs Monate dauernde versicherungspflichtige Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt finden. Diese Integrationsquote lag in Frankfurt zuletzt bei 50 Prozent. Dietrich Sander erzählt, dass 70 bis 80 Prozent der durch die GGS betreuten Azubis ihre Abschlussprüfung schaffen. Im landwirtschaftlichen Bereich bekommen danach auch viele einen Job. In anderen Bereichen werde vielen eine weitere Ausbildung angeboten, um zum Beispiel vom Beikoch zum Koch aufzusteigen.

Rudolf Lange betont jedoch, dass der Weg über das persönliche Budget nicht für alle Schulabgänger mit Förderbedarf geeignet sei. Einige müssten, anders als Steve Kimmritz, erst einmal in einer Gruppenmaßnahme einen gefestigten Berufswunsch und zum Teil Grundqualifikationen entwickeln.

BvB und persönliches Budget

Die berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme der Agentur für Arbeit bereitet junge Menschen auf eine Ausbildung vor. Diese haben sowohl Unterricht als auch mehrere Betriebspraktika und lernen verschiedene Berufe kennen. Das persönliche Budget hingegen ist keine eigene Maßnahme, sondern eine Auszahlungsform für eine auf die Ausbildung vorbereitende Maßnahme. Diese Leistungsform wurde zum 1. Juli 2001 eingeführt. Mit ihr kann anstelle von Dienst- oder Sachleistungen zur Teilhabe ein Budget gewählt werden. ⇥red

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