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Wendezeit in Frankfurt
Als es die Stasi mit der Angst zu tun bekam

Thomas Gutke / 28.10.2019, 06:45 Uhr - Aktualisiert 28.10.2019, 08:40
Frankfurt (Oder) Es ist der 29. November 1989. Im Frankfurter Kreisamt für Nationale Sicherheit, wie die Stasi-Kreisdienststellen inzwischen heißen, findet eine Dienstberatung statt. "Die Lage ist ernster als angenommen", schreibt eine Mitarbeiterin in ihr Dienstbuch, das sie gerade erst begonnen hat. Die Mauer ist gefallen, die Wende nicht mehr aufzuhalten. Nüchtern notiert sie: "Offene Grenzen: müssen wir mit leben."

Wenige Tage später ist Schluss. Am 9. Dezember ergeht der Befehl, alle Kreisdienststellen zum 12.12.1989 zu schließen. Erhalten bleiben zunächst noch die Bezirksverwaltungen, die in Frankfurt in der Otto-Grotewohl-Straße 53 (heute Robert-Havemann-Straße) ihren Sitz hatte. Auch sie werden bis zum 31. März 1990 abgewickelt. Für Zehntausende Hauptamtliche ist es das abrupte Ende ihrer beruflichen Laufbahn bei der DDR-Geheimpolizei – für Millionen DDR-Bürger ein befreiender Schlussakt nach Jahrzehnten geprägt von Angst und Repression.

"Zu Beginn des Herbstes 1989 lag es außerhalb der Vorstellungskraft des Ministeriums für Staatssicherheit, dass es sie bald nicht mehr geben würde", sagt Rüdiger Sielaff. Er leitet die Außenstelle des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) in Frankfurt. Zum Bestand gehören auch Zeugnisse aus den letzten Tagen der Stasi in der Region. Zumindest das, was davon übrig ist. Viele IM-Akten und Dienstbücher wurden im Spätherbst 1989 hektisch vernichtet, um jahrzehntelanges Unrecht zu vertuschen.

Ein Blick auf die regionalen Strukturen verdeutlicht das Ausmaß der Mobilmachung des Staates nach innen. Im Oktober 1989 sind im MfS-Bezirk Frankfurt (Oder), der bis Angermünde reichte, 2329 hauptamtliche Mitarbeiter in elf Kreisdienststellen und für die Bezirksverwaltung tätig. Hinzu kommen mehr als 7000 inoffizielle Mitarbeiter (IM) – und das nur zu diesem Zeitpunkt.

57 Pistolen, 74 Maschinengewehre

Die Frankfurter Kreisdienststelle zählt 35 MfS-Beschäftigte und 280 IM. Ihren Sitz hatte sie anfangs in der Halben Stadt, später auf dem Areal der Bezirksverwaltung, die in den 1960er-Jahren samt Untersuchungshaftanstalt gebaut wurde. Letzter Leiter ist Bernd Kunze. In Eisenhüttenstadt gibt es 67 hauptamtliche und 565 inoffizielle Mitarbeiter. Die von Oberstleutnant Rainer Göhrlich geleitete Dienststelle in der Friedrich-Engels-Straße verfügt laut BStU-Dokumenten über ein großes Waffenarsenal: 57 Pistolen vom Typ Makarov, 74 Maschinenpistolen, 1 Scharfschützengewehr, 3 Panzerbüchsen und 20 Handgranaten.

Die Kreisdienststellen verstehen sich als Schild und Schwert der Einheitspartei vor Ort und sind jederzeit bereit, die staatliche Sicherheit im Territorium unter allen Umständen zu gewährleisten. Dazu sammeln die lokalen Tschekisten, wie die Geheimdienstler auch genannt werden, alle verfügbaren Informationen aus Betrieben, Kirchen, von Kunst- und Kulturschaffenden, Jugend- und anderen Subkulturen, dem potenziellen Untergrund. Die Stasi als Teil des allgegenwärtigen SED-Machtapparates operiert dabei mit Methoden, die Angst und Misstrauen säen. "Sie wollten alles wissen. Zugleich durfte nichts über ihre Arbeitsweise nach außen dringen", sagt Sielaff. Zu den zentralen Aufgaben zählt in Frankfurt auch die Absicherung der vielen militärischen Liegenschaften. In Eisenhüttenstadt ist das EKO mit seiner großen volkswirtschaftlichen Bedeutung ein Beobachtungsschwerpunkt. Ende der 1980er nimmt dann die Bespitzelung und Repression von Ausreisewilligen immer mehr Raum ein. Allein im Kreis Eisenhüttenstadt sind 1988 im Oktober 116 Übersiedlungsersuchen für 267 Personen aufgelaufen – 1989 steigt die Zahl noch einmal deutlich an.

Auch fern von Leipzig wächst der Druck

Trotz des sich über Monate anbahnenden Zusammenbruchs der DDR lesen sich viele Informationen aus den Dienstberatungen der Stasi-Mitarbeiter vom Wendeherbst, als gehe alles seinen gewohnten Gang. Es wird weit über das Jahr 1990 hinaus geplant. Andererseits nimmt der Druck fern von Leipzig auch in und rund um Frankfurt zu. Das MfS kann die Dynamik der Oppositionsbewegung nicht länger als "vom Klassenfeind gesteuert" und staatsfeindlich abtun. In einer Information des Frankfurter MfS an die SED-Bezirksleitung vom 26. Oktober 1989 heißt es: "In allen Kreisen des Bezirkes gibt es Aktivitäten, Erscheinungen und Auswirkungen des Vorgehens oppositioneller Kräfte. Als Inspiratoren und Organisatoren treten hauptsächlich Vertreter und Anhänger der evangelischen Kirche und Einzelpersonen, überwiegend Intelligenz, Medizin, Kunst, mit überörtlich und weitverzweigten Verbindungen auf." Auszüge aus Notizen einer Referatsleitersitzung vier Tage später: "Bereitschaft für Gesprächsführung zeigen; nicht vordergründig danach suchen. […] Stärkere Unterstützung der Parteiführung bei der Erneuerung."

"Das kam natürlich viel zu spät. Es gab ja null Vertrauen. Die Erwartung, dass die Bevölkerung einem Erneuerungsprozess genau dieser Struktur plötzlich trauen würde, war ein eklatanter Trugschluss",  beurteilt Rüdiger Sielaff. Zumal sich die alten Dogmen kaum ändern. Mit denen, die dem System nicht gänzlich ablehnend gegenüberstehen, soll es Dialog geben – Bürgerrechtsbewegungen hingegen wollen sie unterwandern. Als jene, die in beiden Städten die "Fäden beim Neuen Forum in der Hand halten" hat das MfS Rechtsanwalt Rolf Henrich und Renate Schubert ausgemacht.

Am 30. Oktober heißt es in Vorbereitung auf angekündigte Demonstrationen im Dienstbuch eines Frankfurter MfSlers: "Nicht kampflos Terrain überlassen!" Am 1. November gehen in Frankfurt trotzdem weit über 30 000 Menschen friedlich auf die Straße. Die Stasi ist mit "zivilen Aufklärungskräften" mittendrin, zeichnet den Protest mit Video auf. Die MfS-Kräfte wollen Provokationen vermeiden, der Gebrauch der Schusswaffe ist ihnen verboten. Auch ein junger Bediensteter der Staatssicherheit geht an diesem Tag ans Mikro – er wird ausgepfiffen.

Die Nervosität in den Dienststellen nimmt in den Tagen danach zu. In einem Brief an Generaloberst Rudi Mittig, stellvertretender Minister für Staatssicherheit, beklagt Heinz Engelhardt, Leiter der Bezirksverwaltung, am 2. November, dass das MfS "in immer stärkeren Maße als Organ von einer wachsenden Zahl Personen diffamiert und hasserfüllt angegriffen wird". Am Ende betont er: "Wir können jedem ehrlich in die Auge sehen. Wir brauchen uns nicht zu schämen, Mitarbeiter des MfS zu sein."

Wie weit die Ehrlichkeit reicht, zeigt sich ab dem 8. November. Am Vorabend des Mauerfalls beginnt die Stasi mit der Aktenvernichtung. In einer Beratung in Eisenhüttenstadt wird die "Reduzierung von Bestimmungen, Weisungen und operativen Dokumenten mit hohem Geheimhaltungsgrad" besprochen, darunter laut Protokollen auch IM-Akten und Informationen zur Funkaufklärung, der Telefonüberwachung und der Postkontrolle. "Vorrichtigungen zur Verringerung" seien, heißt es, "bei Notwendigkeit zu schaffen". "Der Grund dafür ist ein einfacher: Selbst in der DDR hätten genau diese Methoden laut Verfassung bei einer Verfolgung strafrechtlich relevant sein können", erläutert Sielaff.

Ein Großteil der Akten soll in die Bezirksverwaltung gebracht werden. Die Operation ist streng geheim, Zitat aus dem Dienstbuch: "Ab sofort Vorbereitung zur gedeckten Verlagerung; Aktion Blau; 40 Säcke […] Beginn 8.11., 22 Uhr; Ende 11.11., 8 Uhr." Was aus den 40 Säcken wurde, ist nicht bekannt. Ein Vernichtungsprotokoll fehlt. Mit dem Eintrag am Tag vor dem Mauerfall brechen die Aufzeichnungen in vielen Dienstbüchern ab. Mit der Disziplin ist es vorbei – der gefürchtete Apparat bekommt es nun selbst mit der Angst zu tun.

Die folgenden Wochen sind für die Bediensteten geprägt von sich ständig ändernden Zielsetzungen. "Es herrschten Unsicherheit und Untergangsstimmung, weil sie ja tatsächlich nicht wussten, wo es hingeht. Einige sahen ihr Lebenswerk zerstört. Andere konnten aufgrund ihrer Ausbildung durchaus auf eine Perspektive außerhalb des Ministeriums für Staatssicherheit hoffen", so Sielaff. Mitte November wird aus dem MfS zunächst das AfNS, Amt für Nationale Sicherheit. Bereits da setzt eine intensive Suche nach Verwendungsmöglichkeiten für das Personal ein. Und die "Aktion Blau", die Vernichtung von brisanten Unterlagen, läuft auf Hochtouren. "Es wurde ge-schreddert, verbrannt, verkollert. Und als keine technischen Vorrichtungen mehr zur Verfügung standen, wurde zerrissen."

Bürgerkomitee begleitet die Auflösung

Ab Anfang Dezember 1989 stürmen empörte Bürger die Stasi-Gebäude. In Frankfurt wird am 5. Dezember erst vor der Bezirksverwaltung demonstriert, dann das Gebäude besetzt. Die Vertuschung sei trotzdem weitergegangen, sagt Sielaff. Zum Jahreswechsel gibt es noch die Überlegung für eine Nachfolgeorganisation mit dem Namen Verfassungsschutz. Doch unter dem Druck der Öffentlichkeit erteilt Regierungschef Modrow Mitte Januar dem amtierenden Leiter des AfNS – nunmehr Heinz Engelhardt – den Auftrag, die ehemalige Stasi ersatzlos aufzulösen. In Frankfurt begleitet ein Bürgerkomitee die Sicherstellung der Akten sowie die Übergabe von Liegenschaften und Technik. Arbeitsgruppen beginnen mit einer ersten Aufarbeitung.

Der Abschlussbericht vom letzten Leiter der Bezirksverwaltung, Gerhard Weckener, liegt am 19. März 1990 vor. 102 für konspirative Zwecke genutzte Wohnungen im Bezirk wurden den örtlichen Räten oder Betrieben übergeben, ebenso ein Großteil der 361 Pkw des MfS. Die letzten Stasi-Mitarbeiter werden zum 31. März gekündigt. Viele von ihnen gehören zu den ersten, die sich bald wieder in der Otto-Grotewohl-Straße einfinden – als dort das Arbeitsamt einzieht.

Sämtliche Akten werden bis Ende März in den Bunker der nun ehemaligen Bezirksverwaltung eingelagert. Mit Inkrafttreten des Stasi-Unterlagengesetzes im Januar 1992 beginnt dann deren systematische Aufarbeitung und Bereitstellung. Mehr als 7 Kilometer an Unterlagen sowie 1550 Säcke mit zerrissenem Schriftgut bewahrt die BStU-Außenstelle heute auf. Dazu gehören auch die der Bezirksverwaltung Cottbus, die später dazu kamen. Nach einem Bundestagsbeschluss wird das Stasi-Unterlagen-Archiv bald in das Bundesarchiv integriert. Ob die Brandenburger Außenstelle Frankfurt weiter erhalten bleibt oder nach Cottbus umzieht, wird zurzeit noch diskutiert. "Zugänglich aber bleiben die Akten für die Brandenburger Bevölkerung auch in Zukunft. Die Aufarbeitung hört nicht auf", sagt Rüdiger Sielaff. Die Auflösung der Stasi in Frankfurt mag ein Schlussakt gewesen sein – ein Schlussstrich unter die Auseinandersetzung mit jahrelangem Unrecht war sie nicht.

Erinnerung an 30 Jahre Friedliche Revolution

Am Sonntag, 3. November, findet von 13 bis 16 Uhr im Kammermusiksaal der Konzerthalle eine Festveranstaltung zum 30. Jahrestag der Friedlichen Revolution statt. Zugleich wird das 25-jährige Bestehen der Gedenk- und Dokumentationsstätte gefeiert. Die Zeitzeugen Hildegart Stellmacher und Martin Schulze erinnern an ihre MfS-Untersuchungshaft. Zu den Geschehnissen im Herbst 1989 berichten Karl-Ludwig von Klitzing, Renate Bauer und Christian Gehlsen. Als Gast wird auch Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen, erwartet. Zudem geht es bei einem Podiumsgespräch um die Frage: Wie weiter mit der Aufarbeitung?⇥red

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