Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Geburtstag
Wehen in der Wendezeit

Lisa Mahlke / 08.11.2019, 19:41 Uhr - Aktualisiert 11.11.2019, 10:47
Frankfurt/Eisenhüttenstadt (MOZ) Valeria Stekbauer zeigt ihrer Tochter ein DDR-Mark-Stück und wiegt es in der Hand. "Wie Spielgeld war das damals, ganz leicht." Diese Mark ist ein Glücksbringer ihres Ehemannes. Denn der warf sie am 10. November 1989 in den Münzschlitz einer Telefonzelle, um im Krankenhaus Eisenhüttenstadt nachzufragen, ob seine Tochter Christin schon geboren wurde. Nach dem Telefonat kam die Münze wieder raus.

Vom Spielgeld zum Buchgeld

Als Geburtstermin war eigentlich der 9. November ausgerechnet worden. An dem Tag hatte Familie Stekbauer noch Besuch. Der musste am Tag darauf, einem Freitag, alleine frühstücken, denn die werdenden Eltern gingen zur kurzen Untersuchung ins Krankenhaus. "Heute wird es kommen", kündigte die Ärztin an. Die Wehen setzten allerdings erst gegen 19 Uhr ein. Ein Muss für Valeria Stekbauer, auch an diesem Abend: Glücksrad mit Maren Gilzer. Erst danach machten sie sich erneut auf ins Krankenhaus. Valeria Stekbauer musste während der Fahrt die Autotür zuhalten, weil die gefroren war. "Zwei, drei Tage vorher war es noch so warm, dass wir Pilze sammeln waren." Bereits um 22 Uhr kam Tochter Christin auf die Welt. "Auf Station 9, im letzten Zimmer, habe ich entbunden", erinnert sich ihre Mutter noch ganz genau.

"Ein ganz frisches Wendekind" hört Christin Felkel heute oft, wenn sie ihr Geburtsdatum verrät. "Ich finde das immer cool, zu sagen, ich wurde einen Tag nach dem Mauerfall geboren", sagt sie. In ihrem Abschlussjahrgang mit 180 Abiturienten hatten einige das Geburtsjahr 1989 – um die 900 Kinder wurden in dem Jahr in Eisenhüttenstadt geboren, in Frankfurt waren es über 1100. Dass das nicht nur ein geburtenstarkes, sondern auch historisch bedeutsames Jahr war, spielte in der Schule nur im Geschichtsunterricht eine Rolle, erinnert sie sich. Hört sie "1989", denkt sie eher an ihr Geburts- statt ans Wendejahr.

Nach ihrer Ausbildung bei der Sparkasse in Eisenhüttenstadt hätte Christin Felkel die Möglichkeit gehabt, bei der Landesbank in der Region Braunschweig/Hannover zu arbeiten. Der Familie wegen blieb sie aber. Sie und ihr Mann haben ein Haus in Wiesenau, er arbeitet im EKO, sie in Frankfurt. "Wir gehen nicht mehr weg", sagt sie lachend und hofft, dass auch der bald dreijährige Sohn mal in der Region bleibt.

Am Sonntag wird Christin Felkel 30 Jahre alt. Im April wurde ihre Mutter 50. Den gemeinsamen 80. wollen sie im Dezember feiern. Dieses Wochenende wird es bei den Felkels nur eine kleine Kaffee- und Kuchenrunde geben. Das 30. Mauerfalljubiläum wollen sie nicht zelebrieren. "Gefühlt hört man seit einer Woche überall nur noch ‚Mauerfall’", bemerkt sie. "Das wird dich immer verfolgen", sagt ihre Mutter. "Stell dir das mal vor, wenn du 40 wirst."

Die Tochter fragt die Mutter, ob das Leben vor der Wende einfacher war. "Ich war erst ein Jahr hier", erzählt Valeria Stekbauer, die 1988 aus dem ukrainischen Uschgorod an der Grenze zu Ungarn, Slowakei, Polen und Rumänien zu ihrem Mann zog. "Papa hatte damals gerade einen Farbfernseher gekauft." Darüber hatte sie sich gewundert. In ihrem Heimatort wurden Fernseher produziert, sie hatte längst einen. "Es gab nur nicht so gute Klamotten."

Ihr Mann habe damals mehrere Hundert Mark für Schuhe und Parka ausgegeben – bei 800 Mark Verdienst. Neben der Glücksmark ihres Mannes hat sie auch 20-, 10- und 5-Mark-Scheine aufgehoben. Die sehen aus wie Monopoly-Geld, findet Christin Felkel. Sie ist heute Privatkundenberaterin bei der Sparkasse in Frankfurt. "Ich spiele jetzt mit technischem Geld", sagt sie lachend.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG