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Geschlechtergerechtigkeit
Sahra Damus: Warum Gleichstellungsbeauftragte weiblich sein sollten

Louisa Theresa Braun / 10.01.2020, 07:00 Uhr - Aktualisiert 10.01.2020, 14:42
Frankfurt (MOZ) An der Europa-Universität Viadrina wurde die Stelle der Gleichstellungsbeauftragten neu vergeben, weil die bisherige Inhaberin, Sahra Damus, als Politikerin der Grünen für ihr Amt im Landtag beurlaubt wurde. Ihre Nachfolgerin wird Katja Kraft. Die Stellenausschreibung richtete sich explizit nur an Frauen.

Warum kam für die Viadrina nur eine Frau als Gleichstellungsbeauftragte in Frage?

Das ist im Brandenburgischen Hochschulgesetz so geregelt. Das Gesetz spricht von Gleichstellungsbeauftragten nur in der weiblichen Form. Der Grund ist die strukturelle Unterrepräsentanz von Frauen an Universitäten.

Was bedeutet "strukturelle Unterrepräsentanz"?

Je höher man in der Hierarchie aufsteigt, desto geringer ist der Frauenanteil. Bei den Studierenden sind die Geschlechter inzwischen zwar relativ gleich verteilt, außer in den Naturwissenschaften. Sekretariatsstellen sind sogar überwiegend von Frauen besetzt, in dem Bereich gibt es aber gar keine Aufstiegsmöglichkeiten. Und an der Spitze der Hierarchie, bei den Professuren, haben wir an brandenburgischen Hochschulen, je nach Fachbereich, einen Frauenanteil von nur zehn bis dreißig Prozent. Das heißt, sie sind unterrepräsentiert.

Und das kann nur eine weibliche Gleichstellungsbeauftragte ändern?

Der Inhaber oder die Inhaberin jeder Stelle, die sich mit dem Abbau von Diskriminierung befasst, sollte am besten den jeweiligen Erfahrungshintergrund mitbringen. Das funktioniert nicht immer, zum Beispiel bei Diskriminierung von Menschen mit Migrationshintergrund oder mit Behinderungen, von denen es einfach nicht so viele gibt. Aber Frauen stellen nun mal fünfzig Prozent der Gesellschaft dar.

Können nicht auch Männer an der Hochschule diskriminiert werden?

Die Erfahrung sagt, dass weniger Männer benachteiligt werden, und von struktureller Unterrepräsentanz sind sie definitiv nicht betroffen. Auch sexuelle Belästigung und Gewalt trifft zu neunzig Prozent Frauen.

Trotzdem gibt es natürlich Fälle, in denen Männer es schwerer haben, zum Beispiel wenn sie Elternzeit beantragen wollen.

An der Viadrina arbeitet das Gleichstellungsbüro daher sehr eng mit Diversity Manager Norbert Morach zusammen, der ein Ansprechpartner für Studierende ist, die sich bei Problemen lieber an einen Mann wenden möchten.

Gibt es weitere Diskriminierungen, für die das Gleichstellungsbüro zuständig ist?

Wir kümmern uns auch um die Gleichstellung von Homosexuellen, Trans- und Interpersonen. Seit einem Bundesverfassungsgerichts-Urteil von 2017 werden in Deutschland auch andere Geschlechtsidentitäten als Mann und Frau anerkannt.

Ich würde mir aber wünschen, dass die Belange von Trans- und Interpersonen, die ebenfalls strukturell unterrepräsentiert sind, noch mehr wahrgenommen werden.

Was ist eigentlich Aufgabe beziehungsweise Ziel der Gleichstellungsbeauftragten?

Dass es keine strukturelle Unterrepräsentanz von Geschlechtern mehr gibt! Das ist wie bei der Frauenquote in Unternehmen: Eigentlich will man die Quote gar nicht haben, aber solange es eine Ungleichbehandlung der Geschlechter gibt, ist sie notwendig.

Ich hoffe, dass auch das Amt der Gleichstellungsbeauftragten als solches irgendwann überflüssig wird.

Im Grunde arbeiten wir an unserer eigenen Abschaffung.

Frauenanteilean der Viadrina

2016 waren 62,3 Prozent der Studierenden weiblich, das Studium abgeschlossen haben sogar zu 67,8 Prozent Frauen. Unter den Promovierenden waren 53,6 Prozent weiblich, doch nur 33,3 Prozent derjenigen, die die Promotion auch beendeten. 51,8 Prozent des akademischen Mittelbaus sind weiblich; unter den Professuren nehmen Frauen lediglich 28,4 Prozent ein. Damit liegt die Viadrina, außer in den abgeschlossenen Promotionen, deutlich über dem Bundesdurchschnitt. In den Kulturwissenschaften beträgt der Anteil der Studentinnen 72,9, der Doktorandinnen 63,6, der promovierten wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen 33,3 und der Professorinnen 42,2 Prozent. In Jura sind es 59,8; 30,5; 42,9 und 23,5 Prozent; in den Wirtschaftswissenschaften 52,9; 36,8; 33,1 und 15,5 Prozent. Die Viadrina hat, im Gegensatz zu vielen anderen Unis, mit Julia von Blumenthal schon die zweite weibliche Präsidentin (seit 2018), nach Gesine Schwan (1999-2008).⇥ltb

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