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Stadtgeschichte
Der neue Stolz Frankfurts

Bauarbeiter vor dem fertigen Straßenbahndepot in der Bachgasse/Fischerstraße in Frankfurt im Jahre 1898. Noch heute rollt die Elektrische – mit modernen Fahrzeugen – durch die Stadt.
Bauarbeiter vor dem fertigen Straßenbahndepot in der Bachgasse/Fischerstraße in Frankfurt im Jahre 1898. Noch heute rollt die Elektrische – mit modernen Fahrzeugen – durch die Stadt. © Foto: Stadtarchiv Frankfurt (Oder)
Ralf-Rüdiger Targiel / 22.01.2020, 07:15 Uhr - Aktualisiert 22.01.2020, 08:46
Frankfurt (Oder) (freier Autor) Immer wieder erhält das Stadtarchiv von Nutzern kostbare, die Stadtgeschichte betreffende Stücke als Geschenk. Darunter ist auch unsere heutige Fotografie, die bald nach 1998, als das gemeinsam mit den Stadtwerken erarbeitete Buch "100 Jahre Strom und Straßenbahn für Frankfurt (Oder)" erschien, in das Archiv gelangte.

Wir wissen nicht, wer die Aufnahme gemacht hatte. War es ein Fotograf des Berliner Ateliers Dr. Bürstert & Fürstenberg, das als "Institut für wissenschaftliche Photographie" von der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft Berlin mit einer Reihe von Fotografien für ein 1898 erschienenes Heft zur Eröffnung der Frankfurter Straßenbahn beauftragt wurde? Oder stammt das Foto von einem Frankfurter Fotografen? Von Johann Kindermann, Paul Krabo, Oskar Mellenthin oder Otto Fricke, die damals Industrieaufnahmen machten und dann bei ihren Stadtaufnahmen immer die Straßenbahn als neueste Frankfurter Errungenschaft abbildeten? Das Foto dürfte jedenfalls 1898, kurz nach der Eröffnung des Werkes, entstanden sein.

Es zeigt die Erbauer des Straßenbahn- und Elektrizitätswerkes vor der Halle, in der man die Straßenbahnen unterbrachte. Es waren Mitarbeiter des hiesigen Zimmermeisters Reinhard Ney. Der Zimmermeister hatte den Zuschlag für die Errichtung des Werkes auf dem Grundstück Bachgasse 4/Fischerstraße 6 erhalten.

Die AEG hatte das große Grundstück von der Witwe des Oberregierungsrates Heinrich Graf Finck von Finckenstein erworben. Auf dem Grundstück befand sich im Eckteil eine Kunst- und Blumengärtnerei, die vorerst weiter geführt werden sollte und somit für das Werk noch nicht zur Verfügung stand. Der Rest war vor Baubeginn ein völlig verwilderter Park, der einst wohl auch mit einem schönen Brunnen ausgestattet war. Die Brunnenfigur schenkte die Witwe der Stadt. Sie befindet sich heute im Lennépark nahe des neuen Stadtarchivs.

Auf dem einstigen gräflich Finckenstein´schen Grundstück ließ die AEG Berlin ein Maschinenhaus, Kesselhaus und die 1100 Quadratmeter große Wagenhalle mit angebauter Werkstatt von den Arbeitern errichten. Regierungsbaumeister Johann Golcher als Leiter der Bauabteilung hatte die Wagenhalle aus Eisenfachwerk und Stein geplant. Die Pfeiler stehen auf Senkkästen. Die Wagenhalle besaß fünf Tore, dahinter befanden sich fünf Schienenstränge, Platz jeweils für sechs Motorwagen.

Durch die im Foto am rechten Rand angedeutete angebaute Werkstatt führte ebenfalls ein Schienenstrang. An der Langseite der Werkstatt gab es noch einen Außenstrang. Da der Platz für eine Weichenanlage vor der Halle damals nicht ausreichte, ist quer vor der Halle und Werkstatt eine Schiebebühne angeordnet. Auf die Gleise dieser Schiebebühne mündeten alle Stränge aus dem Bauwerk. Die Wagen wurden nach der Einfahrt mittels Schiebebühne auf die jeweiligen Stränge verteilt. Der Außenstrang verband die Schiebebühne mit der hinter der Halle errichteten Drehscheibe.

Der Fotograf arrangierte sorgfältig die Arbeiter für sein Foto. Hoch oben auf den Pfeilern wurde je ein Arbeiter beordert – der über eine aufgestellte Kiste hinauf kam. Fünf Motorwagen wurden für die Aufnahme bis an die Schiebebühne herangefahren, bei zwei erkennen wir die Nummern. Sie waren in der Breslauer Lokomotiv- und Wagenbauanstalt Linke-Hofmann (Nr. 14) und von der Waggonfabrik van der Zypen & Charlier Köln (Nr. 21) für die AEG produziert worden. Auf ihnen wurden die Arbeiter mit ihren Maurerkellen, Schippen und anderen Handwerkszeugen verteilt. Auf den Gleisen der Schiebebühne stellte der Fotograf die vordere Reihe der Arbeiter. Den mittleren Strang der Halle, der zum damals noch einzigen Ein- und Ausfahrtgleis führte, bestimmte er zum Mittelpunkt seiner Fotografie und positionierte dort den Vorarbeiter mit dem gerollten Bauplan in der Hand.

Die Entscheidung für eine Straßenbahn mit Elektrizität und oberirdischer Leitung fiel 1895, also vor 125 Jahren. Seit 1880 diskutierte man in der Stadt bereits über das neue Verkehrsmittel. Sollte es, wie es in anderen Städten schon gab, eine Pferdebahn werden? Eine  besondere Schwierigkeit dabei war Frankfurts hüglige Beschaffenheit, mussten doch deswegen hier selbst Droschken zweispännig gefahren werden. Oder sollte es eine mit Dampf, Gas oder Elektrizität betriebene Bahn sein?

Während der 15-jährigen Diskussion entwickelte sich die Technik. Nachdem Dampf als Antriebskraft ausgeschieden war, blieb nur noch die Frage: Gas oder Elektrizität? Da sich etliche Städte inzwischen Straßenbahnen des Typs AEG errichten ließen, entschied sich endlich auch Frankfurt dafür. Nach der Entscheidung für die elektrische Bahn im Jahre 1895 setzte sich die Stadt mit drei renommierten Firmen zur Beschaffung einer elektrischen Straßenbahn in Verbindung. Am 23. Januar 1896 erreichte die Stadt jene Offerte der Berliner AEG, die dann zur Basis für unsere Straßenbahn wurde.

Entgegen früherer Angebote verpflichtete sich darin die AEG, die Straßenbahn völlig auf eigene Kosten und eigenes Risiko zu errichten. In der daraufhin durchgeführten Sitzung der aus Vertretern des Magistrats und der Stadtverordneten gebildeten Kommission wurde beschlossen, dass man nur noch mit  der AEG weiter verhandeln wolle. Da die AEG der Kommission auch noch eine jährliche Mindestabgabe für die Stadt zusicherte und ein besseres Angebot zu den verbilligten Fahrkarten für Arbeiter und Schüler machte, empfahl die Kommission die AEG als Partner für die Stadt. Der Magistrat, der am 12. März dem Vertragsentwurf zustimmte, beantragte bei der Stadtverordnetenversammlung, die AEG mit dem Bau eines Elektrizitätswerkes und einer Straßenbahn zu beauftragen.

Die Behandlung der wichtigen Magistratsvorlage geschah am 19. März 1896. Zu dieser außerordentlichen Stadtverordnetenversammlung waren nicht nur fast alle Stadtverordneten anwesend, auch der Zuschauerraum war gut besucht. Die Vorlage wurde einstimmig angenommen. Damit hatten die langen Diskussionen und Verhandlungen ein glückliches Ende gefunden und die Frankfurter Oder-Zeitung konnte am darauffolgenden Tag verkünden: "Die elektrische Straßenbahn für unsere Stadt ist gesichert".

Als das Foto entstand, begann mit dem Elektrizitätswerk und der damit verbundenen Straßenbahn eine Frankfurter Erfolgsgeschichte. Die am 22. Januar 1898 eröffnete und nur Anfang der 1970er Jahre durch zentrale Stellen der DDR in Frage gestellte Straßenbahn ist noch heute Frankfurts dominierendes Verkehrsmittel.

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