Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Straßennamen
Frankfurts neues Viertel soll an verdiente Bürgerinnen erinnern

Thomas Gutke / 11.02.2020, 04:00 Uhr - Aktualisiert 11.02.2020, 11:52
Frankfurt (Oder) (MOZ) Im Wohngebiet an der Oderlandkaserne entstehen fast 50 Eigenheime. Die vier neuen Straßen sollen nach Frauen benannt werden. 

Frankfurt-West wächst: An der Oderlandkaserne zwischen Fürstenwalder Poststraße und Mozartstraße entstehen in den nächsten Monaten 48 Einfamilienhäuser und ein Mehrfamilienhaus. Die Erschließungsarbeiten für das Wohngebiet seien abgeschlossen, die ersten Baugenehmigungen erteilt, berichtet der Bauunternehmer und CDU-Stadtverordnete Michael Schönherr.

Sein Unternehmen – die Schönherr + Fritsch Bau GmbH – sowie die Frankfurter Buchwald GmbH haben für die Erschließung und Vermarktung des mehr als 6 Hektar großen Areals eigens eine gemeinsame Tochtergesellschaft, die Wohngebiet Mozartstraße GmbH, gegründet. "Seit einem halben Jahr sind alle Parzellen reserviert oder verkauft. Die Nachfrage ist groß. Wir haben noch mehr als 50 Kunden, die nach Grundstücken suchen, aber in Frankfurt nichts finden", erzählt Michael Schönherr.

Geringer Anteil an Frauennamen

Das Gelände wurde jahrzehntelang militärisch genutzt – von der Wehrmacht, der NVA bis hin zur Bundeswehr. 2007 ging das Areal in das Eigentum der  Bundesanstalt für Immobilienaufgaben über. Im November 2017 ebneten die Stadtverordneten mit ihrem Bebauungsplanbeschluss den Weg für den Bau von Eigenheimen auf dem Gelände. An diesem Donnerstag ist das neue Wohngebiet nun erneut Thema im Stadtparlament. Denn sowohl für die eigens gebaute, neue Haupterschließungsstraße als auch für drei weitere Stichstraßen braucht es Straßennamen. Bereits im Juni 2018 beriet die Straßennamenskommission daher erstmals über mögliche Vorschläge. Konsens war, Frauennamen zu bevorzugen, "da bisher nur ein geringer Anteil der Straßen im Stadtgebiet Frauennamen trägt", wie es in der Beschlussvorlage heißt.

Die Hauptverbindungsstraße soll den Namen der Malerin Elfriede Thum tragen. Die Nebenstraßen sollen nach der Schriftstellerin Marie Petersen, der Fotografin Marie Goslich sowie Frauenrechtlerin Luise Hoffmann benannt werden. Alle haben entweder künstlerisch in Frankfurt gewirkt beziehungsweise wurden hier geboren oder haben sich durch politisches Engagement in der Stadt hervorgetan.

Die, 1886 in Berlin geborene, Künstlerin Elfriede Thum ließ sich 1910 nahe den Lossower Bergen in Güldendorf (Tzeschetzschnow) nieder und baute dort ein Haus. Auch nachdem sie 1919 wegzog, in Stuttgart, Wien und Berlin lebte, blieb das Haus bei Frankfurt für die Malerin ein Rückzugsort. Mit ihren Ausstellungen sei sie Teil des Kunstlebens in Berlin und Frankfurt gewesen. Sie malte Landschaften – bevorzugt Motive aus dem Odertal – Stillleben, Porträts und Bühnenbilder. Ihre Werke "zeichnen sich durch ein Feuerwerk an Farben und einen vehementen Pinselstrich aus", heißt es in einer Kurzbiografie. 1937 beschlagnahmten die Nationalsozialisten eines ihrer Bilder, das damals im Rathaus hing, 1939 wurde Elfriede Thums Kunst als "entartet" eingestuft. Sie durfte nicht mehr ausstellen und verschwand aus der öffentlichen Wahrnehmung. Anfang April 1945 verließ sie ihr Haus in Tzschetzschnow und sollte es bis zu ihrem Tod 1952 nicht mehr wiedersehen.

Wenig bekannt ist auch Marie Petersen (1816-1859). Die älteste Tochter einer wohlhabenden Apothekerfamilie und des Stadtrates Karl Petersen unternahm 1851 eine Reise in den Harz – die aufgrund gesundheitlicher Probleme die einzige überhaupt in ihrem Leben sein sollte. Die Eindrücke der Reise verarbeitete sie unter anderem in den Dichtungen "Prinzessin Ilse. Ein Märchen aus dem Harzgebirge" und "Die Irrlichter". Der Erfolg war groß. Es erschienen 40 Auflagen, dazu englische und französische Übersetzungen. Wer hinter den Veröffentlichungen steckte, blieb jedoch lange unbekannt, weil Marie Petersen ihren Namen nicht preisgeben wollte.

Missstände dokumentiert

Die 1859 in Frankfurt geborene Marie Goslich gehörte zu den ersten Fotojournalistinnen überhaupt. Spätestens 1898 schrieb sie für Berliner Tageszeitungen und Zeitschriften. Im Alter von 44 Jahren erlernte sie das Fotografieren. Mit ihrer schweren Plattenkamera fotografierte sie anfangs Landschaften in Brandenburg und Berlin, später dokumentierte Marie Goslich vor allem soziale Missstände, porträtierte den Alltag von Arbeiterinnen, Bettelnden, Frauen. 1938 kam sie unter ungeklärten Umständen in der Landesheilanstalt Meseritz-Obrawalde ums Leben.

Luise Hoffmann setzte sich zwischen 1890 und 1938 in Frankfurt für die Gleichstellung von Frauen ein. Sie war Mitglied des Vereins Frauenwohl und kämpfte mit Mitstreiterinnen unter anderem für bessere Arbeitsbedingungen für Mädchen und Frauen. Zu ihren Verdiensten gehörte die Gründung der ersten Mütterberatungsstelle Frankfurts und die Einführung so genannter Stillgelder – ein Vorläufer des heutigen Mutterschaftsgeldes. Außerdem engagierte sie sich für das Frauenwahlrecht und veröffentlichte dazu auch mehrere Beiträge in der Frankfurter Oderzeitung. Weder ihre Geburts- noch Sterbedaten sind bis heute bekannt.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
© 2020 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG