Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Ruhestand
Chefarzt Ulrich Niedermeyer in Frankfurt verabschiedet

Ines Weber-Rath / 14.02.2020, 03:00 Uhr - Aktualisiert 14.02.2020, 08:07
Frankfurt (Oder) (MOZ) Eine Ära geht zu Ende", sagt Klinikums-Geschäftsführer Mirko Papenfuß am Mittwochnachmittag bei der Begrüßung der Gäste. Etwa 200 sind gekommen, um Dr. Ulrich Niedermeyer "danke" zu sagen, sein Lebenswerk zu würdigen. Nach 25 Jahren an der Spitze der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie geht der Chefarzt in den Ruhestand – mit 72 Jahren!

Bettina Baumgardt, Referatsleiterin im Gesundheitsministerium, erklärt auch den Patienten, die im Hintergrund interessiert verfolgen, was da im zur Aula umfunktionierten Atrium des Klinikums geschieht, den "großen Bahnhof": Das Land Brandenburg verdankt Dr. Ulrich Niedermeyer sehr wesentlich die Modernisierung seiner Psychiatrie.

Als der Psychiater 1995 nach Frankfurt kam, habe es einen Aufbruch gegeben, der weg führte von den einst fünf großen Nervenkliniken im Land, in denen viele Menschen oft lebenslang nur verwahrt wurden. Hin zu neuen Formen und Strukturen einer wohnortnahen psychiatrischen Betreuung, auch in ambulanten und stationären Tageskliniken und in Wohngruppen,  schildert Baumgardt.

Dr. Ulrich Niedermeyer sei zu einem "Lobbyisten im besten Sinne" geworden, sagt Staatssekretär Michael Ranft an diesem Nachmittag. Der Arzt knüpfte Kontakte zu niedergelassenen Ärzten im Land, in die Politik und Verwaltung. Er wurde zum "Wegbereiter einer modernen Sozialpsychiatrie", so der Vertreter von Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne). Die Zeiten von Zwangsjacken und Gewaltanwendung gegen Patienten seien dadurch Gott sei dank vorbei – zumindest im Wesentlichen, macht Ranft die Folgen deutlich.

Frankfurts Oberbürgermeister René Wilke (Linke) erinnert sich in seinem Grußwort an seine erste Begegnung mit dem Arzt, damals noch als Landtagsabgeordneter: "Niedermeyer, Psychiater: Ich müsste mal mit Ihnen reden", habe er sich vorgestellt. "Sie glauben nicht, was mir da durch den Kopf ging", sagt der OB ins Lachen der Zuhörer hinein.

Nicht weniger habe der Psychiater Frankfurts Sozialdezernenten Jens-Marcel Ullrich (SPD) schockiert, als er beim ersten Zusammentreffen zu ihm sagte: "Sie kenn’ ich in- und auswendig." Niedermeyer hatte gerade eine Stalkerin behandelt, die den Dezernenten verfolgte.

René Wilke dankt dem scheidenden Chefarzt für sein aufklärendes Wirken in der Region, zum Beispiel im Rahmen seiner Vorlesungen an der Juristischen Fakultät der Viadrina und betont: "Ohne Ihre und die Hilfe Ihres Teams hätten viele Menschen hierzulande nicht den Lebensweg nehmen können, den sie nahmen." Und: "Durch Ihr Wirken ist die Akzeptanz psychischer Erkrankungen in der Bevölkerung viel größer geworden."

Niedermeyers Kollege und Freund Prof. Michael Linden von der Charité betrachtet in seinem Vortrag unterm Motto "Muss jeder zum Psychiater?" ein durchaus ernstes Thema auf humorvolle Weise. Die moderne Arbeitswelt wirke gegen psychisch Kranke, steht für den Experten fest. Auch wenn er Behauptungen verneint, denen zufolge die Anzahl der Patienten mit psychischen Störungen stetig steige, schockiert Prof. Linden manchen Zuhörer mit der Feststellung: Jeder Vierte bis Fünfte leide inzwischen unter einer medizinisch relevanten psychischen Störung.

Staatssekretär Ranft erinnert an eine Gruppe von Menschen, der zu helfen Dr. Ulrich Niedermeyer ab 2015 angetreten war: traumatisierte Flüchtlinge. Gemeinsam seien schnell therapeutische Lösungen gefunden worden, so Ranft, der am Ende, an Dr. Niedermeyer gewandt, erklärt: "Sie haben sich um unser Land verdient gemacht".

Kollegen aus dem ganzen Land und der ganzen Republik danken dem scheidenden Chefarzt im Anschluss an den offiziellen Teil für die außerordentlich angenehme Zusammenarbeit. 25 Jahre lang war der in Müllrose lebende Arzt auch der Sprecher der Arbeitsgruppe der Leiter aller 18 Brandenburger psychiatrischen Kliniken. Der Ärztliche Direktor des Klinikums, Dr. Thomas Funk, wünscht dem "Vertreter der sprechenden Medizin" einen erfüllenden Ruhestand.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
© 2020 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG