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Corona-Pandemie
Frankfurt (Oder) im Krisenmodus

Nancy Waldmann / 25.03.2020, 19:00 Uhr - Aktualisiert 26.03.2020, 11:38
Frankfurt (Oder) (MOZ) Die Abschiede scheinen getan. Kinder verabschiedeten sich von Spielfreunden und Erziehern, Schüler von Lehrern und Mitschülern, Kneipenwirte von Stammgästen, Lesende von Bibliothekaren, das Publikum von seinen Bühnen, Studierende von Kommilitonen, die Trainer von ihren Spielern, die Fans von ihren Clubs, die Verspannten von ihren Masseuren, Klienten von ihren Händlern, Friseuren, Beratern.

Frankfurter und Słubicer verabschiedeten sich an der über Nacht wieder aufgebauten Grenze. Menschen verabschiedeten sich von Plänen, alle wünschten sich schonmal "Bleib gesund". Arbeitskollegen verabschiedeten sich voneinander in die Heim- und Telearbeit. Dabei war das ja kein richtiger Abschied. Eher begann eine neue Realität.

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Eine Woche des Chaos vor der einseitig geschlossenen Grenze nach Polen ist vorbei. Rekordstaus vor den Toren Frankfurts, Menschentrauben auf einer zeitweise autofreien Stadtbrücke, die im Abendlicht vieler polnischer Rückkehrer – entweder Reisende mit großen Koffern oder Pendler mit Papieren – mondän wirkte. Doch das war nur ein kurzer Moment, bis die Brücke wieder von Autos überrollt wurde, um die Fahrzeugströme abzuleiten.

Grenzkontrollen bestimmen wieder die Doppelstadt. Jetzt ist der Mann in Maske und Schutzanzug, der den Wartenden das Fiebermessgerät wie eine Pistole an den Kopf hält, ihr Symbol. Manche Besprechung zwischen Arbeitskollegen und Geschäftspartnern findet nun direkt an den weißroten Absperrungen auf der Brücke statt, Dokumente werden dort übergeben, persönliche Dinge, Essen. Ein Paket Spezialhundefutter vom Słubicer Tierarzt wird für einen Patienten in Frankfurt herübergeschoben. Zigarettenschmuggel im kleinen Grenzverkehr kommt wieder auf. Deutsche Tank- und Einkaufstouristen können nicht mehr nach Polen. Und nun geht es in die nächste Stufe: die Berufspendler können nicht mehr pendeln.

Paare gehen Hand in Hand

Frankfurts Straßen sind in der Woche so leer wie sonst nur sonntags. Jener Wochentag, an dem junge Menschen, Studierende, Kinderlose schon immer lieber das Weite suchten, sich ins Getummel Berlins fallen ließen. An der Leipziger Straße, Einfallschneise nach Frankfurt, kann man nun bei offenem Fenster schlafen. Mitten am Tag erblickt man manchmal einen "Highway" ohne Autos. Dabei sind die Autos noch das Verkehrsmittel der Stunde, scheint man in ihnen doch gefeiter vor Ansteckung als in Bus und Bahn. "Freiheit" lautet der wie aus den 90ern klingende Name eines Autoservice in Frankfurt-Rosengarten. Er ist wieder brandaktuell.

Die Fußgänger bewegen sich anders. Jeden sonst automatisierten Pfad steckt man unwillkürlich neu ab, immer auf Sicherheitsabstand bedacht. "Die Leute gucken einen verdächtig an", sagt ein Kollege. Ja, es herrscht eine andere Aufmerksamkeit, mal solidarische mal kritische Blickkontakte, manche grüßen. Zweierbeziehungen gewinnen neuen Zusammenhalt, mehr Paare auf der Straße halten sich an der Hand. Viele Rentner sind zu sehen, unbewusst beginnt man Risikogruppen auszumachen. Ein alter Mann mit Rollator hechtet aus der Haustür über die August-Bebel-Straße. Biegt er etwa ab zum Supermarkt? Nein, bald kommt er denselben Bürgersteig zurück, drehte nur eine Runde an der Luft.

Auf gesteigertes Interesse stoßen Ansammlungen von Menschen. Vier Personen stehen weit auseinander vor einer Bäckerei an, weil jeder Kunde einzeln eintritt, und es ist, als wäre richtig was los. Das Geschäft läuft wie immer, sagt die Verkäuferin.

Beruhigende Kontinuität draußen in der Müllroser Chaussee. Wie immer bedecken hunderte Autos den riesigen Parkplatz am Gericht. Das Gericht hat zwar die Sprechzeiten eingeschränkt, aber die Verhandlungen seien weiter öffentlich, erfährt man auf einem Aushang, wie er jetzt überall den Krisenmodus verkündet. Großzügige Abstände zwischen den Richtern, Angeklagten und Zeugen sind schon in der Architektur der  Gerichtssäle angelegt. Normalbetrieb scheint auch auf den Baustellen der Stadt zu herrschen. Drei Archäologen legen mit Schaufeln und Pinseln die Kellergewölbe in der CPE-Bach-Straße frei. Frühjahrsputz findet statt: An den Blocks in der Rosa-Luxemburg-Straße harken Männer den Winterdreck vom Gras.

Denunziation im Internet

Hochtourig und nervös gestaltet sich das Leben derweil  in den Supermärkten und im Internet. Hinweise mit roten Ausrufezeichen: "Nur eine Packung pro Einkauf" steht ausgerechnet vor jenen Regalen, die leer sind. Nicht nur Klopapier ist gefragt, auch haltbare Kuh- und Hafermilch, Babybrei. Während in Online-Foren Hamsterkäufe an den Pranger gestellt werden, versuchen es die Verkäuferinnen in einem Drogeriemarkt mit einem freundlich formulierten Aushang: "Wir arbeiten hart, um die Waren für Dich wieder zugänglich zu machen. Wir bitten um Verständnis." Zu lesen auf Deutsch, Polnisch und Russisch.

Denunziert wird in diesen Tagen online. Ein Beispiel von Dienstagnachmittag: Jemand sieht eine lose zusammenstehende Gruppe junger Leute im Zentrum vor dem alten Kino, knipst heimlich ein Foto und postet es sogleich anklagend auf einer Frankfurter Facebookseite. Darunter ergießen sich böse und rassistische Kommentare über die Gruppe auf dem Foto. Einer weist auf Datenschutz hin, ein anderer auf das Ordnungsamt. Der Kommentar verschwindet wieder.

In Zeiten eingeschränkter Begegnung haben aber auch analoge Botschaften im öffentlichen Raum Konjunktur. In der Heilbronner Straße und auch an der Fußgängerbrücke zum Kleistpark haben Mutmacher selbstgemalte Banner aufgehängt: "Frankfurter, haltet zusammen!" steht drauf.

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