Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Corona-Quartier
Studenten finden im Hedwighaus in Frankfurt (Oder) stabilität

Studentisches Corona-Quartier: Luiza Smandzich (Mitte) und Sebastian Pape im Duell. Eylem Ates (links von vorn) unterhält sich mit ihren Mitbewohnerinnen Sophie Gehring, Isabelle Blume und Adrianna Rosa.
Studentisches Corona-Quartier: Luiza Smandzich (Mitte) und Sebastian Pape im Duell. Eylem Ates (links von vorn) unterhält sich mit ihren Mitbewohnerinnen Sophie Gehring, Isabelle Blume und Adrianna Rosa. © Foto: Nancy Waldmann
Nancy Waldmann / 28.04.2020, 19:05 Uhr - Aktualisiert 28.04.2020, 20:11
Frankfurt (Oder) (MOZ) Ein bisschen verwunschen liegt das Hedwighaus, eine Adresse an einer Sackgasse der Halben Stadt im Rücken des Hauses der Jüdischen Gemeinde, zur Seite zweier Hochhäuser fügt sich das früher als Kindergarten genutzte Häuschen in die charmante Wildnis des vergessenen Lienauparks. Sebastian Pape, der "Hausälteste" mit sechs Jahren Wohndauer, winkt zur Gartenpforte. Besuch ist eigentlich nicht erlaubt im Studierendenhaus mit Gemeinschaftsküche und geteilten Bädern – darauf haben sich die zehn Bewohner, die seit Mitte März eine "Corona-Familie" bilden, geeinigt. Aber im Garten und mit Abstand zur Besucherin – okay, ausnahmsweise.

Der Garten ist der Stolz des Hauses. "Wir haben hier eine Oase", sagt Pape. Die Asche auf der Feuerstelle ist vom gemeinsamen Osterfeuer, die Tischtennisplatte der Treffpunkt. Es fühle sich eigentlich nicht so nach Isolation an, sagt Pape. Aber auch die moderaten Mietpreise machen die "Oase" aus: 160 bis 280 Euro kostet ein Zimmer in dem vom Ökumenischen Europa-Centrum getragenen Haus. Sebastian Pape ist gerade die Hälfte seines Einkommens weggebrochen, das er durch Promotionjobs und als Barkeeper erarbeitet hatte. Das Haus bietet ihm Stabilität.

Alles über das Coronavirus und seine Folgen für Brandenburg und Berlin in unserem Corona-Blog.

Umzüge verschoben

Trotzdem ist im Hedwighaus vieles anders. Normalerweise wohnen hier 15 Leute. Zum Semesterstart sollten eigentlich fünf Neue einziehen. Eine Französin und ein Mexikaner konnten nicht kommen, sie mussten ihr Austauschsemester absagen. Ein anderer entschied sich, vorerst in Hamburg bei seiner Familie zu bleiben. Der Mitbewohner aus Marokko blieb erstmal, er kann seine Freundin jetzt nicht sehen. Die Jura-Studentin Isabelle Blume hatte gerade die Prüfungen fertig, das Referendariat  steht an, sie wollte nach Berlin ziehen. "Meine Bewerbungsgespräche wurden alle vorerst verschoben", erzählt sie. Sophie Gehring war dabei ein Projektseminar mit Partnern in Wien und Bratislava vorzubereiten, samt Exkursion. "Jetzt müssen wir ein Webinar daraus machen", sagt sie. Adrianna Rosa  bereitet wie die letzten Jahre das Theaterfestival Unithea vor – aber als Online-Edition. Und sonst fahre sie rund einmal im Monat nach Koszalin an die Ostsee. Aber jetzt verzichten alle auf Familienbesuche.

Plötzlich sind die umtriebigen Bewohner alle zuhause. Keine Veranstaltungen, Seminare online, Prüfungen abgesagt, Jobs im Homeoffice, dank noch vor Corona aufgerüsteter Internetverbindung. Aus Verantwortung gegenüber den Mitbewohnern hat man beschlossen, auch außer Haus auf Treffen mit Freunden weitgehend zu verzichten. Immer nur zwei gehen einkaufen. Das verändert die Gruppendynamik. Zwei ziehen sich in letzter Zeit mehr zurück. "Wir sind schon ziemlich unterschiedlich, aber wir kommen insgesamt gut klar", findet Eylem Ates. Es werde mehr zusammen gekocht und – weil alle viel zuhause sind – mehr auf den Putzplan geachtet. Mehr Leute helfen beim Subbotnik. Von Vorteil sei es, sich über die an der Viadrina angelaufene Online-Lehre austauschen zu können. Und am Abend schaut man zusammen die "Simpsons". Auch Wikingerschach ist beliebt. Dass dem Trägerverein durch die leerstehenden Zimmer Einnahmen entgehen, sei bislang kein großes Problem, sagt Sebastian Pape. "Anzeigen für neue Mitbewohner haben wir erstmal offline genommen. Wer einzieht, müsste bestenfalls einen Corona-Test machen."

Alles über das Coronavirus und seine Folgen für Brandenburg und Berlin in unserem Corona-Blog.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
© 2020 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG