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75 Jahre Słubice
Im Mai 1945, als es Federn schneite

Nancy Waldmann / 22.05.2020, 07:15 Uhr - Aktualisiert 22.05.2020, 16:45
Slubice (MOZ) Als die ersten Polen am 2. Mai gegen 18 Uhr die Dammvorstadt erreichten, konnten sich nicht erklären, woher all die Federn kamen, die durch die Luft flogen.

Die 52 Leute starke Gruppe aus Verwaltungsleuten, Handwerkern und Polizisten, angeführt von einem Mann namens Witold Jaroszynski, war zu Fuß vom 20 Kilometer entfernten Bahnhof in Reppen/Rzepin gelaufen, weil der Zug wegen Streckenschäden nicht weiter nach Frankfurt fuhr. Die Stadt, die sie in Betrieb nehmen sollten, hieß auf polnischen Karten bereits Słubice und erstreckte sich auf beiden Seiten der Oder. Hergeleitet war der Name von einer früheren slawischen Siedlung im Mittelalter. Das Bild, das sich der Gruppe bei der Ankunft im rechtsufrigen Teil bot: zu Schützengräben und Panzersperren umfunktionierte Straßen, auf den Oderdeichen sowjetische Artillerie und Flugabwehr – der Krieg war noch nicht ganz zu Ende. Aber die stationierten Rotarmisten hatten siegesgewiss rote Flaggen am Flussufer gehisst. Und bei genauerem Hinsehen stellte sich heraus: die flatternden Fetzen waren aus Kissen und Federdecken gemacht, die die Sowjets aus Wohnungen geholt und aufgerissen hatten.

Der surreale Federschnee könnte ein Bild sein, einerseits für Frieden und Aufbruch, andererseits für eine Situation, in der alles auf dem Kopf steht. Eine Vorlage für ein Reenactment. Doch das 75. Jubiläum verstreicht in Słubice still und fast unbemerkt. Bis auf ein zwei Facebook-Posts zum Jubiläum und einem wieder aufgelegten Beitrag von Hobby-Lokalhistoriker Roland Semik im Nachrichtenportal slubice24.pl war nichts zu vernehmen vom runden Stadtgeburtstag. Eine Feierlichkeit hatte man im Słubicer Rathaus auch vor der Coronakrise nicht geplant. Es passt zum Pragmatismus der Stadt, die – im kompletten Gegenteil zu Frankfurt – ihrer Vergangenheit bis heute wenig Aufmerksamkeit schenkt, sich nicht so recht zuständig zu fühlen scheint für ihre eigene, nun schon ein dreiviertel Jahrhundert währende Geschichte. Publikationen zur Zeit nach 1945 kann man an einer Hand abzählen. Ein Museum existiert nicht und ist auch kein Thema. Und Bewusstsein für historische Bausubstanz gehört nicht zu Słubices Stärken. Eine Reminiszenz an die Vergangenheit ist der Name eines Parks: der Park Pionierów erinnert an die ersten polnischen Siedler – die Pioniere.

Ein Trichter als Grenzübergang

Tatsächlich sind Quellen und Bilder vom frühen Słubice rar. "Fotos zu schießen war ohne Erlaubnis der Armee strengstens verboten", erklärt Roland Semik. Dazu wurde geklaut, natürlich auch Fotoapparate. Zum 50. Stadtjubiläum hatte das damalige Rathaus zumindest eine historische Arbeit in Auftrag gegeben, die bis heute das Standardwerk blieb. "Słubice 1945 – 1995" von Maria Rutowska schildert penibel genau den Aufbau von Verwaltung in der Stadt. Von zahlreichen Männern und Posten, die oft wechselten, ist dabei die Rede. So war neben Witold Jaroszynski, der als Abgesandter der polnischen Übergangsregierung mit seinen Leuten kam, Henryk Jastrzębski ein Mann der ersten Stunde, geschickt von der Polnischen Arbeiterpartei PPR, die spätere Einheitspartei. Jastrzębski war kurzzeitig Landrat in Rzepin, dann Bürgermeister von Słubice, einer von dreien im Jahr 1945. Hin und her ging es, ob Rzepin mit seinem Bahnhof oder Słubice die Kreishauptstadt sein soll.

Im heutigen Hotel Kaliski richteten die Statthalter um Jaroszynski ihr erstes Büro ein, im Haus links daneben nächtigten sie. Papier und Drucker besorgten sie sich aus der alten Versicherungsanstalt, heute das Kulturhaus Smok. Die ersten Meldescheinigungen wurden auf die leeren Rückseiten deutscher Formulare gedruckt.

Ein wichtiger Tag wurde auch der 22. Mai 1945. "Formell das Datum der Stadtgründung", sagt Roland Semik. In der Ostseestadt Köslin/Koszalin entschied damals der Regionalchef der polnischen Übergangsregierung, dass der rechtsufrige Teil von Frankfurt in den Kreis Weststernberg mit Sitz Reppen/Rzepin eingegliedert wird, und damit selbstständige Stadt wird. Dabei wurden tatsächlich die deutschen Ortsnamen und Kreise benutzt. Der Verwaltungsakt, mit dem Słubice vom westlichen Stadtufer abgetrennt wird, fiel in die Zeit vor der Potsdamer Konferenz Mitte Juli, als die künftigen Grenzen Polens erst definiert wurden. Dabei wollte die polnische Regierung eigentlich ganz Frankfurt. Die polnische Eisenbahndirektion in Posen führte den Bahnhof Frankfurt an der Oder bereits unter dem Namen Słubice.

Die Teilung der Stadt nahm ihren Lauf, auch wenn die Behelfsbrücke aus Holz ab Anfang Mai wieder die beiden Oderufer miteinander verband. Ungefähr auf Höhe der heutigen Shell-Tankstelle, traf sie auf das Słubicer Ufer. Den Grenzübergang bauten die sowjetischen Soldaten bald mit Mauern zu einem Trichter um. Das Flussufer bis Swiecko wurde mit einem Zaun abgegrenzt und für Polen zur Verbotszone erklärt. Von Frankfurt gesehen wirkte die Dammvorstadt verlassen, schreibt der Frankfurter Heimatforscher Eckard Reiß in seiner Chronik 1945/46.

Über die Holzbrücke kamen einerseits einheimische "Dämmler" in ihre Häuser zurück, andererseits überquerten sie Heimkehrer aus Gefangenschaft und NS-Lagern aus dem Westen kommend, darunter viele Polen.

Einer von ihnen war Alfons L., der aus der Zwangsarbeit in Luckenwalde heim nach Białystok wollte. Seine Geschichte hat der heute 102-Jährige dem My-Life-Archiv im Collegium Polonicum berichtet. Mitarbeiter der neuen Verwaltung überredeten L. in Słubice zu bleiben, denn sie brauchten dringend jemanden, der gut Deutsch konnte und mit den nach Kriegsende immer zahlreicher werdenden deutschen Bewohnern kommunizierte, von tausenden ist die Rede. Alfons L. leitete Arbeitseinsätze, etwa zur Räumung von Trümmern, zu denen die Polen die Dämmler verpflichtete. So ging das bis zur Vertreibung der meisten Frankfurter aus der Dammvorstadt am 15. und 16. Juni – auch das vor der Potsdamer Konferenz, denn die polnischen Verwalter fühlten sich von der Überzahl der Deutschen bedroht und zogen daher die Aussiedlung vor, so Eckard Reiß. Aus der Biographie von Alfons L.: "Die Deutschen gingen überwiegend von selber, zur Grenze hatten sie es nah. Einigen habe ich geholfen. Ich hatte einen Passierschein und einige Kranke habe ich mit dem Fuhrwerk ins deutsche Krankenhaus gebracht."

Ende 1945 wohnten knapp 680 Polen in Słubice. Die Stadt mit neuem Leben zu füllen war schwierig, erfährt man auch in den Biographien von Jan und Bronia D., die sich nach der Befreiung entschieden hatten im Westen ihr Glück zu suchen. Im Mai 1945 stand Jan D. auf der Oderbrücke, um Rückkehrer wie Alfons L. als Siedler zu werben. Die nicht allzu stark zerstörte Dammvorstadt war attraktiv, denn sie bot leerstehende und gut ausgestattete Häuser. Doch das zog auch "skrupellose Elemente" und "Schlitzohrigkeit" an, so ein Bericht vom Repatriationsamt 1946. Leute ließen sich eine Wohnung zuweisen, plünderten sie dann und zogen mit der Beute weiter, um sie zu verscherbeln. "Die 20 Polizisten schafften die Stadt nicht zu bewachen", so Jan D. Bald zog er mit seiner Frau ins 40 Kilometer entfernte Dorf Smogóry/Treuhofen, das die beiden als Zwangsarbeiter kennengelernt hatten. Ihre Aufgabe: Aus alten Kellerkartoffeln Schnaps brennen – die einzige Währung in den neuen polnischen Gebieten. Dafür konnte man sich ein Pferd von den Sowjets kaufen.

Wasser und Strom aus Frankfurt

Diese beschlagnahmten das Vieh von den Höfen, ebenso wie Druck- oder Landmaschinen, die die Polen zuvor in Betrieb genommen hatten, was Landrat Jaroszynski sorgte, auch die Vorführgeräte im Filmpalast Friedrichstraße (Kino Piast). Aber die Polen wussten sich zu helfen. Damit zumindest Strom und zwei Monate später auch wieder Wasser flossen, knüpften sie Kontakte zur deutschen Seite – ohne Erlaubnis der sowjetischen Stadtherren, dafür mit der Hilfe eines Frankfurter Elektrikers, den die Polen als "Spezialisten" in der Dammvorstadt verpflichtet hatten. Ende Juni bekam Słubice den ersten Strom über ein extra verlegtes Kabel aus Frankfurt – zum Preis von zwei Schweinen.

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