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Jahrbuch
Frankfurter Kirchengeschichte(n) aus 20. Jahrhundert im Museum Viadrina erschienen

Ines Weber-Rath / 19.06.2020, 05:00 Uhr - Aktualisiert 19.06.2020, 08:01
Frankfurt (Oder) (MOZ) Helga Grune war es noch vergönnt, ihren Part im Frankfurter Jahrbuch 2019 einem historisch interessierten Publikum in der Stadt- und Regionalbibliothek vorzustellen. Ihr Kapitel ist "Suchet der Stadt Bestes: Kirchliches Leben in der DDR – Beispiele aus der Bezirksstadt Frankfurt (Oder)" überschrieben. Kurz darauf hatte die Corona-Pandemie das Land erreicht und machte weitere Buch-Präsentationen vorerst unmöglich. Auch die von Pfarrerin Katharina Falkenhagen im Kreuzgemeindehaus geplante.

Die Lebuserin hat den ersten Teil des Jahrbuchs verfasst, der direkt an die Ausgabe aus 2018 anknüpft, das sich mit dem Aufenthalt der Kaiserwitwe Hermine von Preußen in Frankfurt beschäftigte. "Ich wusste, dass Katharina Falkenhagen an einer Biografie von Pfarrer Gabriel Hermann arbeitet und habe ihr angeboten, diese im Jahrbuch zu veröffentlichen", sagt Dr. Martin Schieck, der Leiter des Stadtmuseum Viadrina als Herausgeber der zeitgeschichtlichen Dokumentation.

Gabriel Hermann war der Pfarrer und Vertraute der 1947 unter mysteriösen Umständen in Frankfurt gestorbenen Kaiserwitwe. Vor allem jedoch war er der Gründer der Kreuzkirchengemeinde im Stadtteil West. In dem auf Initiative und in Regie von Gabriel Hermann 1927/28 erbauten Gemeindehaus hat Katharina Falkenhagen (53) gearbeitet und mit ihrer Familie bis zum Umzug ins sanierte Lebuser Pfarrhaus 2017 gelebt.

Als die gebürtige Frankfurterin im Dezember 1999 ihren Dienst als Pfarrerin in der Stadt angetreten hat, fand sie in Schränken unterm Dach des Gemeindehauses der von ihr betreuten Kreuzgemeinde unter vielen Dokumenten auch die handschriftlichen Lebenserinnerungen ihres Vorgängers Gabriel Hermann aus dem Jahre 1958.

Ihr sei beim Lesen schnell klar geworden, dass der Pfarrer "ein wichtiger Zeitzeuge" ist, dessen persönliche Erinnerungen veröffentlicht werden sollten, schreibt Katharina Falkenhagen im Prolog zu ihrem Jahrbuch-Kapitel unter der Überschrift "Pfarrer Gabriel Hermann. Erster Seelsorger der Kreuzkirchengemeinde in Frankfurt (Oder)".

Susanne Koch, Christa Schaeffer und Michael Stellmacher halfen der Pfarrerin 2003, die in Sütterlinschrift verfassten Originaltexte zu transkribieren. Verarbeitet hat Katharina Falkenhagen diese erstmals für eine Publikation anlässlich des 80. Geburtstages des Kreuz-gemeindehauses und seines Kindergartens im Jahre 2008 und später für einen Abriss zur Geschichte des Musikheims, des späteren Kleist-Theaters.

Den 14 Kapiteln ihrer Hermann-Biografie, die sich über die Zeit von der Einführung des Pfarrers in seinen Dienst in Frankfurt 1918 bis zum Wegzug als Rentner nach Bayern 1953 erstreckt, hat die Autorin jeweils eine kurze Zusammenfassung voran gestellt.

Besonders interessant sind die Schilderungen, die die Aufbruchstimmung im Frankfurt der "Goldenen Zwanziger" widerspiegeln. In sie fielen auch der Aufbau des Stadtteils West, in dem viele Familien aus den ehemaligen Ostgebieten ein neues Zuhause fanden, und des Kreuzkirchen-Gemeindehauses. Zu Vorbildern für die Stadt und darüber hinaus wurden die 1927 errichtete Schule und der 1928 im Gemeindehaus eröffnete Kindergarten, "der schönste in ganz Frankfurt (Oder)", wie es heißt.

Dank für viele Zeitzeugenberichte

Der Jahrbuch-Beitrag von Helga Grune schließt zeitlich an den von Katharina Falkenhagen an. Grune (78), im Sudentenland geboren, in Stralsund aufgewachsen und seit 1976 Frankfurterin, hat das zutiefst ambivalente kirchliche Leben in der Stadt zwischen dem Mauerbau 1961 und der Wende erforscht. Die ehemalige Krankenschwester, die nach der Wende im Fernstudium Literatur, Geschichte und Psychologie studierte, kam über die Arbeit im Verein "My Life" und die Mitgestaltung der Ausstellung "Katholiken in der DDR" zu ihrem Jahrbuch-Thema.

Für ihren Aufsatz hat die Autorin nicht nur in Archiven geforscht, sondern – wie auch Katharina Falkenhagen – mit vielen Zeitzeugen gesprochen. Ihnen gilt ein besonderer Dank der Jahrbuch-Herausgeber für die aufgebrachte Zeit.

Helga Grune ist vor allem der Frage nachgegangen, wie kirchliche Gemeinschaften in der Stadt – und es gab viele mehr als die Evangelische und Katholische Gemeinde – unter einer zentralistisch gelenkten SED-Herrschaft wirken konnten? In 18 Abschnitten und auf rund 100 Seiten hat Grune eine Fülle von Fakten zusammengetragen. Angefangen vom Zustand der kirchlichen Bauten in der Stadt und Erhaltungsmaßnahmen daran (zum Beispiel an der Friedenskirche und Heilandskapelle) über die Arbeit von Christen in sozialistischen Arbeitskollektiven bis zur kirchlichen (Jugend-)Arbeit.

Interessant sind Berichte über das soziale Engagement von Christen, wie Pfarrer Christian Gehlsen, im Wichernheim und auf dem Landgut Gronenfelde. Dass es sich bei dem Arzt, der Gehlsens Suchtberatung zu Fall brachte, um ein ehemaliges RAF-Mitglied handelte, wurde erst lange nach der Wende bekannt.

Im Abschnitt zur Rolle der DDR-CDU kommt unter anderem Buchhändler Karl-Heinz Möckel zu Wort. In leitender Position bei der DDR-Staatsbank tätig, wurde der Frankfurter wegen seines kirchlichen Engagements entlassen und nach kurzer Arbeitslosigkeit Finanzleiter im Landgut Gronenfelde.

Das Jahrbuch ist zum Preis von 13,50 Euro im Museum Viadrina und im Buchhandel (ISBN 978-3-9814739-5-7) zu haben.

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