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Konflikt
Willkür im Schrebergarten in Frankfurt (Oder)

Marcin und Alicja Jezak (l.) verstehen nicht, warum sie die Gartenparzelle von Michaela Jonach und Ronny Deichsler (r.) in Frankfurt (Oder) nicht übernehmen dürfen.
Marcin und Alicja Jezak (l.) verstehen nicht, warum sie die Gartenparzelle von Michaela Jonach und Ronny Deichsler (r.) in Frankfurt (Oder) nicht übernehmen dürfen. © Foto: Nancy Waldmann
Nancy Waldmann / 20.06.2020, 08:00 Uhr - Aktualisiert 22.06.2020, 06:23
Frankfurt (Oder) (MOZ) Ein Schrebergarten wäre ein Segen, dachten sich Alicja und Marcin Jezak als sie in der Coronazeit mit ihren zwei kleinen Töchtern zuhause saßen.

Das junge Słubicer Paar wohnt seit einigen Jahren in Frankfurt. Sie fanden das Inserat von Ronny Deichsler und Michaela Jonach. Die beiden wollten ihre Parzelle 215 beim Kleingärtnerverein Paulinenhof abgeben. Man einigte sich auf 500 Euro Ablösesumme. Bis Jezaks im Pachtvertrag seien, erhielten sie den Garten zur Zwischennutzung – ein üblicher Vorgang.

Doch der Vorstand des Paulinenhof e.V. blockt den Pächterwechsel ab – aus Willkür, finden die Gartennutzer. Die Jezaks mögen sich mal vorstellen, hieß es zunächst. Ronny Deichsler ging mit Marcin Jezak zum Vereinsheim, begleitet von dessen 12-jährigem Cousin, der für alle Fälle dolmetschen sollte. Gleich seien sie schief angeguckt worden, sagt Deichsler. Polen? Mit denen habe man schlechte Erfahrungen gemacht, bekamen sie zu hören. Eine polnische Pächterin sei mal verschwunden, ohne den Beitrag zu zahlen. Als Alicja Jezak Wochen später den Mitgliedsantrag abgab, hieß es, sie würde die Gartenordnung nicht verstehen. Die Jezaks sprechen nicht perfekt deutsch, können sich aber verständigen. "Ich kann mit einem Übersetzer kommen", bot Jezak an. Man könne ja auch ein Auto kaufen oder Bankgeschäfte mit Übersetzer machen, dachte sie. Das lehnte der Vorstand ab.

Später erhielten sie den Mitgliedsantrag mit Ablehnungsvermerk zurück. Michaela Jonach hakte telefonisch nach: "Weil es Polen sind?" – "Ja, da brauchen wir nicht weiterreden", habe die Antwort gelautet. Jonach selbst hörte, ihr Garten sei in schlechtem Zustand, die Laube hätte nicht regelkonforme Anbauten. Die sind tatsächlich etwas größer als erlaubt. "Wir haben den Garten vor vier Jahren mit derselben Bebauung übernommen, damals war das kein Problem", sagt sie. In anderen Gärten der Sparte sind sogar größer wirkende Lauben zu sehen. Schließlich hatte der Vorstand selbst einen Nachpächter für Parzelle 215. Für 10 Euro an Jonach/Deichsler sollte der den Garten sofort übernehmen wie er war. Dabei läuft der Pachtvertrag erst im November aus. Der Interessent sagte ab, als er von Jonach erfuhr, dass der Garten belegt sei. Schließlich haben Jezaks die Beete bestellt – das vorgeschrieben Drittel – schon Salat und Erdbeeren geerntet, Geld ins Trampolin und in Reparaturen gesteckt.

Gisela Wörtzel vom Vorstand des Paulinenhof e.V. wehrt die Vorwürfe ab. Man habe schließlich auch Russlanddeutsche und eine iranische Familie im Verein. Diese hätten "sachgerechte Fragen" zur Gartenordnung gestellt. "Wir entscheiden selbst, wer bei uns Mitglied wird", sagt sie. Der Vorstand bestimmt damit über die Vergabe von rund 300 Gärten auf elf Hektar. Frei stehen einige, aber anders als Parzelle 215 oft verwildert. Wer die Entscheidung des Vorstands anfechten will, könne sich an die Mitgliederversammlung wenden, so Wörtzel. Die trifft sich aber nur einmal im Jahr.

Der Stadtverband, Dachorganisation der 55 Frankfurter Kleingärtnervereine, bestätigt, dass ein Vorstand nicht begründen müsse, wen er in den Verein aufnimmt. Einen Übersetzer an der Seite eines Pächters könne er durchaus akzeptieren. Beim Stadtverband gibt es eine Schlichterkommission, die bei Konflikten vermittelt. An die hat sich Michaela Jonach nun gewandt.

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Angela Serl 23.06.2020 - 21:40:22

Sensationsgier schürt Unfrieden

Ich bin sehr darüber empört, wie sich eine Journalistin hier einen Sensationsartikel an Land ziehen möchte, ohne jegliche Hintergründe zu kennen. Meine Familie pachten seit vielen Jahren in der Sparte Paulinenhof einen Garten, neben uns, nicht weit, russische, polnische und syrische Nachbarn, mit denen wir uns gut verstehen, und die großes Interesse zeigen, den Garten mit Liebe zu bewirtschaften. Sie fragen uns schon mal, wenn sie etwas nicht verstehen und zeigen stolz ihre Errungenschaften. Dass eine polnische Familie abgelehnt wurde, hat nichts mit der Nationalität zu tun, es wird hier andere Gründe geben. Hier sollte die unerfahrene Frau Nancy Waldmann besser recherchieren, um nicht aus Sensationsdruck einen so dargestellten Artikel veröffentlichen muss. Was das für Folgen haben kann, ist garnicht auszudenken. Wieso wird es so dargestellt, als würde der Vorstand diskriminierend handeln? Soviel ich weiß, sind auch deutsche Bewerber abgesagt worden. Zuviel schlechte Erfahrungen mussten wir schon machen mit verwahrlost verlassenen Gärten und nicht beglichenen Rechnungen. Hier fordern wir eine Richtigstellung des Sachverhalts. Wir stehen hinter unseren Vorstand, der sehr bemüht ist, unsere Gartensparte gut zu vertreten und sehr viel Arbeit leistet, um dass wir Gartenfreunde hier unsere Freude und Zufriedenheit finden. Die Empörung über diese Falschmeldung öffnet uns mal wieder die Augen, wie die Presse und die Medien inkompetent handeln, nur um Leser an sich zu ziehen. Für uns steht fest, dass wir Sie "wärmstens" weiterempfehlen werden!

Karl Napp 21.06.2020 - 16:16:46

Man höre auch die andere Seite ...

Grundsätzlich gehe ich davon aus, dass die neuen Gartenfreunde "passen" müssen. Dies von der Nationalität und/oder ggf. Religion abhängig zu machen, geht jedoch aus meiner Sicht gar nicht. _ _ / / _ _ ABER: Leider kann man vorab nicht prüfen, ob die neuen Gartenfreunde tatsächlich passen. Wir hatten in unserem Verein schon einige Vorfälle, wo die Gärten 1x im Jahr für ein Wochenende in Schuss gebracht wurden, dann folgte eine lautstarke Gartenparty und dann war für's restliche Gartenjahr keine Aktivität zu verzeichnen. _ _ / / _ _ Oder dann gibt es noch die Garten-Nomaden - der Garten wird eine Saison mehr oder weniger genutzt, aber die Sparte bleibt auf den Kosten für Strom und Wasser etc. sitzen weil, die "Gartenfreunde" unbekannt verzogen sind. _ _ / / _ _ Und schlussendlich gibt es dann noch "Gartenfreunde", welche glauben, mit dem Pachtvertrag auch uneingeschränkte Rechte für sich und ihre Großfamilie erworben zu haben, soll heißen - täglich Lärm, lautstarke Musik etc. Bei entsprechenden Hinweisen auf die Gartenordnung durch den Vorstand kommt es teilweise zu bedrohlichen Szenen, welche bisher jedoch Gott sei Dank nicht eskalierten. _ _ / / _ _ Alles in allem ist es einem Vorstand durchaus frei gestellt, wen er auf Grund seiner bisherigen Erfahrungen als neue Mitglieder in den Gartenverein aufnimmt. _ _ / / _ _ Ach ja, nur so nebenbei, wir haben in unserem Verein neben Deutschen auch Polen, Russen, Serben und Algerier.

Martina Nieswand 21.06.2020 - 12:06:46

Willkür im Schrebergarten

Man schämt sich glatt als Frankfurter, so etwas zu lesen und das in einer Doppelstadt. Wir haben über 4000 Gärten in Frankfurt (Oder) nach Bundeskleingartengesetz und der Leerstand in den vergangenen 30 Jahren ist hoch. Wohl dem, der sich mit dem Abgebenden einigen kann und als junge Familie sich diesen Freiheitspunkt in der grünen Natur gönnen möchte, gerade in dieser Zeit. Manche Vorstände der Vereine haben vergessen, dass sie auch jung angefangen haben. Und mit Willkür vergrault man Menschen. Und das ist gerade in dieser heutigen Zeit sehr unpassend. Wir sollten uns freuen, dass junge Familien das Interesse am Kleingarten erlangen.

Ralf Cornelius 20.06.2020 - 11:55:21

Gelebter Alltag

Man sollte in der Sache mal schön den Ball flach halten oder aber das Spielfeld erweitern. Denn die Ablehnung von neuen Bewerbern in Kleingartenanlagen ist mitnichten so selten, wie hier suggeriert wird. Und das hat auch nichts mit der Nationalität zu tun. Vielmehr sind es die verquasten Statuten und Regularien der Vereine, die Vereinsmeierei generell sowie die Allmachtsphantasien einzelner Vorstände. So traurig es ist, was der Familie hier widerfährt, es ist gelebter Alltag in deutschen KGVs.

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