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Geburtstag
Ältester Sportfotograf Deutschlands – Winfried Mausolf aus Frankfurt wird 80

Thomas Gutke / 24.06.2020, 06:00 Uhr - Aktualisiert 24.06.2020, 14:36
Frankfurt (Oder) (MOZ) Es ist spät geworden im Berliner Olympiastadion, Borussia Dortmund setzt zur Ehrenrunde an. Das Endspiel um den DFB-Pokal 2017 ist entschieden – doch der Kampf um das beste Jubelfoto hat gerade erst begonnen. Über 100 akkreditierte Fotografen hetzen der Mannschaft hinterher, drängeln, schieben. Mittendrin: Winfried Mausolf aus Frankfurt (Oder), Jahrgang 1940, schwer beladen mit Kameras, Akkus, Objektiven. "Die Agenturen schicken ja keine Wurzelpeter wie mich ins Stadion. Wie da gearbeitet wird mit den Armen! Junge, Junge...", sagt er – doch eigentlich wünscht er sich genau dorthin zurück, ins Getümmel.

Am heutigen Mittwoch feiert Winfried Mausolf seinen 80. Geburtstag. Und falls nichts dazwischen kommt, wird er auch am 4. Juli wieder dabei sein, wenn – vor fast leeren Rängen – das Pokalfinale angepfiffen wird. An ein Ende seiner beruflichen Tätigkeit verschwendet der älteste Sportfotograf Deutschlands keinen Gedanken. Die Suche nach der perfekten Aufnahme treibt ihn an.

Urgestein aus Frankfurt (Oder)

Winfried Mausolf kam in Frankfurt in einer Zeit zur Welt, als in Europa bereits der Krieg tobte. Er hat noch eine dunkle Ahnung davon: "1945 wurden wir aus der Stadt evakuiert. Meine Mutter und ihre Schwester zogen mich im Handwagen. Links und rechts der Chaussee sahen wir die vielen toten Menschen; es war grauenvoll, ich habe das bis heute im Kopf."

1949 kehrte sein Vater aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück und baute als Dachdeckermeister einen Betrieb mit 28 Angestellten auf. Winfried Mausolf ging bis zum 4. Juli 1954 zur Schule. Warum er das so genau weiß? "Am Tag, als wir unser Abschlusszeugnis bekamen, fand das Endspiel um die Fußball-WM in Bern statt. Deutschland wurde Weltmeister. Ich bekam ein Abzeichen für gutes Wissen." Doch das nützte ihm erst einmal nichts. Er wollte zur Oberschule. Auf die durften jedoch nur Arbeiter- und Bauernkinder; er aber war Sohn eines Unternehmers. Und so ging er von 1955 bis 1958 in die Lehre bei Fotograf Hackel am Kleist-Theater.

Meisterschule in Caputh

Seine erste Anstellung fand Winfried Mausolf bei der DEWAG in Frankfurt, die im Auftrag der SED Großfotos für Werbezwecke produzierte. Nachdem die Abteilung aufgelöst wurde, bot sich für den Fotografen die Gelegenheit, ein Atelier in Seelow aufzubauen und wenig später die Meisterschule in Caputh und Potsdam zu besuchen. Die Meisterprüfung legte er 1968 bei Walter Fricke ab – eine Frankfurter Fotografen-Legende. "‘Meister willste werden? Dann zeich mal, watte kannst‘, hat er zu mir gesagt. Ich hab das dann jedenfalls ganz gut hinbekommen..."

Was er mindestens genauso gut hinbekam: In Caputh lernte Winfried Mausolf 1966 die Chemielaborantin Regina kennen – beide sind inzwischen seit 51 Jahren verheiratet, haben drei Kinder, sechs Enkel und zwei Urenkel.

Den HO-Betrieb in Seelow sollte Winfried Mausolf hauptberuflich bis zum April 1989 leiten, fast 35 Jahre lang. Doch die werktägliche Studiofotografie war ihm in erster Linie nur Broterwerb – seine eigentliche Leidenschaft galt schon damals dem Sport.

1960 veröffentlichte der "Neue Tag" ein erstes Foto von ihm mit Radsportler Täve Schur. Als ab 1969 der Armeesportklub Vorwärts nach Frankfurt kam, und 1971 die Fußballer des FC Vorwärts folgten, bewarb sich Mausolf erfolgreich als Klubfotograf. Es war der Beginn seiner Laufbahn als Fotojournalist. Eingang fanden seine Bilder vor allem in die "Fußballwoche" und das "Deutsche Sportecho". Die damals größte Herausforderung: "Die Bilder mussten nach Berlin. Abends kam ein Zug aus Warschau, der Bahnpost mitnahm. Die Kuverts mussten pünktlich übergeben werden, dasSportecho hat sich die Abzüge dann am Ostbahnhof abgeholt – es war abenteuerlich."

Europapokal im Stadion der Freundschaft

Und doch träumt er sich gerne zurück in die Zeit der großen Europapokal-Abende im Stadion der Freundschaft.  Wie am 18. September 1974, beim 2:1 gegen Juventus Turin vor 16 000 Zuschauern.

Mit zu den Auswärtsspielen in den Westen durfte er nie. "Ich stand immer auf der Liste. Aber es hat nie geklappt. Irgendwann hat mir jemand erklärt: Winni, Du fährst nicht in den Westen. Du hast Verwandte dort."

Ende der 1980er Jahre wurde die Doppelbelastung zu groß, und Mausolf entschied sich, das Fotoatelier abzugeben. Seit dem 1. April 1989 arbeitete er als freischaffender Fotograf. Eine richtige Entscheidung zur richtigen Zeit. Denn was er da noch nicht ahnte: DerMauerfall stand kurz bevor.

Nur sechs Tage nach dem 9. November 1989 saß Winfried Mausolf mit seiner Pentacon und Sportredakteur Jürgen Leibner auch schon im Zug über Prag nach Wien. Sie durften über das WM-Qualifikationsspiel der DDR gegen Österreich berichten. Beide schliefen in einer Bruchbude von Unterkunft, hatten keine Devisen, die DDR verlor mit 0:3. Und doch: "Das erste Mal im Westen zu fotografieren – das war schon was."

In einer Zeit, in der in Frankfurt viele Menschen beruflicher Perspektivlosigkeit entgegensahen, wurde Winni, wie er von vielen genannt wird, zum Wendegewinner. Dem Boxsport sei Dank.

Vertragsfotograf für Sauerland

1990 war Trainer Manfred Wolke mit Olympiasieger Henry Maske in den Profi-Boxstall von Wilfried Sauerland gewechselt. 1993 wurde Maske IBF-Weltmeister im Halbschwergewicht – in der Folge erlebte das Boxen in Deutschland einen nie dagewesenen Boom. Mit seinen exklusiven Aufnahmen für die Bild-Zeitung, die Sportbild, verschiedene Illustrierte, und natürlich die MOZ hatte Winfried Mausolf Anteil am Aufschwung. Er hielt als Vertragsfotograf für Sauerland die Erfolge der Frankfurter Boxschule mit seiner Kamera fest. Der Blick auf seine Bilder machte Frankfurt, machte Ostbrandenburg in schwierigen Zeiten stolz.

Und Winfried Mausolf hatte sie alle vor der Kamera: Henry Maske, Axel Schulz, die May-Brüder, Danilo Häußler, Nikolai Walujew, Arthur Abraham, Vitali und Wladimir Klitschko. Von den vielen aufsehenerregenden Kämpfen seien nur zwei genannt: Am 22. April 1995 verlor Axel Schulz gegenGeorge Foreman in Las Vegas. "Das war das erste Mal, dass die MOZ auf direktem Wege ohne den Umweg über die Agentur Bilder aus Amerika empfangen hat", erinnert sich Mausolf. Die Gesichter frei, klare Treffer, das mache ein dynamisches Boxfoto aus, sagt er. Ein solches gelang ihm damals in Vegas. Unmittelbar nach dem Ende hastete er zum Pressezentrum, ließ die Filme entwickeln, sein bestes Bild einscannen und setzte es ab.

Kein freier Fotograf hat mehr Bilder in der MOZ veröffentlicht als er. Mit seinen Aufnahmen von Henry Maske und Axel Schulz machte er eine ganze Region in schwierigen Zeiten stolz. Seine zweite Leidenschaft neben dem Sport gehört den Landschaften und der Natur in der Oderregion. Jetzt ist Winfried Mausolf 80 Jahre alt geworden.
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Winfried Mausolf wird 80 Jahre alt

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Ein zweiter denkwürdiger Abend: 14 Millionen TV-Zuschauer verfolgten am 14. Oktober 1995 das Duell zwischen Graciano Rocchigiani und Henry Maske in München. Doch vor der ersten Runde standen die Fotografen im Fokus. "Rocky war schon im Ring. Maske hat ihn zappeln lassen. Da kriegt Rocky plötzlich die Wut und haut einem Fotografen neben mir mit dem Bein in die Optik. Alles flog runter. Die Bodyguards sprangen auf, packten die Fotografen, auch mich. Einer hat mir das Hemd zerrissen – zum Glück hatte ich ein zweites dabei." Schließlich warteten nach den Kämpfen regelmäßig Empfänge, bei denen sich Promis aus Sport, Politik, Gesellschaft und Show die Klinke in die Hand gaben. Immer mittendrin: Winfried Mausolf. Er hatte das Privileg, auch viele private Momente der Box-Stars fotografieren zu dürfen: Maske mit seiner Tochter Sara auf dem Arm, die Hochzeit von Axel Schulz.

Technikaffin, detailversessen

Der Sport ist die eine Seite; Landschaften, Architektur, Kultur, kleine und große gesellschaftliche Ereignisse die anderen, mindestens genauso wichtigen Facetten des technikbegeisterten und detailversessenen Fotografenmeisters. 1997 dokumentierte Winfried Mausolf die Jahrhundertflut entlang der Oder – vor allem aus dem Helikopter heraus, den er bis heute regelmäßig für besondere Perspektiven anmietet. Er war dabei, als die Marienkirche ihre Fenster und Glocken zurückerhielt. Auch das Staatsorchester, Institutionen der Stadt und Region, Politiker und Unternehmen setzt er seit Jahren handwerklich perfekt in Szene. Kein anderer freier Fotograf hat wohl mehr Bilder in der MOZ veröffentlicht als er.

Zur Ruhe aber kommt er vor allem in der Natur, im Frankfurter Umland, im Oderbruch. "Das ist mein Ausgleich zum Sport", erklärt er. "Es ist erstaunlich, wie viele schöne neue Motive es immer wieder gibt. Das spricht für unsere Region", ist er überzeugt. Seine Naturbilder und Stadtansichten wirken wie wohl komponierte Gemälde, sie sind in vielen Wohnzimmern zu finden. Ob in Großdrucken oder in einem der über 50 Kalender und Bildbände, die Mausolf veröffentlicht hat. "Das hört sich immer so einfach an. Aber an ein Landschaftsbild stelle ich schon einen besonderen Anspruch. Und da heißt es: Geduld mitbringen."

Vor allem, wenn es um Störche, seine zweite große Leidenschaft neben dem Sport, geht, nimmt sich Winfried Mausolf Zeit. Viel Zeit. Wenn nötig auch ganz in der Früh nach langen Pokalnächten. Seine Frau Regina Mausolf kann ein Lied davon singen. "Er schnappt sich seinen Rucksack und ward stundenlang nicht mehr gesehen. Auch das Telefon bleibt dann aus. Es kann ja sein, dass gerade der Storch da ist..."

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