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Interview mit der BLMK-Direktorin
Ist Frankfurt (Oder) eine Kunststadt?

Ulrike Kremeier neben einem Bild von Ludwig Hirschfeld-Mack. Die Direktorin des Brandenburgischen Landesmuseums für moderne Kunst spricht über Frankfurt (Oder) und das Verhältnis der Stadt zu ihrem Museum.
Ulrike Kremeier neben einem Bild von Ludwig Hirschfeld-Mack. Die Direktorin des Brandenburgischen Landesmuseums für moderne Kunst spricht über Frankfurt (Oder) und das Verhältnis der Stadt zu ihrem Museum. © Foto: Thomas Klatt
Nancy Waldmann / 24.06.2020, 18:33 Uhr - Aktualisiert 26.06.2020, 07:29
Frankfurt (Oder) (MOZ) Zweieinhalb Jahre ist es her, dass Frankfurts damals städtisches Museum Junge Kunst im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst (BLMK) aufging und nun eine Institution mit dem Standort Cottbus bildet. Die MOZ sprach mit Direktorin Ulrike Kremeier, was die Kunst nun macht in der Stadt.

Frau Kremeier, erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Besuch in Frankfurt?

Das war 1993 in der Rathaushalle bei einer skandalumwitterten Ausstellung von Judith Siegmund, es ging um Rassismus. Die Stadt war dunkel, es lag so eine Schwere darüber. Ich bin überwiegend am Bodensee aufgewachsen, also auch in einer Grenzregion, und habe die Landesgrenzen immer anders erfahren als ich es hier wahrnehme.

Das Museum Junge Kunst gibt es nicht mehr, seit Frankfurt mit Cottbus zum Landesmuseum zusammengelegt ist. Ist nach der anfänglichen Skepsis inzwischen Vertrauen gewachsen in die Institution?

Die Angst hat sich gelöst. Das, was an einem Museum wirklich wichtig ist, nämlich die Sammlung, existiert ja weiter und wird geschätzt. Ich fand es gut, dass damals viele Menschen in Frankfurt gesagt haben: Wir wollen das Museum behalten. Etwas Besseres kann so einem Haus doch nicht passieren.

Was hat sich nach der Fusion mit dem Dieselkraftwerk Cottbus verändert, außer, dass beide Museen ihre Namen änderten?

In Cottbus fließen inzwischen Werke aus Frankfurt in die Ausstellungen. Ebenso wie unser anfangs skeptischer Kollege Armin Hauer nun begeistert ins Cott­buser Depot schaut. Das sind die sinnfälligen Wechselwirkungen.

Als Beobachterin von außen habe ich mich früher über die seltsame Distanz zwischen den beiden Museen gewundert, wie zwei Schollen schienen sie mir. Schon zu DDR-Zeiten waren sich die beiden wohl nicht grün. Jetzt ergänzen sich die Kollektionen wunderbar.

Das Cottbuser Museum ist größer und hat mehr Resonanz. Ist Frankfurt da die kleine Schwester?

Nein, wenn es um die Bestände geht, da sind beide einander ebenbürtig. Ja, wenn um die Erkennbarkeit nach außen geht. In Cottbus haben wir mit dem Dieselkraftwerk ein klares Gesicht. In Frankfurt sind wir quasi zwei Mal "Blinddarm" – die Rathaushalle ist Teil des Rathauses, der Packhof Teil vom Museum Viadrina. Über Frankfurt hinaus ist es deswegen schwierig, das Museum in seiner Gesamtheit zu kommunizieren, denn wir haben keinen identifizierbaren Ort.

Deswegen ist wichtig, dass wir mit dem alten Kino ein Gebäude bekommen, das alles – Depot, Ausstellungsraum, Büro – räumlich bündelt.

Passt ein Gebäude aus DDR-Zeiten gut zur gesammelten Kunst aus der DDR?

Wenn wir das Lichtspieltheater der Jugend zum Museumsbau transformieren, verkörpert das Gebäude alles, wofür das BLMK steht. Denn die Sammlung mit dem Kern Kunst aus der DDR ist großartig. Ein großes Miss­verständnis ist aber, diesen Bestand nur immer an DDR, also dem Staatlichen, festmachen zu wollen. Grundsätzlich ist das erstmal Kunst. Das Lichtspieltheater ist ein aus dem 19. Jahrhundert heraus entwickelter prototypischer Kulturbau von 1953. Den werden wir nicht Disney-mäßig rekonstruieren, sondern ihn in eine andere Funktion transformieren.

Wenn nicht DDR die Klammer sein soll für die Sammlung, was dann?

Die Ostmoderne von 1950 bis 2020 ist der Dreh- und Angelpunkt. Aber Ostdeutschland ist kein exotischer Zoo und hat auch keine einheitliche Kunstszene. Wir müssen mal von dieser DDR-Geschichte wegkommen. Und gucken, was sagt uns die Kunst darüber hinaus?  Der Umbau des alten Kinos zum Museum würde symbolisch analog zu unserem Umgang mit der Sammlung laufen: Kunstgeschichte trifft Kulturgeschichte trifft Gegenwart trifft Vergangenheit.

Was für ein Gebäude wird das sein in zehn Jahren?

Außen wird sich nicht viel ändern. Innen würde ich am liebsten den Jetzt-Zustand erhalten, den Innenraum nur minimal bereinigen. Drin müssen wir Räume schaffen, in denen man Licht und Raumklima kontrollieren kann. Räume, die Hängefläche bieten und ebenso Blick auf die alte Gebäudeschicht.

Wenn das Lichtspieltheater Museum ist, wird Frankfurt dann endlich eine Kunststadt?

Es ist schon eine. Das hängt nicht an Gebäuden.

Bei Frankfurt (Oder) denkt aber niemand an Kunst. Weniger als bei Beeskow oder Cottbus.

Frankfurt ist manchmal sehr mit sich selbst beschäftigt, das irritiert mich gelegentlich. So war es auch im Museum Junge Kunst, das ähnlich wie das Kleistmuseum ein treues lokales Publikum hat. Man kam und fühlte sich ein wenig als Störfaktor. Das sagen viele. Die jüngere Generation hat immer noch ein wenig Berührungsängste, anders als in Cottbus.

Wie wollen sie das Publikum in Frankfurt verjüngen?

Wir sind dabei. Eine Bedingung der Fusion war, dass wir in Frankfurt eine ordentliche Museumspädagogik aufbauen. Mit Jette Panzer und unserer polnischstämmigen Büro-Managerin Joanna Kopczynska haben wir die jetzt. Die beiden haben Kontakte mit Schulen und Kindergärten in Frankfurt und Słubice geknüpft und setzen spannende Programme um.

Aber wer kommt abseits von Schulklassen?

Familien. Bei den Mutter-Tochter-Führungen, die wir anbieten, war ich zunächst skeptisch. Aber die Kollegin hatte recht: Es funktioniert. Im Durchschnitt kommen fünf Mütter, jede mit ein, zwei Töchtern.

Sie erzählten einmal, dass sie schon aufgefordert wurden, etwas zum "Bunten Hering" zu machen, aber nicht wüssten, was sie beisteuern sollen. Hat die Stadt manchmal falsche Erwartungen ans Museum?

Nein, das ist o.k. Ich hätte auch Ideen fürs Stadtfest, etwa ein besonders gestaltetes Kettenkarussell. Ein Berliner Künstler hat so ein Teil gebaut. In meinem früheren Job in Brest wollte der Bürgermeister unbedingt was mit Fußball. Und irgendwann hatten wir ein internationales Künstlerteam zusammen, das gegen die Brester Mannschaft gespielt hat. Flankiert wurde das Ganze durch eine große Videokunstproduktion mit Zinédine Zidane rund ums Phänomen Fußball. Es war super und sehr publikumswirksam. Aber solche Projekte sind unendlich teuer.

Zur Person Ulrike Kremeier

2012 kam Ulrike Kremeier als Direktorin des Museums Dieselkraftwerk nach Cottbus. Seit der Fusion zum Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst 2017 ist sie auch für den Standort Frankfurt verantwortlich. Beide Häuser beherbergen mit 30 000 Werken die größte Sammlung zur Ostmoderne. Kremeier leitete zuvor die Kunsthalle im französischen Brest.⇥nmw

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