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Gojko Mitić und Co.
Als Frankfurt (Oder) für einen Sommer Filmhauptstadt der DDR war

Ralf-Rüdiger Targiel / 08.07.2020, 05:00 Uhr - Aktualisiert 08.07.2020, 21:18
Frankfurt (Oder) (MOZ) Gojko Mitić – wer kennt ihn nicht, den Hauptdarsteller zahlreicher Indianerfilme der DEFA. Am 13. Juni dieses Jahres konnte er seinen 80. Geburtstag feiern.

Das Foto zeigt ihn am 25. Juni 1971, wenige Tage nach seinem 31. Geburtstag. Er weilte damals in Bad Saarow. Fotografenmeister Heinz Köhler, der Leiter der Bildredaktion des "Neuen Tages"   konnte den Schauspieler, dem die Fahrt im alten, offenen Zweisitzer Opel 5/12 aus den 1910er Jahren sichtlich Spaß machte, im Bild festhalten. Diese Fotografie, ebenso wie die weiteren heute veröffentlichten Fotografien, die Heinz Köhler zusammen mit seinem 2001 verstorbenen Kollegen Martin Rauhut machte, stammen aus einem Album mit dem Titel "X. Sommerfilmtage der DDR". Ein Exemplar des wohl als Geschenk für die Eröffnungsgäste gedachten Albums konnte das Stadtarchiv im Jahr 2015 erwerben.

Der Anlass für die ausgelassene, aber alles andere als rasante Autofahrt waren also die "X. Sommerfilmtage der DDR", deren zentrale Eröffnungsveranstaltung an jenem Freitag, den 25. Juni 1971 in der Bezirksstadt Frankfurt (Oder) stattfand.  Der sechste Indianerfilm "Osceola", in dem Gojko Mitić den Häuptling der Seminolen Osceola verkörperte, war einer der acht Filme, die in den nächsten Tagen in Frankfurt in der Freilichtbühne aufgeführt wurden. Die "Sommerfilmtage" – seit 1962 in der DDR durchgeführt – hatten sich mit ihren Filmpremieren, darunter oft historische Filme und Komödien, zu dieser Zeit längst als Teil des sommerlichen Freizeitangebotes durchgesetzt. Anfangs nur in vier Bezirken, wurden sie bald auf alle Bezirke in der DDR ausgeweitet und fanden damit auch im Bezirk Frankfurt statt. Die "X. Sommerfilmtage" vom 25. Juni bis zum 3. Juli 1971 wurden nun sogar in Frankfurt eröffnet. Regisseure, Schauspieler, aber auch Kulturfunktionäre aus der Sowjetunion, der Tschechoslowakei, Polen, Rumänien und Delegationen der DEFA – unter ihnen Gojko Mitić – hatten sich auf Einladung der Hauptverwaltung Film des Ministeriums für Kultur der DDR für die Eröffnungsveranstaltung angesagt.

Eröffnung mit Mückenabwehrmitteln

Der 25. Juni begann für die Gäste mit einem Besuch in Bad Saarow, wo eine Seerundfahrt auf dem Programm stand. Danach begaben sich alle nach Frankfurt, wo Oberbürgermeister Fritz Krause und Kulturstadtrat Wilfried Pröger den Stellvertretenden Kulturminister und Leiter der Hauptverwaltung Film Günter Klein und die anderen Gäste um 14.30 Uhr vor dem Hotel "Stadt Frankfurt", wo sie dann übernachten sollten, empfingen.  Die Begegnung zwischen dem "Häuptling" Mitić – der vordem noch nie in Frankfurt gewesen war – und dem "Stadthäuptling" Krause soll, wie zu vernehmen war, recht lustig gewesen sein. Danach stand für die "Filmschaffenden" der fast obligatorische Besuch in Frankfurter Betrieben auf der Tagesordnung. Um 20 Uhr begann auf der Freilichtbühne "Erich Weinert" oberhalb der Halben Stadt die eigentliche Eröffnungsveranstaltung. Neben den ausländischen Delegationen und den "Vertretern des gesellschaftlichen Lebens" des Bezirkes und der Stadt hatten sich auch viele mit Sitzkissen und Mückenabwehrmittel ausgerüstete Frankfurter dort eingefunden.

Eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang begann es. Passend zum Premierenfilm "Anflug Alpha 1" überflog zuerst eine Fliegerstaffel der in Marxwalde (Neuhardenberg) stationierten Luftstreitkräfte die Freilichtbühne. Dann ertönte die Fanfare zur Eröffnung der Sommerfilmtage und Siegfried Sommer, der Vorsitzende des Rates des Bezirkes, begrüßte die Anwesenden.  Es folgte ein "buntes Eröffnungskonzert" des Stabsmusikkorps der Luftstreitkräfte der NVA und schließlich die Rede des Stellvertretenden Kulturministers Klein über den von Jahr zu Jahr wachsenden Zuspruch für die Sommerfilmtage. Danach wurde der angekündigte DEFA-Film des Regisseurs Janos Veiczi (Dramaturg Walter Janka) mit den Schauspielern Ute Boeden, Werner Lierck, Alfred Müller und Klaus-Peter Thiele uraufgeführt. Dieser Film über das Leben in den DDR-Luftstreitkräften erinnerte nicht zuletzt daran, dass den "Sommerfilmtagen" in der DDR auch eine politische Rolle zugedacht war. Der Abend klang für die Gäste bei einem "Mitternachtscocktail" im Hotel aus, zu dem der Oberbürgermeister geladen hatte. Es wurde wohl vergnüglich, sorgte doch besonders der Schauspieler und brillante Komiker Axel Triebel – er spielte in dem gleichfalls aufgeführten DEFA-Film "Husaren in Berlin" mit – ob geplant oder ungeplant, für Unterhaltung. Am nächsten Tag reisten die Gäste aus der Filmbranche in die Bezirke weiter, wo "ihr" Film erstmalig lief. Gojko Mitić fuhr nach Rostock, wo am Abend auf der Rostocker Freilichtbühne sein Film "Osceola" uraufgeführt wurde.

Die in den folgenden Tagen jeweils ab 20.30 Uhr auf der Frankfurter Freilichtbühne gezeigten Filme dürften auf großes Interesse der Frankfurter Filmfreunde gestoßen sein. Am nächsten Tag wurde der 1969 im (damals) sowjetischen Studio "Tallinfilm" vom Regisseur Grigori Kromanov produzierte historische Abenteuerfilm  "Die letzte Reliquie" gezeigt. Ingrida Andrina – sie spielte im Film das schöne Edelfräulein Agnes von Mönnikhusen – und Eve Kivi, welche die Rolle der Novizin Ursula verkörperte, waren beide zusammen mit dem Regisseur in Frankfurt. Der Film ist noch heute einer der bekanntesten estnischen Abenteuerfilme. Am Sonntag, dem dritten Tag der Filmtage stand die Aufführung von "Osceola" auf dem Programm, am Montag die 1967 entstandene polnische Musikkomödie "Ohrfeigen mit Musik". Es folgte der rumänische Historienfilm "Michael der Tapfere", dann noch die "Olsenbande in der Klemme" und schließlich die britisch-amerikanische Produktion "Lady L." mit Sophia Loren in einer Doppelrolle.

Rundfahrt in zwei Kutschen

Der vorletzte Tag dürfte für Frankfurts Jugend der eigentliche Höhepunkt der "X. Sommerfilmtage" gewesen sein. An jenem Freitag, den 2. Juli, trafen auf ihrer Premierenfahrt aus Ludwiglust Manfred Krug mit seinen Kollegen vom Film "Husaren in Berlin" um 14 Uhr am Hotel "Stadt Frankfurt" ein. Die Uraufführung des Films hatte am 26. Juni auf der Freilichtbühne in Berlin-Grünau stattgefunden.  Zum Gaudi der Frankfurter unternahmen sie gleich nach ihrer Ankunft, eskortiert von Reitsportlern der Sektion Reitsport der damaligen Sportgemeinschaft Nuhnen, in zwei Kutschen eine Rundfahrt durch die Stadt. Abends auf der Freilichtbühne ging es etwas später als sonst los. Es gab zuerst eine Modenschau. Nach deren Ende stellten sich der Autor und Regisseur Erwin Stranka und die Schauspieler vor, dann lief der Film an. Derweil der Film lief, fand in der Messegaststätte ein großer öffentlicher Filmball statt.

Für die 1983 vom "Kinosommer" fortgesetzten "Sommerfilmtage" war die 1953 eingeweihte und 1976/77 umfassend umgestaltete Frankfurter Freilichtbühne eine wichtige und auch gut angenommene Spielstätte.  Umso bedauerlicher ist, dass heute diese Stätte im Lienaupark – nordöstlich des nördlichen Lennéparkes gelegen – nicht mehr genutzt wird und seit Jahren einen tristen Anblick bietet.

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