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Miniaturbuch
Liebeserklärung an die Doppelstadt Frankfurt (Oder) und Słubice

Katrin Becker und Erik Rohrbach haben ein Miniaturbuch über ihre Liebe zur Doppelstadt Frankfurt und Słubice geschrieben. Für ihn ist es das 47. Minibuch, für sie das erste.
Katrin Becker und Erik Rohrbach haben ein Miniaturbuch über ihre Liebe zur Doppelstadt Frankfurt und Słubice geschrieben. Für ihn ist es das 47. Minibuch, für sie das erste. © Foto: Lisa Mahlke
Lisa Mahlke / 31.07.2020, 17:49 Uhr - Aktualisiert 31.07.2020, 19:20
Frankfurt (Oder) (MOZ) Es war vielleicht keine Liebe auf den ersten Blick, denn ihre allerersten "Blicke" wagten Katrin Becker und Erik Rohrbach nicht in Frankfurt oder Słubice. Sie wuchs in der Nähe von Lübeck auf, er bei Leipzig. Er kam 1966 in die Oderstadt, sie erst 2001. Und trotzdem haben sich beide so sehr in Frankfurt und in die Nachbarstadt Słubice verliebt, dass sie mit "(Lebens)linien in der Doppelstadt" ihrer Liebeserklärung ein ganzes Buch widmen. Groß ist es mit unter zehn mal zehn Zentimetern zwar nicht, steckt aber voller Begegnungen und Erlebnisse beider in der einen oder der anderen Stadt.

Nach seiner Lieblingsgeschichte im Buch gefragt, beginnt Erik Rohrbach gleich mehrere Geschichten zu erzählen. Sein absolutes Highlight sei aber die Begegnung mit Juri Gagarin und Walentina Tereszkowa, dem ersten Mann und der ersten Frau im Weltraum, gewesen. Den Bogen schlägt er über das Frankfurter Kosmonautenviertel und erzählt, wie Tereschkowa mit ihm getanzt hat, wie peinlich das war, weil er nicht tanzen könne, und wie klein Gagarin doch gewesen sei.

Katrin Becker fällt nicht die eine Geschichte ein. Sie mag die Episoden mit grenzüberschreitendem Charakter. Sie schreibt etwa vom Europatag, davon, wie für ihre Kinder offene Grenzen normal sind und merkt im Buch an: "Vielleicht sollten wir uns manchmal die Frage stellen, wie es in unserer Region wäre, wenn die Grenzen wieder geschlossen wären." Erschreckend sei gewesen, sagt sie jetzt: "Dann war ich auf einmal auf der Stadtbrücke und habe für offene Grenzen demonstriert." Das Buch mit seinen 37 Geschichten war nämlich vor der Grenzschließung im März schon längst fertig, sollte am Europatag im Mai vorgestellt werden. Das wurde nun auf August verschoben (s. Infokasten).

Mäuse unter den Dielen

Erik Rohrbach fällt dann jedoch eine Geschichte seiner Mitautorin ein, die ihm besonders im Gedächtnis geblieben ist: Sie erzählt darin vom Miteinander in der Paulinenhofsieldung, wie ihre zugezogene, deutsch-polnische Familie dort angenommen wurde, wie die Häuser die Geschichte der Siedlung erzählen, zum Beispiel mit der Zeitung aus den 30er Jahren unter den alten Dielen im Wohnzimmer, mit der sich eine Maus ein Nest gebaut hatte. "Ich sehe immer die Mäuse da rumlaufen, das ist lebensnah", sagt Rohrbach. Katrin Becker stellt aber klar: "Heute laufen da keine Mäuse mehr rum!" Für Erik Rohrbach ist aber genau das, was gute Geschichten ausmacht: dass Bilder im Kopf entstehen. In seinen 46 Miniaturbüchern, die er zuvor geschrieben hatte, konnte er das üben. Für Katrin Becker ist "(Lebens)linien in der Doppelstadt" das Erstlingswerk. Die Idee zur Veröffentlichung kam ihnen dort, wo Katrin Beckers Frankfurt-Słubicer Weg begann: an der Viadrina. Sie saßen beim Mittagessen auf der Terrasse der Uni-Mensa. Becker hat einen polnischen Ehemann, die Kinder werden zweisprachig erzogen. "Mit jemand anderem hätte ich das nicht machen können", betont Erik Rohrbach im Gespräch immer wieder.

Die beiden, die sich als ehemals Mitarbeiterin im Frankfurt Słubicer Kooperationszentrum und Stadtverordneter begegnet aber so richtig erst auf einer Fahrt nach Brüssel vor drei Jahren kennengelernt hatten, betonen ihre unterschiedlichen Perspektiven und Erlebnisse als aus dem Osten und aus dem Westen kommend. Und den Unterschied in den Generationen – die beiden trennen 40 Jahre. Dass sowohl Erik Rohrbach als auch Katrin Becker keine in Frankfurt Geborenen sind, sei irrelevant. "Ich denke, das ist nicht das Kriterium", sagt Katrin Becker. "Wir leben hier, wir können die Stadt mitgestalten." Sie bedauert, wie spürbar auf den Straßen ist, dass fast eine ganze Generation gegangen ist. Allerdings: Auch ihr 14-jähriger Sohn möchte nicht in der Stadt bleiben.

Mit der Liebe anstecken

Heimatgefühl, da ist sich das ungleiche "Paar" einig, habe sehr viel mit anderen Menschen zu tun. Deshalb dreht sich das Buch vor allem um persönliche Begegnungen. Katrin Becker hat es anfangs Überwindung gekostet, Geschichten über sich selbst zu verfassen. "Das ist etwas anderes als etwas über dritte Personen zu schreiben", sagt sie. Von Erik Rohrbach aber gibt es nur Lob. Er selbst hat die Taktik: Wenn ein Text nicht beim ersten Versuch sitzt, schmeißt er ihn weg.

Die Stadt jedenfalls, sagen beide, erschließt sich erst mit der Zeit. Sie hoffen, dass es anderen geht wie ihnen einst und dass sie von der Liebe zu Frankfurt und Słubice angesteckt werden.

Rund ums Buch und seine Vorstellung

200 Stück wurden vom Buch "(Lebens)linien in der Doppelstadt – Unsere Liebeserklärung an Frankfurt (Oder) und Słubice" zunächst gedruckt, bei Nestor-Print Bratislava, mit Förderung der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Das Vorwort schrieb die Viadrina-Präsidentin Julia von Blumenthal, das Nachwort die Direktorin des Kleist-Museums Hannah Lotte Lundt. Am 19. August, 17 Uhr, stellen Katrin Becker und Erik Rohrbach ihr Buch im Kleist-Museum vor. Es enthält Fotos und gemalte Bilder aus beiden Städten und umfasst 200 Seiten. Als Miniaturbuch darf es nicht größer als zehn mal zehn Zentimeter sein.

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