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Die Spur der Steine

Jörg KOTTERBA / 24.05.2009, 08:00 Uhr
Findlinge: Steinerne Zeugnisse aus der Geburtszeit einer Region. Um Frankfurt stehen sieben seit1987 unter Naturschutz. Fünf der Kolosse sind im Stadtwald zu finden: der Pilzstein, die Kappe, einer von zwei Näpfchensteinen, der erst 1997 freigeschaufelte Försterstein und der Große Stein nahe Rosengarten. Bei Nuhnen sind der Kanzlei- und der zweite Näpfchenstein zu finden.

Deutschlands Mountainbiker geben auf ihrer Internet-Plattform GPS-Tour jede Menge AusflugTipps. Einer heißt: Auf der Spur der Steine. Gemeint ist eine außergewöhnliche Rad-Tour von der Oder-Insel Ziegenwerder zu den Booßener Teichlandschaften. Und dann zu den Findlingen unserer Stadt. "Die Steine und Wege im Forst sind seit der politischen Wende 1989/90 mit Wegmarkierungen und Infotafeln touristisch erschlossen worden", wird im Internet für die Fahrt geworben. Auch mit einem Mountainbike könne man die Steine besuchen, "wobei eine gewisse Fitness notwendig ist. Von der Kappe bis zum Pilzstein gibt es keinen Pfad bzw. Waldweg. Also muss man diese kurze Strecke das Rad eventuell schieben."

Frankfurts Revierleiter René Schmidt informierte, dass eine große Wanderkarte vor dem Wildpark an der Fürstenwalder Poststraße auch über Findlings-Standorte informiert. Mit ihm machten wir uns auf, die Kolosse zu besuchen.

Der Pilzstein ist ein dunkelroter mittel-grobkörniger Granit, der aus Skandinavien "angerollt" kam. Der Super-Findling besitzt die stattlichen Ausmaße von 2,10 mal 1,80 mal 1,80 Metern und wiegt geschätzte neun Tonnen.

Die Kappe wirkt mit fünf Tonnen dagegen wie ein Leichtgewicht. Auch sie stammt wie viele andere Findlinge aus Südschweden.

Der Name Försterstein ist eine Reverenz an den ehemaligen Herrn im Wald: an Revier-Förster Norbert Schmidt. Der Vater von René war es nämlich, der den 28 Tonnen schweren Findling vor 17 Jahren im Wald entdeckte. Der Wummi steckte bis zur Spitze im Erdreich und wurde von ABM-Kräften freigelegt. Sein Nachbar ein paar Meter weiter, der auch aus grauem Granit besteht, bringt "nur" sechs Tonnen auf die Waage.

Auf der Spur der Steine kommt man nahe Rosengarten auch an einem 14 Tonnen schweren Koloss vorbei. Irgendwann wurde er bei Pagram aus dem Erdreich ausgegraben und im Auftrag des damaligen Gutsbesitzers an den nordöstlichen Rand des Stadtwaldes transportiert. Und weil den Frankfurtern kein rechter Name einfiel, blieb es schlicht beim Großen Stein . Der misst 3.40 mal 3.30 mal 1.80 Meter.

Ein Kuriosum in Frankfurts Steine-Bilanz: Es gibt zwei Findlinge gleichen Namens. Der Näpfchenstein im Stadtwald hat die Maße 2,80 mal 2 mal 1,45 Meter. Rings um den Stein verlaufende Vertiefungen - die Näpfchen - wurden früher unterschiedlich gedeutet. Viele sprachen von einem Opferstein, andere von einer frühgeschichtlichen Weihestätte. Die Löcher im Koloss, da ist sich René Schmidt ganz sicher, wurden früher mit Bohrern eingebracht und mit Wasser gefüllt. "Im Winter, bei starkem Frost, sollte so der Stein gespalten werden." Tatsächlich gehen die Fachleute von der Verwendung großer Findlinge als Bausteine von sogenannten Megalithgräbern aus. Das sind Grabstätten aus der jüngeren Steinzeit. Ab dem Mittelalter wurden Findlinge auch als Baumaterial für Fundamente und Außenmauern gewonnen. Gerade bei alten Feldsteinkirchen ist noch heute gut ablesbar, wo die gespalteten Steine am Bau ihren Platz fanden.

Der Näpfchenstein im Südwesten der Stadt , nördlich der Autobahn, wird auch Schalenstein genannt. Der elf Tonnen schwere Findling aus Greisgranit, der während der letzten Eiszeit an seinen heutigen Ort verdriftet wurde, befindet sich auf einer mit Bäumen bewachsenen kleinen Land-Insel inmitten einer landwirtschaftlich genutzten Ackerfläche und ist von weiteren kleineren Findlingen umsäumt. Früher nannte sich dieses Gebiet Lichtenberger Feldmark.

Auf der Oberfläche des runden, unregelmäßig geformten Findlings befinden sich mehrere runde Vertiefungen von etwa vier Zentimetern Durchmesser und etwa acht Zentimetern Tiefe. In der Publikation "Zeitschrift für Ethnologie" von 1875 findet sich ein Hinweis, dass es sich hier um einen Opferplatz handelt. Wanderer nennen die Vertiefungen im Stein "eine wunderbare Vogeltränke", weil sich in den Vertiefungen das Regenwasser sammelt. MOZ-Leser Bernd Eisermann berichtete, dass Anfang der 60er Jahre sein Lehrer Willi Presch diese Legende erzählte: "Man soll eine Frau um den Stein tragen und sich dabei nicht umdrehen. Das bringe Glück!"

Unweit des Näpfchensteines liegt - allerdings auf Privatgrund - der etwas eckige Kanzelstein . Diesen Namen kann er eigentlich nur wegen seiner kanzelartigen Formung erhalten haben. Vor dem Angriff zur Erstürmung der Stadt am 3. April 1631 soll einer Legende nach hier das schwedische Heer unter Gustav Adolph II. gelagert haben.

Hobby-Historiker Ulf Lieberwirth berichtete, dass in einem Messtischblatt von 1936 und auf Stadtplänen bis Anfang der 70er Jahre sowohl Näpfchen- und Kanzelstein, aber auch eine Feldscheune eingetragen sind. "Die war in meinen DDR-Jugendzeiten beliebter Anlaufpunkt der jungen Leute aus Süd. Der eine oder die andere sind sich dort draußen auch einmal etwas näher gekommen."

Lieberwirth macht auf einen anderen, nicht unter Naturschutz stehenden Findling aufmerksam: den Trassenstein . "Er liegt im Stadtwald und wurde 1968 bei Bauarbeiten für eine Erdgastrasse gefunden", recherchierte er.

In einem MOZ-Beitrag vom Juli 1993 wird der damalige Umweltamtsleiter Klaus-Dieter Zimmermann mit dieser Faustregel zitiert: "Sedimentgestein und Sandstein, etwa ab einem Kubikmeter Größe, gelten als schützenswert. Bei den kristallinen Gesteinen - wie eben den Frankfurter Brocken - gilt das ab drei Kubikmeter."

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