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Obdachlosigkeit
Wenn der Schlafplatz zur festen Unterkunft wird

Zwei von 14 Schlafplätzen: Nadine Wilhelm, Leiterin der Obdachlosenunterkunft, in einem der Mehrbettzimmer.
Zwei von 14 Schlafplätzen: Nadine Wilhelm, Leiterin der Obdachlosenunterkunft, in einem der Mehrbettzimmer. © Foto: Annemarie Diehr
Annemarie Diehr / 11.09.2018, 22:00 Uhr
Fürstenwalde (MOZ) Im Straßenbild sind sie nicht präsent und auch die Verwaltung sagt: Es gibt in Fürstenwalde keine Obdachlosen. Wer keine Wohnung hat, wird im Heim in der Luise-Hensel-Straße untergebracht. Die dortige Leiterin geht dennoch von einer geringen Dunkelziffer aus.

Eine Wohnung mit Fahrstuhl sei schwer zu finden, sagt der 58-Jährige. Im ersten Stock eines Wohnblocks in der Luise-Hensel-Straße sitzt er auf seinem Bett und raucht. Ein anderer Mann schläft im Bett nebenan, von den Geräuschen des Fernsehers völlig unbeeindruckt. Seit vier Jahren lebt der Fürstenwalder, der auf eine Gehilfe angewiesen ist, in der Obdachlosenunterkunft. Leiterin Nadine Wilhelm vermutet, dass es dabei bleibt.

Warum verlieren Menschen ihre Wohnung? Weil sie die Miete nicht mehr zahlen können, die Wohnung zwangsgeräumt wird oder die Betroffenen durch „mietwidriges Verhalten“ auffallen, sagt Verwaltungsmitarbeiterin Dana Brandner von der Fachgruppe Familie, Soziales und Bildung. Letzteres war auch bei dem 58-jährigen Fürstenwalder der Fall. Er habe unter Alkoholeinfluss gebrüllt oder im Hausflur gelegen  – um die anderen Mieter zu schützen, so Nadine Wilhelm, wurde ihm gekündigt.

14 Plätze sind in der Obdachlosenunterkunft vorhanden, belegt sind aktuell 13. „Das ist viel“, sagt die Heimleiterin. Es komme auch vor, dass die vorhandenen Plätze nicht reichen. Nadine Wilhelm vermutet eine geringe Dunkelziffer derjenigen, die auf der Straße leben, sich aber nicht helfen lassen wollen. „Es muss niemand obdachlos sein“, sagt Nadine Wilhelm. Die Brandenburgische Wohnungsnotfallhilfe (BraWo), die die Unterkunft betreibt, stellt der Stadt die belegten und unbelegten Plätze in Rechnung. 66 000 Euro sind dafür im Haushaltsplan 2018 vorgesehen. Die Einnahmen durch die monatlichen Benutzungsgebühren von 398,21 Euro, die Jobcenter oder Arbeitsagentur für jeden der Bewohner zahlen, liegen geringfügig darunter.

Auch eine Familienwohnung gibt es in der Luise-Hensel-Straße, dort lebt zurzeit eine junge Frau mit ihrem Kind. Eine Ausnahme. Bei den Bewohnern handelt es sich vorwiegend um Männer. Sie teilen sich Mehrbettzimmer mit Doppelstockbetten und je Wohneinheit Bad und Küche. „Die kommen, sind immer jünger und haben häufig psychische Probleme aufgrund von Drogen“, sagt Nadine Wilhelm.

Drogen sind in der Unterkunft tabu – niedrig prozentiger Alkohol ist es nicht. Einmal am Tag gehen die Heimleiterin oder ein Mitarbeiter durch die Wohnräume, ansonsten sind die Bewohner auf sich allein gestellt. Wer Hilfe sucht, wird im Sozialen Zentrum „Haltestelle“ der Caritas beraten. Manchmal gelinge es auch, erklärt Dana Brandner, einen Bewohner in das ebenfalls von der BraWo betriebene, benachbarte Wohnprojekt „Luise“ zu vermitteln. Dort werden Betroffene sozial-pädagogisch betreut. „Das wurde auch schon erfolgreich praktiziert“, so die Verwaltungsmitarbeiterin.

Unterschiedlich lange bleiben die Menschen, die woanders keine Obdach finden, in der Unterkunft. Für den 58-Jährigen mit Gehilfe, vermutet Nadine Wilhelm, wird es schwierig, überhaupt noch einmal einen Vermieter zu finden, der ihn einziehen lässt.

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