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„Schule ohne Rassismus“
Schollies wollen widersprechen

Manja Wilde / 08.12.2018, 06:00 Uhr
Fürstenwalde (MOZ) „Nein, das wird man nicht mal sagen dürfen!“ Bundesfamilienministerin Franziska Giffey ermuntert die Schüler des Geschwister-Scholl-Gymnasiums hinzuhören, nachzudenken und zu widersprechen. Seit Freitag ist das Gymnasium offiziell „Schule ohne Rassismus“.

„Ich hasse Ausländerfeindlichkeit“, sagt Lara Christine Baum. Aus diesem Grund kämpft die 16-Jährige an diesem Vormittag gern gegen ihre Aufregung an. Sie wird in wenigen Minuten auf die Bühne steigen, um vor Bundesfamilienministerin Franziska Giffey, Landtagsabgeordneter Elisabeth Alter, Landrat Rolf Lindemann, Bürgermeister Matthias Rudolph, Schulleiterin Sabine Jentzsch, etlichen Lehrern und hunderten Mitschülern den Festakt anlässlich der Titelverleihung „Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage“ zu moderieren. Bei diesem Thema mache sie das „extrem gern“, sagt Lara Christine Baum.

Doch noch ist die Ministerin nicht da. „Da steht nur ein Taxi, kein großes schwarzes Auto“, stellt Schulsozialarbeiterin Ivette Linde, die immer wieder aus dem Fenster späht, fest. „Vor zwei Jahren hatten wir hier etliche Mobbing-Geschichten im subtilen Bereich, über das Internet“, erzählt die Frau, die beim Verein Jugendhilfe und Sozialarbeit angestellt ist. „Dabei ging es nicht um Rassismus, sondern um Diskriminierung“, sagt Ivette Linde. Für sie schließt der Titel „Schule mit Courage“ Themen wie Gleichberechtigung von Frauen und Barrierefreiheit ein. „Die Kinder sind hier echt offen, die haben Weitblick“, betont sie.

„Wir haben die Volkshochschule hier, Asylbewerber gehen dorthin, um Deutsch zu lernen, auch während unserer Unterrichtszeit“, nennt Elisabeth Okun einen Berührungspunkt innerhalb der Schulmauern. „Ein respektvoller Umgang ist wichtig“, findet die 15-Jährige. Das funktioniere. Das „Hallo“ der Deutschschüler werde von den Gymnasiasten erwidert.

Die Initiative, die nun mit dem Festtakt offiziell beginnt, sei schon vor Jahren von Schülern angestoßen worden, sagt Schulleiterin Sabine Jentzsch. Nun wurde sie wieder aufgegriffen. „Da steckt Arbeit hinter“, weiß sie. Mindestens 70 Prozent aller Schüler, Lehrer, Hausmeister und Küchenkräfte müssen Zustimmung mit ihrer Unterschrift bekunden. „Das hat lange gedauert“, sagt Libby Buder. „Es ist schön, dass es zu meiner Schulzeit passiert ist“, fügt die 14-Jährige an. 82 Prozent aller „Schollies“, wie sich die Schulfamilie selbst nennt, unterzeichneten schließlich.

Die Initiativgruppe stellte eine Liste mit möglichen Paten auf – darunter auch die damals frisch ins Amt gekommene Bundesfamilienministerin Franziska Giffey, die sich bereits als Bürgermeisterin des Problembezirks Berlin Neukölln einen Namen machte, am heutigen Schollgymnasium ihr Abitur ablegte und in Briesen aufwuchs.

Und nun ist sie da. „Ich bin so aufgeregt“, ruft Leonie Roscher, die ihr am Ende den Blumenstrauß überreichen wird. Die Ministerin, in pinkfarbenem Kleid und mit gewinnendem Lächeln, schüttelt Schülerhände. Vom Podium lächeln Bilder der Geschwister Scholl in die gut gefüllt Aula – 1943, als die Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus mal wieder Flugblätter in ihrer Uni verteilten, waren die beiden vom Hörsaaldiener erwischt, an die Gestapo übergeben und von einem Richter zum Tode verurteilt worden.

Und nun, wo rassistische Sprüche wieder salonfähig werden, sei es um so wichtiger genau hinzuhören, fordert die Ministerin in ihrer Rede. „Das wird man doch wohl mal sagen dürfen“, heiße es dann. „Ihr müsst überlegen, ob das stimmt, aufstehen und Nein sagen“, fordert sie die Jugendlichen auf. Denn: „Der Titel ist Verpflichtung“.

Die Rahn- und die Spree-Oberschule dürfen sich bereits „Schule ohne Rassismus“ nennen. In der Stadt ist das Scholl-Gymnasium also die Nummer drei, im Land Brandenburg die Nummer 81.

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