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Schwangerschaftsabbruch
Wenn der Arzt nicht beraten darf

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Annemarie Diehr, Annette Herold / 28.02.2019, 06:00 Uhr
Fürstenwalde (MOZ) Ärzte durften bisher nicht darüber informieren, dass sie Abtreibungen anbieten. Eine Reform des Paragrafen 219a lockert dieses Verbot. Der Beratungsstelle Pro Famila geht das nicht weit genug: Sie fordert ein Ende der Tabuisierung des Schwangerschaftsabbruchs.

Elf Jahre ist es her, da saß Sabrina Schulz bei ihrer Frauenärztin und wusste nicht, was sie tun soll. Das Kind, das in ihrem Bauch wachsen würde, austragen oder abtreiben? „Ich fühlte mich nicht bereit für ein Kind“, sagt die heute 34-Jährige.

Sie ist damit nicht allein. Immer wieder entscheiden sich Frauen aus den unterschiedlichsten Gründen gegen ein Kind. Wann ein Schwangerschaftsabbruch möglich ist, regelt das Strafgesetzbuch. In Paragraf 218a heißt es, der Straftatbestand sei nicht erfüllt, wenn die Empfängnis nicht mehr als zwölf Wochen zurückliegt, sich die Schwangere vor dem Eingriff beraten lässt und der Abbruch von einem Arzt vorgenommen wird.

Auf ihrer Internetseite oder auf Broschüren darauf hinweisen, dass sie Schwangerschaftsabbrüche vornehmen, durften Frauenärzte und Kliniken bisher allerdings nicht. Der Paragraf 219a stellte dies unter Strafe. Erst in der Vorwoche stimmte der Bundestag nach langer Debatte einer Reform zu. Demnach dürfen Ärzte künftig vermerken, dass sie Abbrüche vornehmen. Für weitere Informationen müssen sie nach wie vor auf offizielle Stellen verweisen.

„Wir als Pro Familia erwarten eine Streichung des Paragrafen 219a“, sagt Ines Scholz von der Fürstenwalder Zweigstelle. Zu ihr kommen Frauen, die sich mit dem Gedanken tragen, abzutreiben. Die Sozialarbeiterin und ausgebildete Krankenschwester informiert über Methoden und Ärzte, die den Eingriff vornehmen, auf Wunsch werde auch über die Gründe für den Abbruch gesprochen. „Egal wie die Entscheidung ist, es ist immer eine schwere Entscheidung“, weiß Ines Scholz. Sie würde sich wünschen, dass der Schwangerschaftsabbruch nicht mehr tabuisiert und Ärzte durch die Gesetzeslage nicht mehr kriminalisiert würden.

An Pro Familia wandte sich auch Sabrina Schulz, bevor sich die Fürstenwalderin entschied, ihr Kind zu behalten. Die Beratungsbescheinigung, durch die der Abbruch für den Arzt straffrei ist, brauchte sie nicht. „Wir sind dafür, dass auch die Beratungspflicht aufgehoben wird“, sagt Ines Scholz. Die Pflicht empfindet sie als Entmündigung der Frau. Weil sie nicht wüssten, was sie erwartet, seien viele ängstlich und hätten Bedenken, von den Beraterinnen gedrängt zu werden, das Kind zu behalten.

„Jede Frau sollte selbst über ihren Körper entscheiden können“, meint eine 52-jährige Fürstenwalderin auf das Thema angesprochen. Sie fände es wichtig, nicht über Abbrüche, sondern Verhütung zu diskutieren. „Meine Tochter ist jetzt 20 und muss die Pille selbst bezahlen. Sie sollte bis 25 Jahren kostenlos sein“, sagt sie. Weil trotz Verhütung immer was schief gehen kann, sagt Sabrina Schulz, sollten sich Schwangere frei über Methoden und behandelnde Ärzte informieren können. „Die Lockerung des Werbeverbots finde ich gut.“

Das Helios Klinikum Bad Saarow ist für Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen möchten, die nächste Anlaufstelle. Man begrüße die breite öffentliche Debatte um den Paragrafen 219a, teilt Sprecherin Anja Paar mit. Erst wenn klar werde, welche Konsequenzen sich aus der Gesetzesänderung ergeben, wolle man sich dazu positionieren.

In der Rüdersdorfer Immanuel Klinik werden Schwangerschaftsabbrüche dagegen nur vorgenommen, wenn es einen medizinischen Grund gibt, wie Sprecherin Lydia Stübler berichtet. Zur Begründung verweist sie auf den christlichen Hintergrund des diakonischen Hauses.

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