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Handaufzucht
Ganze Küken für hungrige Wildschnäbel

Annemarie Diehr / 15.05.2019, 06:00 Uhr - Aktualisiert 15.05.2019, 06:39
Fürstenwalde (MOZ) Zwei Waldkäuze hatten Anfang der Woche ihren großen Tag: Von einem Käfig in der Tierarztpraxis Matzke im Rauener Kirchweg sind sie in eine Voliere im Tierheim an der Berkenbrücker Chaussee gezogen. Sie seien nun stark genug, sagt Christine Matzke, um sich ihr Futter selbst zu suchen.

Mehrere Wochen lang wurden die Jungtiere von Hand gefüttert: erst mit Stücken von Küken, dann mit ganzen Tieren. "Wenn sie es schaffen, lebendige Mäuse zu erjagen, können sie ausgewildert werden", sagt die Vizechefin des Tierheims.

Wie es junge Waldkäuze, aber auch Mäusebussarde, Sperber und Falken großzieht, hat sich das Team von einem Vogelexperten erklären lassen. Denn längst betreuen Praxis und Tierheim nicht mehr nur Haus-, sondern vermehrt Wildtiere. Seit vier Wochen werden sie wieder beinahe täglich abgegeben; die beiden Waldkäuze wurden Ende April in Behlendorf und Kummersdorf bei Storkow gefunden. "Hilflose Vögel werden häufig aus großer Entfernung gebracht. Auffangstationen gibt es nicht, Tierärzte sind oft nicht bereit, sich um Wildtiere zu kümmern, also übernehmen wir die Pflege als ehrenamtliche Aufgabe", sagt Christine Matzke.

300 Wildtiere pro Jahr

Dabei ist die ehrenamtliche Arbeit angesichts der stetig steigenden Zahl abgegebener Wildtiere mittlerweile eine Vollzeitaufgabe: 300 Vögel, Eichhörnchen, Feldhasen, Marder, vor allem Igel  und sogar Rehkitze werden jedes Jahr im Fürstenwalder Tierheim abgegeben. Zum Vergleich: Es bietet jährlich knapp 100 Hunden und 110 Katzen Asyl. Für die zeitaufwendige Aufzucht von Wildtieren bekomme das Tierheim allerdings keinen Cent, sagt die Vizechefin. Es ist ausschließlich auf Spenden angewiesen.

Warum derart viele Wildtiere den Weg in die Tierarztpraxis finden, kann sich Christine Matzke nicht erklären. "Die Menschen sind sehr tierlieb", sagt sie nur. Oftmals seien junge Wildtiere gar nicht verwaist, sondern werden, auch wenn sie aus dem Nest gefallen sind, von den Elterntieren weiter versorgt. "Aber wenn ein Mensch daneben steht, kommt natürlich kein Altvogel." Noch immer auf Unverständnis stoße bei Tierfreunden die Tatsache, dass Tierheime laut einer EU-Verordnung zu invasiven Arten seit 2016 keine Waschbären mehr annehmen dürfen. "Für nähere Auskünfte verweisen wir ans Veterinäramt in Beeskow", sagt Christine Matzke.

Auswilderung ist Ziel

Nicht immer werde das Ziel erreicht, per Hand aufgezogene Wildtiere wieder in die Freiheit zu entlassen. "Wenn das nicht möglich ist, müssen sie eingeschläfert werden." Denn als Haustier dürfen Wildtiere nicht gehalten werden, das verbiete das Tierschutzgesetz, sagt die Vizechefin des Tierheims.

Noch müssen sich die beiden von Hand aufgezogenen Waldkäuze an die neue Umgebung gewöhnen; dann unternehmen sie in der Voliere erste Flugversuche. Bis sie Mäuse jagen und ausgewildert werden können, dauert es noch eine Weile. "Bis 16. Juni sind die Tiere auf jeden Fall hier", sagt Christine Matzke. Dann feiert das Fürstenwalder Tierheim seinen Tag der offenen Tür.

Verhalten bei Wildtierfund

Die meisten Jungtiere, die anscheinend mutterlos gefunden werden – etwa weil sie aus dem Nest gefallen sind – sind der Natur gar nicht schutzlos ausgeliefert, sondern werden von den Elterntieren an der Fundstelle weiterversorgt. Bei Fund eines Wildtieres sollte dieses, ohne es zu berühren, zunächst nach äußerlichen Verletzungen untersucht und die Umgebung des Findelkindes beobachtet werden. Ist der Fundort nicht sicher (Katzen, Hunde, Straße), sollten etwa noch nicht richtig flugfähige Vögel an einen geschützten Ort nahe der Fundstelle umgesetzt (Hecke, Dach) und die Tiere aus der Entfernung weiter beobachtet werden, um die Altvögel beim Füttern nicht zu stören. Menschliches Eingreifen wäre in diesem Fall ein Fehler, der die Überlebenschance des Tieres senkt. Nur wenn Jungtiere wirklich verwaist, geschwächt oder verletzt sind, sollte man Hilfe leisten. Bei Fragen hilft die Tierarztpraxis Matzke unter Telefon 03361 2862 weiter; Abgabe von Wildtieren nach telefonischer Absprache. ⇥red

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