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Ein Spaziergang durch ein fast vergessenes Viertel.

Siedlungsfest
Gemütliches Quartier

Ruth Buder / 21.08.2019, 09:00 Uhr
Bad Saarow Schon seit seiner Geburt, seit fast 78 Jahren, wohnt Wolfgang Schiller in der Geschwister-Scholl-Straße in Bad Saarow, der ehemaligen Wehrmachtssiedlung. Als Zivilangestellter der Wehrmacht konnte sein Vater Herrmann in die 1937/38 neben der Kasernenanlage erbaute Siedlung mit seiner Familie einziehen und zur Miete wohnen. "Weil die Häuser auch Ställe hatten, wurden wir auch häufig als Karnickel oder Zickensiedlung bezeichnet", erinnert sich Schiller. Sein Geburtshaus und ein weiteres der 13 Doppelhäuser wurde allerdings im Krieg zerstört, aber Familie Schiller konnte nach Kriegsende, zu DDR-Zeiten, ein anderes Siedlungshaus kaufen. Beim Siedlungsfest mit Fredys Livemusik und Grillen am vergangenen Freitag hatten gerade die alten Bewohner den jüngeren viel über die Geschichte zu erzählen.

Errichtet worden war die Siedlung, nachdem die Wehrmacht in Bad Saarow eine Luftwaffen-Sperr-Ersatzabteilung errichtet hatte. Hier wurden Versuche mit Sperrballons durchgeführt, die dem Feind den Anflug auf Bodenziele erschweren sollten. An den Tests – so liest man es in der Bad Saarower Militär-Chronik- nahm auch die bekannte Starpilotin der Nazis Hannah Reitsch teil.

Nach Gründung der DDR, im Jahre 1949, wurden die Doppelhäuser mit je rund 1000 Quadratmeter Grundstück zu Volkseigentum. Ein Gesetz aus dem Jahre 1954 ermöglichte schließlich den Verkauf der Häuser, aber nicht des Grund und Bodens. Im Kreisarchiv befindet sich dazu detailliertes Material. Die meisten Mieter kauften, auch Familie Schiller. Wegen der Wohnungsnot, aber auch wegen der guten Lage zum Zentrum,  Bahn und Straße war das Interesse groß. "Wir hatten in Saarow nur ein Zimmer mit Küche und hatten Glück, dass meine Eltern kaufen konnten", berichtet Bärbel Herbst (72), die seit 1956 in der Geschwister-Scholl-Straße wohnt. Erika Triebke stammt eigentlich aus Rauen. "Die Schwiegermutter wohnte hier und wollte, dass mein Mann und ich einziehen." Bereut hat die heute 81-Jährige dies nie: "Ich habe immer gern hier in der Siedlung gelebt, sie ist gemütlich und überschaubar. Zum Einkaufen und zum Arzt komme ich noch gut zu Fuss. Hier möchte ich bis zu meinem Ende bleiben." Die Treppe ins Obergeschoss, die noch aus der Bauzeit vor 80 Jahren stammt, möchte sie  zwar nicht mehr so gern steigen, deshalb bewohnt sie nur noch das Untergeschoss.

Nach den Nazis zog die siegreiche Sowjetarmee in die Kaserne ein und "die aus der Siedlung" lebten quasi in einer Sackgasse Seite an Seite mit den "Russen", fernab des Sees und der prominenten Villen, über die in Saarower Chroniken viel mehr geschrieben steht. Wolfgang Schiller erinnert sich an das gute Verhältnis mit den Russen, noch heute haben er und seine Frau Aurora Kontakt zu dem damaligen Chef der Pioniere, der in der Nähe von St.Petersburg lebt.

Neue Eigenheime errichtet

Nach der deutschen Einheit wurden große Teile des militärischen Geländes verkauft. In der alten Geschwister-Scholl-Straße wurden auf Brachgelände drei neue Eigenheime errichtet, daran schließt sich heute der moderne Geschwister-Scholl-Ring an. Leben ist eingezogen am Rande der einst stillen Siedlung, der die Überalterung drohte. Beim Straßenfest waren auch jüngere Bewohner dabei, die den einst uniformen Siedlungshäusern ein anderes, ein modernes Gesicht gegeben haben.

So wie Sandro und Anja Peters. Den Grundstock dafür hat sein Großvater Peter Peters 1958 gelegt und – wie alle anderen auch – die Haushälfte für 6000 DM erworben. Erst nach der deutschen Einheit konnten die Eigentümer auch den Grund und Boden kaufen.

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