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Für Anke Thieme kam der Mauerfall zum richtigen Zeitpunkt.

Lebensgeschichte
"Ich bin eine Wende-Gewinnerin"

Manja Wilde / 09.11.2019, 06:00 Uhr
Fürstenwalde (MOZ) Ach übrigens: Die Grenze ist offen." So begrüßt Wolfgang Kittel seine Tochter Anke am Morgen des 10. Novembers 1989. Den Rasierer in der Hand, steht er vor dem Bett der jungen Frau und verkündet die Neuigkeit, die das Leben von Millionen Menschen ändert.

Anke Thieme muss lachen, wenn sie sich an diesen Tag erinnert. Sie sitzt in ihrem Büro, trägt ein luftiges Hemdkleid und funkelnden Schmuck. Es ist 10 Uhr, und sie hat gerade ein Pärchen beraten, das Fragen zu einer Wohnung hatte. Bei der Wohnungswirtschaft GmbH Fürstenwalde arbeitet sie im Bereich Vermietung. "Das ist ein toller Beruf, wenn ich noch mal die Wahl hätte, würde ich wieder das Gleiche lernen." Anke Thieme ist rundum zufrieden. "Ich bin eine Wende-Gewinnerin", steht für sie fest. Und damit meint sie nicht nur sich, sondern die Generation der heute 50-Jährigen.

Als die Mauer fällt, ist die Fürstenwalderin 21.  Ihre Ausbildung zur Wirtschaftskauffrau (damals hieß es Wirtschaftskaufmann) beim VEB Chemie- und Tankanlagenbau hat sie in der Tasche, beim VEB Gebäudewirtschaft verdient sie nun als Sachbearbeiterin ihr Geld. "Ich stand mit beiden Beinen im Leben, die Welt stand uns offen", sagt Anke Thieme.

Westberlin heißt die erste Station der großen Freiheit. Am 11. November geht es zum ersten Mal "rüber", mit Familie und Arbeitskollegen, 4 Uhr morgens mit dem Zug nach Erkner, dann weiter mit der S-Bahn. "Wir hatten Angst, dass die Grenze wieder schließt", sagt Anke Thieme, "alles war höllevoll". In Westberlin warten Freunde. "Der ganze Tag war ’ne Riesenparty." Die 100 D-Mark Begrüßungsgeld werden auf den Kopf gehauen. Eine Bekannte verspeist die erste Kiwi gleich mit Schale. Anke Thieme kehrt mit Kosmetik, dem Parfum "My Melody" und Bananen nach Fürstenwalde zurück, flitzt wenig später mit einem Nissan Sunny Sportcoupé durch die Straßen.

Ihrem Vater lastet die Angst um den Arbeitsplatz auf den Schultern. 40 Jahre hat Wolfgang Kittel im VEB Getränkekombinat in Langewahl gearbeitet, dann soll es den Betrieb nicht mehr geben. Er fährt trotzdem jeden Tag hin, katalogisiert für die Treuhand den Bestand. Dann schließt er zu, hangelt sich von einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme zur nächsten. "Mit über 50 hatte er keine Chance auf dem Arbeitsmarkt", spricht Anke Thieme für ihren Vater, der nicht mehr lebt. Mutter Monika Kittel geht es ähnlich. In den 1980er-Jahren lässt sie ihre Arbeit im Reifenwerk ruhen, um ihren Großvater zu pflegen. Nach der Wende ist sie arbeitslos.

So geht es vielen Fürstenwaldern. Im November 1990 erreicht die Arbeitslosenquote 16,8 Prozent. "Im Dezember erhöhte sich die Quote auf glatte 17 Prozent bei 6971 Arbeitslosen, die in der Fürstenwalder Nebenstelle des Arbeitsamtes Frankfurt registriert sind", steht in der MOZ vom 8. Januar 1991.

"Geklagt", sagt Anke Thieme, hätten ihre Eltern nie. "Sie haben gesehen, dass wir Kinder unseren Weg gehen, und das war für sie das Schönste." Die Tochter und ihr damaliger Freund und heutiger Mann, Lars Thieme, genießen die Zeit zu zweit. Die erste große Reise führt sie in die Türkei. 1994 kommt ihr Sohn zur Welt. 2001 beziehen ihr Haus. "Für uns ist alles perfekt gelaufen", bekräftigt Anke Thieme.

Laub harken statt feiern

Gefeiert wird das Mauerfalljubiläum aber nicht groß. "Wir harken am Sonnabend Laub." Wenn am Abend die Bilder der Grenzöffnung über den Bildschirm flimmern, wird sie sich aber gern erinnern. "Allein die Frisuren und die Mode sind doch zum Totlachen", sagt Anke Thieme. Wie zum Beweis holt sie ihr Handy hervor. Eine Collage zeigt sie und ihre besten Freundinnen, Katrin Ludwig, Katja Fischer und Ines Diekow auf Bildern, die vor rund 30 Jahren aufgenommen wurden. "Wir hatten alle die selbe Frisur", feixt Anke Thieme. Das ist heute anders, anderes ist gleich: Alle vier leben noch in Fürstenwalde, haben Arbeit und Familie.

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