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Vermisst
Mutter aus Fürstenwalde bekommt ihre Tochter an der Grenze wieder

Manja Wilde / 29.06.2020, 18:37 Uhr - Aktualisiert 30.06.2020, 09:58
Fürstenwalde (MOZ) Sabine Niels hat in Swinemünde ihre Karla (6) aus den Augen verloren. Die Kleine lief am Strand bis nach Deutschland.

Was mache ich, wenn Mutti nicht mehr da ist?" Das üben Sabine Niels und ihre Tochter Karla seit einigen Tagen ganz bewusst. "Ich bleibe genau an der Stelle stehen, an der ich bin und laufe nicht einfach los", schärft die Fürstenwalderin ihrer sechsjährigen Tochter dann ein.

Denn genau das hat Karla an ihrem ersten Urlaubstag auf der Ostsee-Insel Usedom nicht gemacht. Ganz allein lief sie mit ihrer roten Schippe von Swinemünde (Polen) in Richtung Ahlbeck. Sie war auf deutscher Seite angelangt, als sie einer Mitarbeiterin der Bundespolizei auffiel, die privat unterwegs war. Die Frau verständigte das Revier Heringsdorf. Über das Gemeinsame Zentrum der Deutsch-Polnischen Polizei- und Zollzusammenarbeit in Swiecko wurde die Polizei in Swinemünde informiert. Dort hatte Sabine Niels ihre Tochter als vermisst gemeldet. Nach etwa anderthalb Stunden Suche konnte sie die Kleine am Grenzübergang wieder in die Arme schließen.

Wie konnte Karla sich überhaupt so weit entfernen? "Der Strand war überfüllt, in Polen sind schon Ferien", erklärt Niels. Mutter und Tochter kamen aus dem Wasser. "Ich ziehe mich jetzt um, du spielst mit deiner Schippe hier", habe sie der Sechsjährigen gesagt. Keine zehn Meter seien es zwischen beiden gewesen. Als sie sich den Pullover überstreifte, habe sie ihr Kind noch gesehen, schildert die 47-Jährige. Einen Augenblick später, als sie sich den Rock zuknöpfte, nicht mehr. "Ich bin dann Richtung Beachbar, weil wir dort essen wollten", erzählt sie. Ein Fehler. Karla lief am Strand entlang.

"Kinder laufen in eine Richtung. Sie sind ganz zielgerichtet und suchen nicht das Umfeld ab", weiß die Fürstenwalderin nach einem Gespräch mit einem Polizisten. Panik habe sie während der Suche nicht verspürt, gesteht die Mutter von vier Kindern. "Das ging alles so schnell." In Gedanken ratterte sie dennoch Möglichkeiten durch. "Dass sie nicht mit Fremden mitgehen soll, haben wir geübt, da hätte es Geschrei gegeben", habe sie sich selbst gesagt. Und da sie gerade aus dem Wasser kamen, Karla die Wellen nicht so mag, fürchtete sie nicht, dass ihre Tochter ins Meer geht. Und dennoch: "Mir ist aufgefallen, dass wir präventiv zu wenig machen", gesteht Niels. Karla habe die Suchaktion, die sich bereits am Donnerstag ereignete, gut verkraftet und als "Abenteuer" bezeichnet. Noch bis Mittwoch sind die beiden an der Ostsee.

Story sorgt für Anfeindungen

Dass Karla mit der Geschichte in die Zeitung und in soziale Medien kommt, findet Sabine Niels nicht so schlimm. Schon als Baby hatte die Kleine ihren ersten öffentlichen Auftritt – Anfang 2014 im Brandenburger Landtag. Damals war Sabine Niels noch Landtagsabgeordnete der Grünen und trat mit dem Säugling während einer Ausschusssitzung ans Mikrofon. Heute ist Niels Mitglied des Bündnis Fürstenwalder Zukunft (BFZ). Ende Mai legte sie allerdings ihr Mandat in der Stadtverordnetenversammlung nieder. "Ich gehöre zur Risikogruppe, war die letzten Wochen im Homeoffice und wäre auf keine Versammlung gegangen", erklärt sie. Seit September 2019 arbeitet Niels als Lehrerin in Beeskow.

Nachdem ihre Urlaubsgeschichte in den sozialen Medien schon die Runde machte, habe sie auch etliche Anfeindungen erhalten, etwa, dass sie ihre Anstellung aufs Spiel setze, sagte Niels am Montag der MOZ. "Aber es müssen doch auch mal Geschichten erzählt werden, die gut ausgehen", findet sie.

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