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Prozess
Kyritzer soll Emsland-Gruppe hintergangen haben

Der Rohstoff kommt: In Kyritz werden pro Jahr 200 000 Tonnen Kartoffeln angeliefert und verarbeitet.
Der Rohstoff kommt: In Kyritz werden pro Jahr 200 000 Tonnen Kartoffeln angeliefert und verarbeitet. © Foto: Georg-Stefan Russew
Ingmar Höfgen / 08.08.2019, 19:30 Uhr
Kyritz Eigentlich ist Stärke ihre Stärke – Ende 2014 aber hatte die in Niedersachsen ansässige Emsland Group, zu der auch das Kyritzer Stärke-Werk gehört, eine ganz andere Baustelle zu bewältigen. Sie entließ überraschend und fristlos beide Geschäftsführer, darunter auch den Kyritzer Michael Sch. Der heute 58-Jährige muss sich seit Dienstag nun in einem Strafprozess vor dem Landgericht Osnabrück verantworten, ebenso sein 62-jähriger Ex-Kollege Hubert E.. Weiterhin angeklagt sind zwei Männer, denen mehrere  Logistikunternehmen gehören.

Exklusive Frachtverträge

Den vier Männern wirft die Staatsanwaltschaft Osnabrück Bestechung und Bestechlichkeit im geschäftlichen Verkehr in einem besonders schweren Fall vor. Im Jahr 2007 sollen die beiden damaligen Geschäftsführer mit den beiden anderen Angeklagten übereingekommen sein, alle Transporte der Emsland Group, vor allem im Seefrachtbereich, exklusiv über ein Bremer Unternehmen abzuwickeln. Als Gegenleistung sollen die beiden bei der Emsland Group tätigen Angeklagten gefordert haben, mit je 25 Prozent an diesem Unternehmen beteiligt zu werden. Das soll auch über Treuhandkonstruktionen geschehen sei. Insgesamt sollen Sch. und E. bis 2014, als die Konstruktion aufflog, rund 3,23 Millionen Euro zugeflossen sein – sowohl über Gewinnausschüttungen als auch wegen des Unternehmenswertes.

Die Existenz der Konstruktion haben die beiden Ex-Geschäftsführer durch ihre Anwälte eingeräumt, sagte Gerichtssprecher Christoph Sliwka auf RA-Anfrage. Sie seien aber der Meinung, dass dies keinen Straftatbestand erfülle, weil kein Unternehmen wettbewerbswidrig bevorzugt worden sei. Vielmehr sei nur das eine Unternehmen wegen der angebotenen Software-Lösung für den Auftrag in Frage gekommen; dieses habe weiter mit den vorherigen Spediteuren zusammengearbeitet, gab Sliwka die Ausführungen der Anwälte wieder.

Haftstrafe bis zu fünf Jahren

Bis zum 24. Oktober will die 2. große Strafkammer in Osnabrück insgesamt 15 Mal verhandeln, das nächste Mal am 14. August. Den vier Angeklagten drohen Haftstrafen zwischen drei Monaten und fünf Jahren. Auch der angebliche Gewinn von 3,23 Millionen Euro soll nach dem Willen der Staatsanwälte am Ende abgeschöpft werden.

Ob der Emsland Group ein wirtschaftlicher Schaden entstanden ist, weil Sch. und E.über sieben Jahre alles über eine einzige Logistikfirma abwickelten, ist unklar. Die Staatsanwaltschaft verfolge diesen Aspekt nicht weiter, weil er als Untreue nicht wesentlich ins Gewicht fallen würde, so Sliwka. Etwas anders sieht es offenbar der in Emlichheim beheimatete Konzern, der auf eine RA-Anfrage nicht reagierte. Er hat die beiden Geschäftsführer sowie weitere Personen und Gesellschaften auf Schadensersatz verklagt. Dabei geht es um einen zweistelligen Millionen-Betrag. Seit Erhebung der Zivilklage am Landgericht Osnabrück vor etwa zweieinhalb Jahren wurden Schriftsätze ausgetauscht, eine mündliche Verhandlung hat noch nicht stattgefunden. Das sei aber bei einem komplexen Verfahren mit mehreren Beklagten nicht ungewöhnlich, sagt Sliwka. Wann sich Michael Sch. hier einer Verhandlung stellen muss, bleibt zunächst also offen.

Die Emsland-Gruppe

In Brandenburg  betreibt die weltweit tätige Emsland-Gruppe Standorte in Kyritz und Golßen, in Mecklenburg-Vorpommern einen in Hagenow.

Das Werk in Kyritz hat sich nach Unternehmensdarstellung zu einem bedeutenden Standort in der Herstellung von Stärkeveredlungsprodukten für die Nahrungsmittelindustrie entwickelt. Von dort aus werden Kunden weltweit beliefert. In Kyritz werden etwa 200 000 Tonnen Kartoffeln jährlich zu rund 50 000 Tonnen Stärke verarbeitet.

Am Standort Golßen, der zusammen mit dem  dänischen Unternehmen Aller Aqua Technologies APS betrieben wird, werden Stärke und Proteine aus Kartoffeln und Erbsen gewonnen. Weiterhin werden 35 000 Tonnen Fischfutter pro Jahr produziert.⇥ih

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